Das grosse CONCERTO-Interview

«Concerto» 4/06, Wien
August 2006


1) Könntest du deinen musikalischen “Werdegang“ beschreiben – inklusive musikalischer Sozialisation (wir haben ja schon über King Crimson & so gesprochen) – was hat dich da als Teenager besonders interessiert & beeinflusst?

Neben King Crimson, der sogenannten Progrock-Fraktion (Gentle Giant, ELP, Yes, Genesis, Pink Floyd), dem Triumvirat Led Zeppelin – Jethro Tull – Deep Purple und dem “White Album“ der Beatles war es aus dem Rockbereich vor allem die englische “Canterbury Scene”, also Soft Machine, Hatfield & the North, Henry Cow, National Health, Allan Holdsworth; von der US-amerikanischen Seite die ersten Fusionbands (Zappa, Chicago, Santana, Blood, Sweat & Tears, The Flock), aber auch Eric Claptons Blues-Rückgriffe (Derek & the Dominos).

Im Jazzbereich (mit fliessenden Uebergängen – ich war von Anfang an ein passionierter Bergsteiger und Grenzfussgänger, auch als Hörer) war die Intitial-Zündung das legendäre Konzert 1973 in Willisau von Chris McGregor’s “Brotherhood of Breath” mit diesem unglaublichen Power-Mix aus komponierten Big-Band-Bläsersätzen und dem anarchischen Feuer freier Improvisation. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich später mit Musikern aus dieser Pionierbewegung (Julie Tippetts, Lindsay Cooper, Chris Cutler, Evan Parker, Paul Rutherford) auftreten würde (cf.  die CD “HeXtet – through the Ear of a Raindrop“, Leo Records 254).

1973 war ja eine unglaubliche Kreativ-Explosion im progressiven Rock: “Fragile“ von Yes, “Selling England by the Pound“ von Genesis,
“Thick as a Brick“ von Jethro Tull, “Brain Salad Surgery“ von ELP,
“In a Glass House“ von Gentle Giant, und für mich DER Meilenstein:
“Larks’ Tongues in Aspic“ von King Crimson – gut möglich, dass meine Vorliebe für die Violine (bereits im ersten Quintett “Impetus” – zu hören auf  I.N.I.T.I.A.L.S., später bei Pago Libre) darauf zurückgeht – das Interplay zwischen Robert Fripp, David Cross, Bill Bruford und John Wetton gibt mir heute noch eine Gänsehaut.

Weitere wichtige Musiker waren für mich damals auf der europäischen Seite Mike Westbrook, John Surman, Willem Breuker, Lars Hollmer, Okay Temiz, Louis Sclavis, Gianluigi Trovesi, das Ganelin-Trio, Sergey Kuryokhin, und jenseits des Atlantiks einerseits Bill Evans, McCoy Tyner, Paul Bley, John Coltrane und Miles Davis, anderseits die Jazzrockpioniere John McLaughlin’s Mahavishnu Orchestra, Chick Corea’s Return to Forever, Toni Williams Lifetime und Weather Report. Einen tiefen Eindruck hinterliess auch McLaughlin’s erster “Shakti“-Auftritt 1976 in Montreux und Gato Barbieri’s hymnische “Chapter One”-Exkursionen mit lateinamerikanischen Volksmusikern.

Der klassische Bereich war aber wohl insgesamt der prägendste, trotz oder wegen dem familiären Hintergrund (siehe Frage 2). Meine damalige Klavierlehrerin Eva Serman stammt aus Ungarn, und ich liess mich von ihrer Begeisterung für die Musik Béla Bartóks anstecken, weil dessen motorische Insistenz (“Allegro Barbaro”) gut zum Rockfeeling passte, das ich als Bassist erlebte (siehe Frage 2). Dazu kamen Strawinsky, Ravel, Mussorgski, Satie, Ligeti, Kodály, Prokofieff, Berio, Mompou, Kurtág, Messiaen, Varèse, Cowell, Nancarrow und Cage, später Astor Piazzolla und Steve Reich und – sozusagen als cantus firmus – “General Bass“ Johann Sebastian Bach, der laut Jack Bruce ja die besten Basslines aller Zeiten schrieb...

