Neue CD: Pago Libre
Till Eulenspiegel jazzt durchs Kaffeehaus
Genial improvisierter Mix aus Jazz, Folk und Klassik: Das Quartett Pago
libre trifft erneut ins Schwarze.
Schon die Besetzung des Quartetts Pago libre widerspricht gängigen
Stil-schubladen. An den Jazz erinnert die Rhythmusgruppe mit Klavier (der
in Weggis lebende Pianist John Wolf Brennan) und Kontrabass (neu: Georg
Breinschmid). Aber hinzukommen in der internationalen Truppe Tscho Theissings
Violine und das Flügel- und Alphorn des Russen Arkady Shilkloper:
Instrumente also, die auf die europäische Klassik und Volksmusik verweisen.
Dem entspricht der Stilmix, mit dem Pago libre auch auf dem sechsten Album eine
ganz eigenständige Musik entwickelt. Das Spektrum reicht von jazzig überdrehtem
Swing (W 9th Street) über eine genüssliche Walzer-Rekonstruktion (Waltz
for Alfred Hitchcock) bis zu den Folkloreanklängen im schrägen «Alpine
Sketch».
Soghafter Gruppensound
Entscheidender als solche Stil-Ingredienzen selbst ist allerdings, wie
sich die hochkarätigen Musiker diese anverwandeln. Ein Erfolgsrezept
liegt dabei darin, dass auch da, wo die Instrumente in farbig wechselnden
Konstellationen vielschichtig verzahnt werden, die daraus resultierende
Komplexität eingebunden bleibt in einen kompakten, mitunter soghaften
Gruppensound und in eine spannungsvolle Dramaturgie. Selbst ausfasernde
Klangexperimente (in der mysteriösen «Intrada») bleiben
so immer auf eine geradezu musikantische Weise zugänglich. Umgekehrt
werden eingängige Melodien, an denen das Album verschwenderisch
reich ist, immer kontrastiert durch Aktionen, die den freien Geist der
Improvisation mit kompositorischem Kalkül verbinden.
Wie sehr Avantgarde, so lustvoll und ohne Scheuklappen praktiziert wie
hier, Spass machen kann, zeigt der schwarze Humor der Polka-Parodie «Rasende
Gnome», in der Richard Strauss’ Till Eulenspiegel in einem
Wiener Kaffeehaus seinen Spuk treibt. Nicht zuletzt dieser filmischen
Assoziationskraft verdankt die Musik von Pago libre (ein sphärischer
Höhepunkt: «IntermeZZo») ihre starke Ausstrahlung.
Und natürlich der Tatsache, dass die einzelnen Musiker reihenweise
in fabelhaften Soli zu erleben sind.
Urs Mattenberger
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