«Concerto» 4/06, Wien

August 2006


Musik im prekären Gleichgewicht
Die Klangwelt des John Wolf Brennan

Falls ihn in Österreich jemand kennt, dann als Pianist des paneuropäischen Kammerensembles Pago Libre. Das ist aber nur eine Facette im vielfältigen Schaffen des John Wolf Brennan. Er hat schon Musik für Glockenspiele verfasst, Alphörner mit Kirchenorgel kombiniert, sich intensiv mit den Klangmöglichkeiten des prepared piano auseinandergesetzt und Musik für verschiedenste andere Besetzungen, bis zur Oper, geschrieben. Hier der Versuch eines Porträts des ebenso eigenwilligen wie eigenständigen Musikers.

Geboren in  Dublin, wohnhaft in Weggis am Vierwaldstättersee, Klavier- und Orgelstudium in Fribourg, New York, Dublin, Luzern und Bern, diverse Kompositions-Meisterkurse (u.a. bei Ennio Morricone, Edison Denisov und Heinz Holliger), parallel dazu Germanistik-, Film- und Musikwissenschaftsstudium. Verheiratet, Vater dreier Töchter im Alter von 5, 11 und 14 Jahren, begeisterter Bergwanderer – so weit ein ultrakurzer Steckbrief von John Wolf Brennan.

Er kommt aus einer sehr musikalischen Familie und wollte ursprünglich gar nicht Pianist werden: „In der pubertären Rebellionsphase entdeckte ich für mich die Bassgitarre, stand mit 15 auf der Bühne und zupfte mich da wacker durchs klassische 70er-Rockrepertoire, von Jimi Hendrix über die Doors zu Cream, Deep Purple, den Stones und Led Zeppelin, später auch Jethro Tull und Blind Faith.“ Prog-Rock à la King Crimson und Yes, aber auch Soft Machine, Frank Zappa und Santana waren ebenso Meilensteine in seiner musikalischen Sozialisation wie auf der Jazz-Seite Mike Westbrook, Gianluigi Trovesi, das Mahavishnu Orchestra, Weather Report und Gato Barbieri sowie die großen Komponisten der klassischen Moderne – Strawinski, Bartók, Satie, Ligeti, Messiaen, Cage und Steve Reich. „Meine jugendlichen Berufswünsche waren, in dieser Reihenfolge: Swissairpilot – Reporter – Bergführer. Rückblickend könnte man sagen, dass sich vieles davon im jetzigen Beruf vereinigt: das Fliegen über die Topographie der Töne; das Recherchieren und Infragestellen eines Themas; die Orientierung in schwierigem Gelände, auch ohne GPS. Bergwandern ist im Übrigen mein Hobby geworden: ein perfekter Ausgleich zur ‚stubenhockenden Akkordarbeit’!“

Sehr früh schon nimmt die Klangforschung einen wesentlichen Teil in Brennans musikalischem Schaffen ein. Während seines Studiums setzt er sich intensiv mit John Cage und den Möglichkeiten des prepared piano auseinander; 1990 hat er dann  das große Glück, anlässlich eines 3-tägigen Festivals in Wetzikon mit John Cage arbeiten zu können. „Sein zenbuddhistisches Lächeln, das alle seine geduldigen Antworten begleitete, ist mir unvergessen, und von ihm erhielt ich weitere Anregungen – nebst herrlichen Pilzrezepten! –  aus erster Hand.“ Am besten dokumentiert ist dieser Aspekt seines Œuvres auf „The Well-Prepared Clavier“, einer Liebeserklärung an das mit Schrauben, Papier, Folien und Ähnlichem klangerweiterte Instrument.