2) War es für dich immer schon klar, dass du Pianist werden wolltest?

Ueberhaupt nicht – dazu war meine Familie zu vorbelastet: mein Vater war ein ausgezeichneter Pianist, der allerdings aus beruflichen Gründen Amateur blieb; meine Mutter war Sängerin (das klassisch-romantische Repertoire samt obligaten Zugaben irischer Volkslieder in ziemlich sentimentalen Arrangements, was z.B. James Galway heute noch pflegt); mein früh verstorbener Onkel war ein bekannter Komponist und Pianist. In der pubertären Rebellionsphase entdeckte ich für mich die Bassgitarre,
stand mit 15 auf der Bühne und zupfte mich da wacker durchs klassische 70er-Rockrepertoire, von Jimi Hendrix über die Doors zu Cream, Deep Purple, den Stones und Led Zeppelin, später auch Jethro Tull und Blind Faith. Die 5jährige Phase(nverschiebung) als Bassist hat sicherlich auch “fundamentale“ Spuren in meiner Art zu komponieren hinterlassen – hör Dir doch daraufhin mal die Bassstimmen z.B. in den Pago Libre-Stücken an!  Meine jugendlichen Berufswünsche waren, in dieser Reihenfolge: Swissairpilot – Reporter – Bergführer. Rückblickend könnte man sagen, dass sich vieles davon im jetzigen Beruf vereinigt: das Fliegen über die Topographie der Töne; das Recherchieren und Infragestellen eines Themas; die Orientierung in schwierigem Gelände, auch ohne GPS (cf. die CD “Triangulation”). Bergwandern ist im übrigen mein Hobby geworden: ein perfekter Ausgleich zur “stubenhockenden Akkordarbeit”!

3) Und wie steht es mit anderen Keyboards, Synths, Orgeln, Melodica und so – hat das alles nur eine Nebenrolle?

Kirchen-Orgel habe ich parallel zum Klavier an der Musikhochschule studiert und betrachte dieses Instrument in seiner faszinierenden Andersartigkeit (die atmenden Pfeifen, die Anschlagstechnik, die Registrierung, das Pedalspiel etc. machen die Verwandtschaft mit dem Konzertflügel eine rein theoretisch “tastende”!) gar nicht als Nebenrolle, sondern als ein eigenständiges Instrument neben dem Klavier. Vom Trio “pipelines“ ist eben der Live-Mitschnitt vom Lucerne Festival erschienen (Creative Works 1043), da ist die 4manualige Goll–Konzertorgel in Jean Nouvel’s “Salle Blanche“ im KKL in voller Pracht zu hören. Zwei weitere Beispiele sind das erste “pipelines”-Album mit dem Trompeter Hans Kennel (Leo 292) und “OrganIC VoICes” mit der Sängerin Gabriele Hasler (Leo LAB 003).

Die Melodica wird ja oft als Kinderspielzeug belächelt, aber man kann damit verblüffende Töne erzeugen, und sie befreit mich vom Zwang, immer an einem Manual kleben zu müssen. Sie ist eine Art portable Mund-Orgel. Mit den elektrischen Keyboards ist das so eine Sache... ich habe noch die ungetümen Tastentürme von Keith Emerson, Rick Wakeman und Kerry Minnear (Gentle Giant) in unguter Erinnerung, und dieser Pomp hat mich optisch und akustisch eher abgestossen. Einige Jahre schleppte ich ein Fender-Piano, später ein zentnerschweres Yamaha CP-80 herum, dann folgte ein langer “keyboardloser“ Zeitraum, weil ich vollauf damit beschäftigt war, aus dem “normalen“ Konzertflügel alle möglichen Klänge hervorzulocken, die oft viel spannender und natürlicher tönten als all die Elektronik. Das Resultat dieser Klangforschungen ist auf dem Album “Das Wohlpräparierte Klavier“ (Creative Works CW 1032) zu hören. Erst 2002 habe ich mir wieder ein Keyboard angeschafft,
und zwar für die Live-Musik zu Alfred Hitchcocks letztem Stummfilm “Blackmail“, die wir mit Pago Libre regelmässig aufführen. Auf “Triangulation”– im Trio mit Christy Doran (guitars) und Patrice Héral cajón, perc; Leo Records 388) habe ich dann zum allerersten Mal diese Keyboard-Sounds als vollwertige Klangpalette auf einer Studio-CD eingesetzt. Gerade der Hammondklang eignet sich vorzüglich für spannende, ganz unblutige Groove-Duelle mit elektrischer Gitarre.

