Urs Mattenberger:
“Till Eulenspiegel jazzt durchs Kaffeehaus“
«Neue Luzerner Zeitung»,
Februar 2006


Neue CD: Pago Libre
Till Eulenspiegel jazzt durchs Kaffeehaus
Genial improvisierter Mix aus Jazz, Folk und Klassik: Das Quartett Pago libre trifft erneut ins Schwarze.

Schon die Besetzung des Quartetts Pago libre widerspricht gängigen Stil-schubladen. An den Jazz erinnert die Rhythmusgruppe mit Klavier (der in Weggis lebende Pianist John Wolf Brennan) und Kontrabass (neu: Georg Breinschmid). Aber hinzukommen in der internationalen Truppe Tscho Theissings Violine und das Flügel- und Alphorn des Russen Arkady Shilkloper: Instrumente also, die auf die europäische Klassik und Volksmusik verweisen.  
Dem entspricht der Stilmix, mit dem Pago libre auch auf dem sechsten Album eine ganz eigenständige Musik entwickelt. Das Spektrum reicht von jazzig überdrehtem Swing (W 9th Street) über eine genüssliche Walzer-Rekonstruktion (Waltz for Alfred Hitchcock) bis zu den Folkloreanklängen im schrägen «Alpine Sketch».

Soghafter Gruppensound

Entscheidender als solche Stil-Ingredienzen selbst ist allerdings, wie sich die hochkarätigen Musiker diese anverwandeln. Ein Erfolgsrezept liegt dabei darin, dass auch da, wo die Instrumente in farbig wechselnden Konstellationen vielschichtig verzahnt werden, die daraus resultierende Komplexität eingebunden bleibt in einen kompakten, mitunter soghaften Gruppensound und in eine spannungsvolle Dramaturgie. Selbst ausfasernde Klangexperimente (in der mysteriösen «Intrada») bleiben so immer auf eine geradezu musikantische Weise zugänglich. Umgekehrt werden eingängige Melodien, an denen das Album verschwenderisch reich ist, immer kontrastiert durch Aktionen, die den freien Geist der Improvisation mit kompositorischem Kalkül verbinden.
Wie sehr Avantgarde, so lustvoll und ohne Scheuklappen praktiziert wie hier, Spass machen kann, zeigt der schwarze Humor der Polka-Parodie «Rasende Gnome», in der Richard Strauss’ Till Eulenspiegel in einem Wiener Kaffeehaus seinen Spuk treibt. Nicht zuletzt dieser filmischen Assoziationskraft verdankt die Musik von Pago libre (ein sphärischer Höhepunkt: «IntermeZZo») ihre starke Ausstrahlung. Und natürlich der Tatsache, dass die einzelnen Musiker reihenweise in fabelhaften Soli zu erleben sind.  

Urs Mattenberger

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