Arcopiano und Komprovisation

Brennan, der unruhige Geist, wollte sich weder ganz auf die Seite des prepared piano schlagen noch auf dessen timbrale Möglichkeiten verzichten. Das Präparieren und De-Präparieren dauerte ihm bald zu lange, und er suchte nach anderen Wegen, am Klavier blitzschnell zwischen „inside“ und „outside“ zu wechseln. „So kam ich auf die Idee, gebrauchte Geigenbogenhaare, Fischerleinen und andere Gegenstände so zu ‚zweckentfremden’, dass dies möglich wurde. Das punktgenaue Zupfen der Klaviersaiten nannte ich pizzicatopiano; das sonore Saitenreiben quasi ‚mit Bogen’ arcopiano, das zum ersten Male ermöglichte, die uralte romantische Sehnsucht zu erfüllen, mit dem Klavier einen ‚stehenden Klang’ zu erzeugen, der übrigens alles andere als statisch ist: er erzeugt einen ganzen Springbrunnen voller quicklebendiger, dynamischer Obertöne. Der klassisch vorbelastete Flügel wird so wie eine horizontale Harfe eingesetzt, vom Kopf auf die Füße gestellt und damit zur Kenntlichkeit entstellt.“

Was nicht heißen soll, dass es von John Wolf Brennan keine „traditionellen“ Klavieraufnahmen gäbe. Ganz im Gegenteil – in seiner beachtlichen Diskografie nehmen die Piano-Soloalben einen zentralen Platz ein, sodass Brennan, angeregt durch eine Idee des Luzerner Musikjournalisten Pirmin Bossart, diese Alben mittlerweile in nach den Primärfarben benannte Trilogien ordnet. Die blue trilogy hat er 1994 abgeschlossen, die yellow trilogy umfasst neben dem erwähnten „Well-Prepared Clavier“ und der variantenreichen CD „Flügel“ (2002) auch das in Planung befindliche Album „The Speed Of Dark“, die red trilogy ist gar noch Zukunftsmusik. Brennan bezeichnet dieses Opus Magnum als „virtuelles Schachspiel gegen sich selbst“ und erinnert in diesem Zusammenhang an Stefan Zweigs „Schachnovelle“: „Irgendwann in der Zukunft wird dieses ambitiöse Ziel vielleicht erreicht werden – oder auch nicht, das liegt ja nicht nur in meinen Händen. Das Leben ist immer eine Iteration mit vielen unbekannten Variablen, das Gleichgewicht bleibt labil – oder gar prekär.“

Als passionierter Grenzgänger zwischen zeitgenössischer Komposition und (oft) jazziger Improvisation denkt Brennan natürlich viel über die Interaktion zwischen diesen beiden Möglichkeiten musikalischen Schaffens nach, ein labil-dynamisches Gleichgewicht, welches er Komprovisation nennt: „Mit einer Metapher aus der Physik gesprochen: es handelt sich um verschiedene Aggregatszustände derselben Elemente. Im Kompositionsprozess verdichtet sich Gasförmiges und Flüssiges zu Festem, in der Improvisation verflüchtigen sich feste und flüssige Elemente. Interessant ist, dass eine kongeniale Umsetzung einer Komposition vom Interpreten genau das Umgekehrte verlangt: Bach klingt in Glenn Goulds Händen so, wie wenn die Musik im Hier und Jetzt entsteht.“

Wort-, Klang- und andere Spiele

Nimmt man einige Brennan-CDs zur Hand und liest sich die Tracklists durch, so ist evident, dass hier nicht nur mit Klangassoziationen, sondern auch mit Wortbedeutungen gespielt wird. Da wimmelt es nur so von Assoziationen, Wortspielen, kleinen, versteckten Pointen. Typisch irisch, vermutet der Journalist Manfred Papst: „Brennan geht mit Klängen um, wie sein Landsmann Joyce mit Wörtern umgegangen ist: er lauscht auf ihren Neben- und Gegensinn, zerlegt sie, setzt sie neu zusammen, spielt mit ihnen und lässt sie ihr eigenes Spiel treiben.“