4) Was ist ein Arcopiano?

In meiner Studienzeit habe ich viel John Cage gespielt, und seine Werke für prepared piano haben mich sehr angesprochen. Die Zeitspanne fürs Präparieren bzw. De-Präparieren schien mir aber bald viel zu hoch, und so suchte ich nach schnelleren Methoden, die mir sozusagen “in realtime“ einen blitzschnellen Wechsel zwischen “inside“ und “outside“-Spiel ermöglichen würden. So kam ich auf die Idee, gebrauchte Geigenbogenhaare, Fischerleinen und andere Gegenstände so zu “zweckentfremden“, dass dies möglich wurde. Das punktgenaue Zupfen der Klaviersaiten nannte ich pizzicatopiano; das sonore Saitenreiben quasi “mit Bogen” arcopiano, das zum ersten Male ermöglichte, die uralte romantische Sehnsucht zu erfüllen, mit dem Klavier einen “stehenden Klang“ zu erzeugen, der übrigens alles andere als statisch ist: er erzeugt einen ganzen Springbrunenn voller quicklebendiger, dynamischer Obertöne. Der klassisch vorbelastete Flügel wird so wie eine horizontale Harfe eingesetzt, vom Kopf auf die Füsse gestellt und damit zur Kenntlichkeit entstellt.

5)  Und was heisst Komprovisation?

Komprovisation ist eine spielerische Wortschöpfung, die mir in den Sinn kam, als ich über die Natur der Interaktion von Komposition und Improvisation nachdachte. Mit einer Metapher aus der Physik gesprochen: es handelt sich um verschiedene Aggregatszustände derselben Elemente. Im Kompositionsprozess verdichtet sich Gasförmiges und Flüssiges zu Festem, in der Improvisation verflüchtigen sich feste und flüssige Elemente (und dank Aufnahmetechnik wieder festgehalten: das Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit). Interessant ist, dass eine kongeniale Umsetzung einer Komposition vom Interpreten genau das Umgekehrte verlangt: Bach klingt in Glenn Goulds Händen so, wie wenn die Musik im Hier und Jetzt entsteht, und dieses beseelte, komprovisatorische Glücksgefühl – der Interpret als Komplize des Komponisten – stellt sich ein, wenn Martha Argerich Prokofieff, Maurizio Pollini Strawinsky, Alfred Brendel Schubert, Friedrich Gulda Mozart, Marianne Schroeder Scelsi oder Stockhausen spielt.

6) Das prepared piano – für dich eine weitere Klangfarbe oder ein eigenständiges Instrument?

Beides – das braucht sich ja nicht auszuschliessen. Das Klangfarben-Spektrum ist sicher eigenständig. Viele Aspekte dieser  “timbralen Palette” erinnern gar nicht mehr an ein Tasteninstrument. Aber durch den Wechsel zum “ordinario”-Spiel – vielmehr durch das blitzschnellen hin und her – entsteht eine Polyphonie der Gleichzeitigkeit, also auch eine Erweiterung des konventionellen Klavierspiels. 1990 hatte ich die grosse Freude, anlässlich eines 3tägigen Festival in Wetzikon/Zürich intensiv mit John Cage zusammenarbeiten zu dürfen. Sein zenbuddhistisches Lächeln, das alle seine geduldigen Antworten begleitete, ist mir unvergessen, und von ihm erhielt ich weitere Anregungen – nebst herrlichen Pilzrezepten! –  aus erster Hand.

7) Deine Werkschau “I.N.I.T.I.A.L.S.“ umfasst die Jahre 1979-1991 – hat das den Grund, weil du aus diesem Zeitraum viele teils unveröffentlichte Aufnahmen hattest, oder ist da auch irgendwann einmal ein Teil 2 geplant?

