Das Wort wird zur Musik —
James Joyce inspiriert
John Wolf Brennan
Eine gemeinsame Eigenschaft zeitgenössischen Kultur – so
scheint es, neben ihrem zunehmenden Drang zur Popularisierung, häufigem
Kitsch sowie der Gewöhnlichkeit – ist die synästhetische
Verbindung von Wort-, Hör- und Sehaspekten, die Vermischung des
Verbalen mit dem Nonverbalen. In der Literatur vollendete James Joyce
das Engagement aller Sinne mit dem Ziel der bestmöglichen Rezeption.
Sein virtuoses Jonglieren mit Ausdrücken, die Vivisektion der Wörter
auf vielen Ebenen und die formale und inhaltliche architektonische Mehrdeutigkeit
seiner Prosa bringen diese in eine Reihe mit so komplizierten und vielstimmigen
Werken wie zum Beispiel eine Symphonie. Das alles macht aus seiner Prosa
etwas Polymorphes, und – durch die auf verschiedener Art und Weise
sprechenden “Stimmen” – auch Polyphonisches. So schrieb
Samuel Beckett: “Hier ist der Inhalt die Form, und die Form der
Inhalt. Ihr sagt, dass dies nicht auf Englisch geschrieben ist. Es ist überhaupt
nicht geschrieben. Weil es nicht zum Lesen ist, oder wenigstens nicht
nur zum Lesen. Darauf soll man schauen, dessen soll man lauschen. Das
Schreiben von Joyce ist nicht über etwas, es ist dieses Etwas selbst.”
Über die Musikalität und den Rhythmus der Prosa von Joyce
muss man nicht diskutieren. Es reicht, einige seiner Fragmente laut zu
lesen, um zu merken, wie sehr der Hörsinn (wie auch weitere Sinne)
angesprochen wird. Davon ging der Komponist John Wolf Brennan aus, in
dessen kompositorischem Schaffen musikalische Werke einen zentralen Stellenwert
einnehmen, welche durch den Autor von Ulysses inspiriert wurden.
Der Album Text, Context, Co-Text & Co-Co-Text 1) enthält
drei solche Werke (A.L.P.traum, Bloo(m)himwhom, Strollin’ down
Memory Lane). Situiert im literarischen Kontext, neue Bedeutungen in
ihm schaffend, sind sie gleichzeitig eigenständige musikalische
Inhalte. Brennan spielt nicht nur mit der Musik, sondern probt, improvisiert,
und erfährt
auch mit der Bedeutung der Titel seiner Werke. Um ein Beispiel zu zeigen:
A.L.P.traum (die Nummer vier auf der CD) deutet auf die Hauptprotagonistin
in Finnegans Wake (Anna Livia Plurabelle). Wie die von Joyce in dem Roman
benutzten Worte, so ist auch der Titel Brennans mehrdeutig. Der in der
Schweiz wohnhafte Komponist aus Dublin, der perfekt Deutsch spricht,
musste, als er seinem Werk einen Titel gab, auch solche seine Konnotationen
berücksichtigen wie im Deutschen zwischen dem ‘Alptraum’ und
dem ‘Traum’. Und die Welt von Finnegans
Wake ist die Welt
der my(s)thischen Dunkelheit, des Träumen des Traums selbst, der
ein Alptraum oder ein angenehmes Phantasmat sein kann. Diesen Traum träumt
die Hauptperson der Erzählung, Humphrey Chimpden Earwicker und – aufgrund
seiner Universalität – jede andere Person, auch ALP.
Joyce erklärte Edmund Jaloux, die Sprache von Finnegans
Wake befinde
sich “in Anpassung an die Ästhetik des Traums, wo die Formen
grösser werden und sich vervielfältigen, wo die Visionen vom
Trivialen ins Apokalyptische übergehen, wo das Hirn die Wortstämme
benutzt, um andere Wörter daraus zu bilden, die es möglich
machen, seine Phantasmen, seine Allegorien, seine Anspielungen zu benennen”.
In der Traumwelt verflechten sich Wörter, Klänge und ihre Bedeutungen
frei und schaffen damit ungewöhnliche und häufig völlig
neue Bedeutungen.
Die Musik John Wolf Brennans ist voll von solchen unentdeckten Anspielungen
und Bedeutungen. Die Töne werden mit einer gründlichen, skrupulösen
Dekonstruktion geschaffen. Die Akkorde mischen sich, durch nichts begrenzt;
einzelne Töne trennen sich von der gesamten Einheit und bilden wiederum
eine ganz neue Qualität. Hier wird jedes Wort von Joyce zur Musik.
Einmal swingen wir zusammen mit ihr, getragen durch die Strassen von
Dublin, gesehen mit Leopold Blooms Augen aus dem Ulysses 2), ein
anderes Mal hören wir uns (in seinem Werk Epithalamium 3) für
Kammer-Ensemble) inmitten schwerer, düsterer Türen ins Bekenntnis
des lyrischen Gegenstandes aus dem XXXII. Gedicht aus dem Gedicht-Zyklus
Chamber Music, um am Ende mit Anna Livias Strom musikalisch wegzufliessen.
Arkadiusz Luba (Olsztyn/Polen, Februar 2006)
Literaturwissenschaftler, Journalist & Übersetzer
http://www.arekluba.ch.vu
1) John Wolf Brennan: Text, Context, Co-Text & Co-Co-Text,
Solo-Piano.
Creative Works Records CW 1025 (1993)
2) John Wolf Brennan: I.N.I.T.I.A.L.S. – Sources along the
Songlines 1979-91
Creative Works Records CW 1046/47 (2005)
Looking for Mr Ulysses (CD 1, Track 11)
3) John Wolf Brennan: Epithalamium (1994) after James Joyce’s “Chamber
Music No. XIII
for chamber ensemble (fl/bfl, ob/ca, cl/bcl, perc, pf, vn, va, vc, db)
Premiere: Alternativa Festival, Moskau, 26.5.1995.
Moscow Contemporary Music Ensemble, dir. Alexej Vinogradov.
American premiere: CCC, Chicago Cultural Centre, 19.9.1999.
Ensemble Noamnesia, dir. Michael Cameron
I Air – Breeze – Oboe [Cadenza]
II Gust– Squall – Hohe Böen
III Gale – Storm
- Air
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