Arkadiusz Luba:
“Das Wort wird zur Musik
– Joyce und Brennan”, Olsztyn/Polen, Februar 2006


Das Wort wird zur Musik —
James Joyce inspiriert John Wolf Brennan

Eine gemeinsame Eigenschaft zeitgenössischen Kultur – so scheint es, neben ihrem zunehmenden Drang zur Popularisierung, häufigem Kitsch sowie der Gewöhnlichkeit – ist die synästhetische Verbindung von Wort-, Hör- und Sehaspekten, die Vermischung des Verbalen mit dem Nonverbalen. In der Literatur vollendete James Joyce das Engagement aller Sinne mit dem Ziel der bestmöglichen Rezeption. Sein virtuoses Jonglieren mit Ausdrücken, die Vivisektion der Wörter auf vielen Ebenen und die formale und inhaltliche architektonische Mehrdeutigkeit seiner Prosa bringen diese in eine Reihe mit so komplizierten und vielstimmigen Werken wie zum Beispiel eine Symphonie. Das alles macht aus seiner Prosa etwas Polymorphes, und – durch die auf verschiedener Art und Weise sprechenden “Stimmen” – auch Polyphonisches. So schrieb Samuel Beckett: “Hier ist der Inhalt die Form, und die Form der Inhalt. Ihr sagt, dass dies nicht auf Englisch geschrieben ist. Es ist überhaupt nicht geschrieben. Weil es nicht zum Lesen ist, oder wenigstens nicht nur zum Lesen. Darauf soll man schauen, dessen soll man lauschen. Das Schreiben von Joyce ist nicht über etwas, es ist dieses Etwas selbst.”

Über die Musikalität und den Rhythmus der Prosa von Joyce muss man nicht diskutieren. Es reicht, einige seiner Fragmente laut zu lesen, um zu merken, wie sehr der Hörsinn (wie auch weitere Sinne) angesprochen wird. Davon ging der Komponist John Wolf Brennan aus, in dessen kompositorischem Schaffen musikalische Werke einen zentralen Stellenwert einnehmen, welche durch den Autor von Ulysses inspiriert wurden.

Der Album Text, Context, Co-Text & Co-Co-Text 1) enthält drei solche Werke (A.L.P.traum, Bloo(m)himwhom, Strollin’ down Memory Lane). Situiert im literarischen Kontext, neue Bedeutungen in ihm schaffend, sind sie gleichzeitig eigenständige musikalische Inhalte. Brennan spielt nicht nur mit der Musik, sondern probt, improvisiert, und erfährt auch mit der Bedeutung der Titel seiner Werke. Um ein Beispiel zu zeigen: A.L.P.traum (die Nummer vier auf der CD) deutet auf die Hauptprotagonistin in Finnegans Wake (Anna Livia Plurabelle). Wie die von Joyce in dem Roman benutzten Worte, so ist auch der Titel Brennans mehrdeutig. Der in der Schweiz wohnhafte Komponist aus Dublin, der perfekt Deutsch spricht, musste, als er seinem Werk einen Titel gab, auch solche seine Konnotationen berücksichtigen wie im Deutschen zwischen dem ‘Alptraum’ und dem ‘Traum’. Und die Welt von Finnegans Wake ist die Welt der my(s)thischen Dunkelheit, des Träumen des Traums selbst, der ein Alptraum oder ein angenehmes Phantasmat sein kann. Diesen Traum träumt die Hauptperson der Erzählung, Humphrey Chimpden Earwicker und – aufgrund seiner Universalität – jede andere Person, auch ALP.

Joyce erklärte Edmund Jaloux, die Sprache von Finnegans Wake befinde sich “in Anpassung an die Ästhetik des Traums, wo die Formen grösser werden und sich vervielfältigen, wo die Visionen vom Trivialen ins Apokalyptische übergehen, wo das Hirn die Wortstämme benutzt, um andere Wörter daraus zu bilden, die es möglich machen, seine Phantasmen, seine Allegorien, seine Anspielungen zu benennen”. In der Traumwelt verflechten sich Wörter, Klänge und ihre Bedeutungen frei und schaffen damit ungewöhnliche und häufig völlig neue Bedeutungen.

Die Musik John Wolf Brennans ist voll von solchen unentdeckten Anspielungen und Bedeutungen. Die Töne werden mit einer gründlichen, skrupulösen Dekonstruktion geschaffen. Die Akkorde mischen sich, durch nichts begrenzt; einzelne Töne trennen sich von der gesamten Einheit und bilden wiederum eine ganz neue Qualität. Hier wird jedes Wort von Joyce zur Musik. Einmal swingen wir zusammen mit ihr, getragen durch die Strassen von Dublin, gesehen mit Leopold Blooms Augen aus dem Ulysses 2), ein anderes Mal hören wir uns (in seinem Werk Epithalamium 3) für Kammer-Ensemble) inmitten schwerer, düsterer Türen ins Bekenntnis des lyrischen Gegenstandes aus dem XXXII. Gedicht aus dem Gedicht-Zyklus Chamber Music, um am Ende mit Anna Livias Strom musikalisch wegzufliessen.

Arkadiusz Luba  (Olsztyn/Polen, Februar 2006)
Literaturwissenschaftler, Journalist & Übersetzer
http://www.arekluba.ch.vu

 

1)  John Wolf Brennan: Text, Context, Co-Text & Co-Co-Text, Solo-Piano.
Creative Works Records CW 1025 (1993)

2) John Wolf Brennan: I.N.I.T.I.A.L.S. – Sources along the Songlines 1979-91
Creative Works Records CW 1046/47 (2005)
Looking for Mr Ulysses (CD 1, Track 11)

3) John Wolf Brennan: Epithalamium (1994) after James Joyce’s “Chamber Music No. XIII
for chamber ensemble (fl/bfl, ob/ca, cl/bcl, perc, pf, vn, va, vc, db)
Premiere: Alternativa Festival, Moskau, 26.5.1995.
Moscow Contemporary Music Ensemble, dir. Alexej Vinogradov.
American premiere: CCC, Chicago Cultural Centre, 19.9.1999.
Ensemble Noamnesia, dir. Michael Cameron
I     Air – Breeze – Oboe [Cadenza]
II    Gust– Squall – Hohe Böen
III   Gale – Storm - Air

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