Ursprünglich war I.N.I.T.I.A.L.S. von Mike Wider (dem Produzenten von Creative Works) als eine Art “Werkschau der frühen Jahre” geplant, eine Anthologie mit vielen unveröffentlichen Trouvaillen (u.a. mit dem früh verstorbenen Saxophonisten Urs Blöchlinger) – ohne Fortsetzung, was ja schon im Titel (initio, der Beginn) anklingt. Wichtig ist aber auch der Untertitel: Sources along the Songlines.

Nun gibt es aber tatsächlich auch nach 1991 noch viele weisse Flecken, obwohl mein Schaffen inzwischen auf über 50 CDs dokumentiert wurde. Einige dieses CDs sind aber vergriffen, und z.B. aus den vier Duo-Alben mit dem Saxophonisten Urs Leimgruber (auf “M.A.P.” auch im Trio mit Norma Winstone) liesse sich problemlos ein zweites Doppelalbum herausdestillieren. Ein weiteres “Loch” (im Sinne des Beatles-Songs “A day in the life“ – “now they know how many holes it needs to fill the Albert Hall“...) ist z.B. das Album “Shooting Stars & Traffic Lights” mit dem amerikanischen Drummer Alex Cline, dem Schweizer Saxophonisten John Voirol und meinen Pago Libre-Kollegen Tscho Theissing und Daniele Patumi, das demnächst auf Leo Records wieder veröffentlicht werden soll.

Die grösste Lücken in einer möglichen Werkschau sind aber die zahlreichen zeitgenössisch-klassischen Stücke (Chor, Orchester, Kammermusik), von denen grösstenteils gar keine oder nur klangtechnisch sehr unzulängliche Aufnahmen bestehen. Hier gäbe es noch viel editorische Arbeit, aber Orchesteraufnahmen sind sehr aufwändig, und es braucht – gerade bei zeitgenössischer Musik – den
vollen Elan und die tiefe Einfühlungskraft des Interpreten (siehe auch Frage 5).

8) Zu deinen weiteren CD-Veröffentlichungen – was hat es mit der blue trilogy und der yellow trilogy auf sich?

Die Idee stammt von Pirmin Bossart, einem Luzerner Musikjournalisten. Als nämlich 1994 mein drittes Solopianoalbum “Text, Context, Co-Text & Co-Co-Text” erschien, beschrieb er es als “Abschluss einer Trilogie”, nach dem Erstling “The Beauty of Fractals” (1989) und “Iritations“ (1991), und schlug einen kühnen Bogen in die Zukunft, indem er eine “Trilogie der Trilogien“ visionierte.... ich nahm diese Idee zunächst skeptisch, dann als Herausforderung auf und ordnete die drei Trilogien je einer Primärfarbe zu. Gegenwärtig ist dieses virtuelle Schachspiel gegen sich selbst (cf. Stefan Zweigs “Schachnovelle“) – aus der “Tiefe des Raumes“ – kurz nach der Halbzeit angelangt, weil mit dem “Wohlpräparierten Klavier” und “Flügel” zwei Pfeiler der yellow trilogy erschienen sind – vom dritten (“The Speed of Dark“) kennt man erst den Titel; von der dritten Trilogie erst die Farbe (rot). Irgendwann in der Zukunft wird dieses ambitiöse Ziel vielleicht erreicht werden – oder auch nicht, das liegt ja nicht nur in meinen Händen. Das Leben ist immer eine Iteration mit vielen unbekannten Variablen, das Gleichgewicht bleibt labil – oder gar prekär.

9) Was bei dir auffällt, sind die mannigfaltigen Bezüge auf Philosophie und auf andere Kunstformen, vor allem Literatur, Film und bildende Kunst. Du wirkst auch im Gespräch sehr belesen, bringst sehr viele Zitate. Ist das für dich „cultural background“ oder eher Inspiration für interessante Werktitel?

Von Zitaten darf man sich nicht blenden lassen, vielleicht sind sie ja auch vielmehr Ausdruck eines spontanen Temperamentausbruchs als einer tiefsinnig philosophischen Gedankens! Dazu kommt ein lebhaftes Interesse für die “Archäologie der Gegenwart”: als Ire habe ich mich sehr mit den keltisch-helvetischen Wurzeln der Schweiz beschäftigt. Weggis, mein Wohnort am Vierwaldstättersee, stammt vom keltischen “Wattawis” (Ort der Fährleute) ab,  das gälische “Brennan” bedeutet “little drop”

Wer dazu noch im Zeichen des Wassermanns geboren wurde, ist da “extremely liquid” (um nicht zu sagen über-flüssig) und voll “ins Wasser gefallen”. Wasser ist eine uralte Metapher für Wissen. Das Interesse für spartenübergreifende, transdisziplinäre Projekte wurde mir also in die Wiege gelegt. Dazu kam das Studium der Germanistik und des Films parallel zur Musikwissenschaft. Soeben ist übrigens ein neues Solopianoalbum erschienen, das nicht in eine der Trilogien (siehe Frage 8) passt, aber natürlich trotzdem viele Querbezüge aufweist. Es handelt sich um “Pictures in a Gallery“ (Leo Records 464), live im Museum Rosengart in Luzern und in Puschkin bei St.Petersburg aufgenommen. Darin geht es um Vertonungen von Bildern: visuelle von Picasso, Klee, Kandinsky, Miró und Cézanne, und poetische von Puschkin. Mit “Programmmusik” (cf. Hector Berlioz) hat dies allerdings wenig zu tun: ich halte es grundsätzlich für ein fruchtbares Konzept, ein Kunstwerk (sei es ein Bild, eine Skulptur, ein Musikstück) “mehrfach kodiert” anzulegen. Ein Buch wie “Der Name der Rose” kann man mit grossem Vergnügen als mittelalterlichen Krimi lesen; wer sich aber z.B. in der Scholastik oder in der Theologie, in der Semiotik, in der Semantik oder auch im mittelalterlichen Burgenbau auskennt, hat auf der zweiten und dritten (und nach oben offenen) Ebene einfach noch mehr davon. Fleissige Lektüre der Vergangenheir und Gegenwart lohnt sich also – vor allem aber: Augen und Ohren offen halten. Kein Kieselstein, und mag er auch noch so klein sein, ist unbedeutend: dass Orpheus zu den Steinen sang, ist nicht weiter erstaunlich, aber dass die Steine zurücksangen!

10)  Eigentlich fast eine überflüssige Frage: does humour belong in music?

Yes, of course – but how? Now & here, or nowhere?
Wenn schön, dann anundpfirsich lieber flüssig als über-flüssig.
And now for something completely different... Die Hl.Dreifaltigkeit will endlich wieder mal in die Ferien fahren. Spricht Gottvater: “Warum nicht nach Jerusalem?” Jesus: “Lieber nicht, ich hab da nicht so gute Erinnerungen”. Schweigen, blättern in bunten Reiseprospekten. Gottvater: “Okay, dann lass uns halt nach Rom gehen, Vatikan, Petersdom, sixtinische...” Der Heilige Geist, der bis anhin schweigend in der Ecke sitzt, ruft dazwischen: “Fein – da war ich schon lange nicht mehr!”.

11)    Hat man es als Grenzgänger zwischen zeitgenössischer Musik und Jazz manchmal schwerer, ein Publikum zu finden?

Es ist heute eher leichter geworden, ein Publikum zu finden, aber man sollte dies nicht überbewerten. Da spielen die Launen des Zeitgeistes eine wichtige Rolle – oder, um es mit den Worten von Robert Musil zu sagen: Wirklichkeitssinn und Möglichkeitssinn. Die verschiedensten Musikstile haben seit Jahrhunderten einigermassen friedlich nebeneinander ko-existiert, ohne sich zu sehr ins Gehege zu kommen – heute, im globalen Dorf, weiss man einfach besser Bescheid über die Nachbarn, und so sind Grenzbegehungen und –kämpfe auch nicht weiter erstaunlich.

Als ich vor 25 Jahren anfing, meine Stimme in diesem vielstimmigen Chor zu erheben, machte man sich als “Grenzgänger” noch verdächtig, besonders bei Puristen und Puritanern (bei den Jazzern die sog. “Jazzpolizei”; bei den Hardcore-Neutönern die  Auguren in Darmstadt und (weniger) in Donaueschingen. In einigen Kreisen war “Grenzgänger” gar ein zuverlässiges Schimpfwort. Heute kommt kein Festival mehr aus ohne diese “Crossover”-Schiene – nicht nur zum Gewinn der Musik. Der Grenzgang ist salonfähig geworden, gleichzeitig fehlt ihm, wenn er zur blossen Attitüde oder gar zur Masche wird, die innere Notwendigkeit und damit die Glaubwürdigkeit. Wenn alles möglich ist, wird auch diese (scheinbare) Omnipotenz zur Banalität.

12) Welchen Stellenwert hat pago libre in deinem Schaffen?

Wie oft im Leben gibt es polare Gegensätze, die sich gegenseitig anziehen. Ein Pol ist sicherlich die kontinuierliche Arbeit, mit grosser Ausdauer über einen sehr langen Zeitraum (das Ensemble Pago Libre besteht seit 17 Jahren), das geduldige Erpröbeln und präzise Tüfteln, sorgfältige Abwägen und skrupulöse Selektionieren: Tugenden, die man in der Schweizer Uhrenindustrie braucht.... Bei Pago Libre geschieht dies in einem kollektiven Prozess, der einem sehr viel Geduld abverlangt (Demokratie ist bekanntlich nicht immer kompatibel mit dem individuellen Kunstwillen und -wollen...)
Der Gegenpol dazu wäre der spontane Sprung ins kalte Wasser, wie z.B. in der MOMENTUM-Serie zu besichtigen bzw. zu behörigen, aber auch auf CDs wie “Zero Heroes” (mit der kanadischen Cellistin Peggy Lee und dem Perkussionisten Dylan van der Schyff; Leo Records 373) oder “Triangulation”, die allesamt live oder live im Studio entstanden sind: Instant-Entwürfe ohne Netz und doppelten Boden, in Realtime aus-dem-Moment-heraus katapultiert, musikalische “One night stands“ sozusagen, oder Extemporisationen, wie es bei Johann Sebastian und Carl Philipp Emanuel Bach hiess.
Beide Seinsweisen bedingen sich gegenseitig: das Kontinuum profitiert vom Experiment; die Klangrecherchen von der Kontinuität. Die einzige Konstante (im Singular!) sind die permanent permutierenden Variablen (im Plural!). Zusammen ergibt dies ein equilibrio precario, ein prekäres – weil immer dynamisches, nie statisches – Gleichgewicht. Heraklit sprach in diesem Zusammenhang von Pantha rei – alles fliesst, aber auch davon, dass man nie zweimal in den gleichen Fluss steigen könne. Pago Libre bleibt also beides, oft gleichzeitig: das warme Bad in wohlbekannten Gewässern, in der prickelnden Thermalquelle, und das Schwimmen in den liquiden Grooves gefährlicher Ströme voll unterirdischer Strudel, Gegenströmungen, Wasserfälle und Katarakte. Nicht immer sind Rettungsboote in Greifweite...

13) Woran arbeitest du zurzeit – welche Projekte, neue Bands, uftragskompositionen?

Neue Bands per se sind in der jetzigen Phase kein Thema: wir haben
drei Töchter (Jayne ist 5-, Enya 11- und Moreen 14-jährig), und das ist ja auch schon ein Lebensprojekt! Innerhalb von Pago Libre haben wir vor einiger Zeit begonnen, thematische Schwerpunkte zu setzen und ganz verschiedene Programme zu erarbeiten. Neben “Stepping Out” (der neuen, preisgekrönten CD) ist dies die Live-Musik zum Hitchcock-Film “Blackmail”; “platzDADA!”, eine Dada-Revue zu Texten von Hans Arp, Kurt Schwitters und Daniil Charms, im Sextett mit Agnes Heginger (voc) und Patrice Héral (dr); “phoenix – ein Jazzmärchen” zu einer Choreographie von Liz King (TanzTheater Wien); und im Herbst wollen wir uns mit der Sängerin Elisabeth Kulman an Lieder von Modest Mussorgskys und eine Neuvertonung von Wenedikt Erofejew’s Kultroman “Moskau-Petuschki” (Leo LAB 034) wagen.

Ausserdem arbeiten wir schon seit längerer Zeit an einem “fake folk“-Programm, wie es prototypisch z.B. von Tscho Theissings “Falsche Fährten” (Dodekaphonie trifft auf bulgarische Rhythmuswechsel,“Karelian Kink“ (zu hören auf “Phoenix”, Leo Records 377) Georg Breinschmids “Rasende Gnome” oder Arkady Shilklopers “Alpine Trail” (“Stepping Out”, Leo Records 444) verkörpert wird. Interessant ist in diesem Kontext die Idee des “real fake” – wie falsch ist die sogenannte Realität, und wie real (irreal, surreal) ist die Täuschung?

Zusammen mit dem Chicagoer Bassklarinettisten Gene Coleman ist MOMENTUM entstanden, eine Serie spontaner Instant-Komprovisationen, und mit MOMENTUM 4 (Leo Records 440) sind wir im Herbst an Festivals in Chicago, Philadelphia, Seattle und New York eingeladen.

Eben fertiggestellt ist mein erstes Werk für Gitarren-Trio. Es heisst “Triple Stipple” und wurde vom Schweizer “Concert Guitar Trio” in Fribourg erfolgreich uraufgeführt. In drei Sätzen wird ein kurzes Motiv aus dem Yes-Album “Fragile” auf alle erdenklichen Arten durchgeführt, und am Ende schwingen die drei Resonanzkörper wie Campanile-Glocken durch den Raum...

Ein aufwändiges Projekt sind auch die “Wurzelklänge“, pädagogische Stücke nach keltischen Quellen (d.h. aus Irland, Schottland, Wales, Bretagne, Galizien, aber auch Helvetien!) für alle möglichen Besetzungen, vom Kinderchor über Flöten-Ensemble bis zum Jugendorchester, die in einem Pilotprojekt der Musikschule Arth-Goldau im nächsten Februar uraufgeführt werden. Und schliesslich arbeite ich seit langer Zeit an meiner zweiten Oper “Night.Shift” (die erste war “Güdelmäntig” nach einem Text von Thomas Hürlimann, 2004 in Aarau uraufgeführt). Das Libretto von Night.Shift basiert auf einem sehr poetischen Text von W.H.Auden (der ja von 1958 bis zu seinem Tod 1973 im niederösterreichischen Kirchstetten wohnte) mit dem Titel “The Age of Anxiety”, für das er 1947 den Pulitzer-Preis gewann. Der Schweizer Autor Rudolph Straub hat dieses “barocke Hirtengedicht” in eine musikdramatisch-dramaturgische Fassung gebracht. Die Uraufführung dieser Oper ist für den 5.5.07 in der Lokomotiv-Remise des Bahnhofs St.Gallen vorgesehen Unter den fünf Solisten ragen Noëmi Nadelmann (Sopran) in der Rolle der Rosetta und der Countertenor Peter Kennel als Barman heraus.

Schliesslich hoffe ich, schon bald das Stück “Dundrum“ für die schottische Perkussionistin Evelyn Glennie fertig stellen zu können, sowie eine “Fanfare for the Common Sense” fürs Swiss Brass Consort.

Aktuelle CDs (eine Auswahl – Ausschnitte sind zu hören auf der Website
www.brennan.ch unter “gallery of sound”)
  • pictures in a gallery – solo piano (Leo Records CD LR 464)
    11 Bilder von Picasso, Klee, Miró, Kandinsky & Cézanne und ein Gedicht
    von Alexander Pushkin  – 27 Stücke
  • I.N.l.T.I.A.L.S.– sources along the songlines;  (Creative Works 1046/47)
    Anthologie – 29 Stücke mit 29 MusikerInnen von 1979-1991
  • MOMENTUM 4: Rising Fall (Leo Records CD LR 440) – Quartett mit Gene Coleman (bcl), Thomas K.J.Mejer (sopranino & contrabass saxophones) & Marc Unternährer (tuba)
  • pipelines  live at Lucerne Festival (Creative Works CW 1043) – Trio; an der Konzertorgel im KKL Luzern, mit Hans Kennel (tp, alphorn, büchel) & Marc Unternährer (tuba)
  • Triangulation (Leo Records CD LR 388) – Trio mit Christy Doran (guitars) & Patrice Héral (cajón, voice, percussion, live-electronics)
  • Zero Heroes (Leo Records CD LR 373) - Vancouver live. Trio mit Peggy Lee (violoncello) & Dylan van der Schyff (drums)
  • Sculpted Sound (Altrisuoni AS 165) -  konkrete poesie, konkret vertont, mit Magda Vogel (voc), Charlotte Hug (viola), Shirley Anne Hofmann (euphonium, pocket tp) & Christian Wolfarth (perc), Texte von Jandl, Rühm, Arp, Gomringer, Thomkins, Hasler, Brennan
  • HeXtet: Through the Ear of a Raindrop (Leo Records CD LR 254). Texte von E.A.Poe, Seamus Heaney, Paula Meehan, Julie Tippetts, Theo Dorgan, Tom Paulin, William Shakespeare vertont mit Julie Tippetts (voc), Evan Parker (ss, ts), Paul Rutherford (tb), Peter Whyman (bcl) und Chris Cutler (dr, perc)
  • Time jumps  – Space cracks (Leo Records) – 13 Duos mit Daniele Patumi (bass)
  • Glockenspiel (Altrisuoni AS 135) 22 neue Stücke fürs Glockenspiel am Swiss Centre, Leicester Square, London, plus Kuh- & Kirchen-Glockenspiele in Weggis.
  • klanggang (MiWi Art Edition 2017) – Klanginstallation im Kunstmuseum Luzern, 2003
  • Broken Dreams – Tango von Anderswo (MiWi 2015) – mit Alexandra Prusa (voc), Hans Kennel (tp) & Marc Unternährer (tuba)
  • Entropology  – The Science of Sonic Poetry (FOR 4 EARS CD 1036)
    mit Simon Picard (tenor saxophone) & Eddie Prévost (percussion)
  • Moskau-Petuschki / Felix-Szenen (Leo LAB 033) – 2 Theatermusiken nach Wenedikt Erofejew und Robert Walser, mit Tscho Theissing (violin), Marion Namestnik (violin), Martin Mayes (horn), Lars Lindvall (tp, flh) & Daniele Patumi (bass)
Im Quartett pago libre  (www.pagolibre.com)
  • pago libre: stepping out (Leo Records CD LR 444, 2005) – mit Arkady Shilkloper
    (horn, flh, alphorn), Tscho Theissing (violin) & Georg Breinschmid (bass)
  • pago libre: phoenix – live in Salzburg & Zürich (Leo Records CD LR 377, 2003) – mit Arkady Shilkloper (horn, flh, alphorn), Tscho Theissing (violin) & Daniele Patumi (bass)
  • pago libre (Leo Records CD LR 354, 2002; re-release der 1.CD mit A. Shilkloper von 1996), mit Arkady Shilkloper (horn, flh), Tscho Theissing (violin,) & Daniele Patumi (bass)
  • pago  libre: cinémagique (TCB Montreux 01112, 2001) – mit Arkady Shilkloper (horn, flh, alphorn), Tscho Theissing (violin) & Daniele Patumi (bass)
  • pago libre: wake up call – live in Italy (Leo Records CD LR 272, 1999)
    mit Arkady Shilkloper (horn, flh), Tscho Theissing (violin,) & Daniele Patumi (bass)
  • pago libre: extempora (SPLASC[H] Records H-314-2, 1990)
    mit Lars Lindvall (tp, flh), Steve Goodman (violin,) & Daniele Patumi (bass)
solo piano – yellow trilogy
  • Flügel (Creative Works  CW 1037, 2002)
    – 19 Solopiano-Stücke
  • The Well-Prepared Clavier (Creative Works  CW 1032, 1998)
    – 24 Solopiano Stücke
solo piano – blue trilogy
  • Text, Context, Co-Text & Co-Co-Text (Creative Works  CW 1025, 1994)
     – 17 Solopiano-Stücke
  • I r i t a t i o n s  (Creative Works  CW 1021, 1991)
    – 18 Solopiano-Stücke
  • The Beauty of Fractals  (Creative Works CW  1017, 1989)
    – 16 Solopiano-Stücke
 

back to top of page

 

CH-6353 Weggis