Vor kurzem ist mit „Pictures In A Gallery“ eine Solo-CD erschienen, die nicht in den oben erwähnten Zyklus der Trilogien fällt. Sie ist 2002 bei einem Livekonzert in der Sammlung Rosengart in Luzern entstanden, und die Stücke darauf sind entweder von den visuellen Bildern in der Galerie (Picasso, Klee, Cézanne, Kandinsky, Miró) oder von poetischen Bildern Alexander Puschkins inspiriert. „Mit Programmmusik à la Hector Berlioz hat dies allerdings wenig zu tun: ich halte es grundsätzlich für ein fruchtbares Konzept, ein Kunstwerk (sei es ein Bild, eine Skulptur, ein Musikstück) ‚mehrfach kodiert’ anzulegen. Ein Buch wie ‚Der Name der Rose’ kann man mit großem Vergnügen als mittelalterlichen Krimi lesen; wer sich aber z.B. in der Scholastik oder in der Theologie, in der Semiotik, in der Semantik oder auch im mittelalterlichen Burgenbau auskennt, hat auf der zweiten und dritten (und nach oben offenen) Ebene einfach noch mehr davon.“

Zukunftsmusik

Woran John Wolf Brennan sonst noch arbeitet? Vor kurzem ist mit der Doppel-CD „I.N.I.T.I.A.L.S. – Sources Along The Songlines“ eine Art Werkschau der frühen Jahre 1979-1991 erschienen, die den Pianisten z.B. in Duetten mit dem zu früh verstorbenen Saxofonisten Urs Blöchlinger oder mit dem Gitarristen Christy Doran (ein weiterer „Schweizer Ire“!) dokumentieren. Ansonsten spielt Brennan weiterhin (und mittlerweile seit 17 Jahren!) mit der Formation Pago Libre, auch in genreübergreifenden Projekten. So gab es etwa eine Live-Musik zu Alfred Hitchcocks Filmklassiker „Blackmail“, eine Kooperation mit der Choreografin Liz King, und demnächst soll ein „fake folk“-Programm im spannenden Grenzbereich zwischen Realität und Täuschung entstehen. Pago Libre siedelt sich für den Pianisten „irgendwo zwischen kontinuierlicher Arbeit und dem wiederholten Sprung ins kalte Wasser“ an. „Das Kontinuum profitiert vom Experiment; die Klangrecherchen von der Kontinuität. Die einzige Konstante (im Singular!) sind die permanent permutierenden Variablen (im Plural!). Zusammen ergibt dies ein equilibrio precario, ein prekäres – weil immer dynamisches, nie statisches – Gleichgewicht.“ Siehe oben – Ähnliches sagte Brennan schon über seine Soloprojekte.

Brennan hat eben ein Werk für Gitarren-Trio fertig gestellt, das von einem Motiv aus dem Yes-Album „Fragile“ ausgeht; im nächsten Frühjahr wird sein Pilotprojekt „Wurzelklänge“ in Zusammenarbeit mit der Musikschule Arth-Goldau uraufgeführt; ein Werk für die Perkussionistin Evelyn Glennie („Dundrum“) harrt seiner Fertigstellung, ebenso wie seine zweite Oper „Night.Shift“, deren Uraufführung für Mai 2007 in St. Gallen projektiert ist. Wie fühlt er sich eigentlich als unverbesserlicher Grenzgänger, frage ich ihn abschließend. „Es ist heute eher leichter geworden, ein Publikum zu finden, aber man sollte dies nicht überbewerten. Da spielen die Launen des Zeitgeistes eine wichtige Rolle. Als ich vor 25 Jahren anfing, meine Stimme in diesem vielstimmigen Chor zu erheben, machte man sich als ‚Grenzgänger’ noch verdächtig, besonders bei Puristen und Puritanern. In einigen Kreisen war ‚Grenzgänger’ gar ein zuverlässiges Schimpfwort. Heute kommt kein Festival mehr aus ohne diese Crossover-Schiene – nicht nur zum Gewinn der Musik. Der Grenzgang ist salonfähig geworden, gleichzeitig fehlen ihm, wenn er zur bloßen Attitüde oder gar zur Masche wird, die innere Notwendigkeit und damit die Glaubwürdigkeit. Wenn alles möglich ist, wird auch diese (scheinbare) Omnipotenz zur Banalität.“

Martin Schuster

CD-Tipps:
  • „Pictures In A Gallery/Solo Piano“  Leo Records CD LR 464 (2006)
  • „I.N.I.T.I.A.L.S.“  Creative Works CW 1046/1047 (2005)
  • Momentum 4 – “Rising Fall”  Leo Records CD LR 440 (2005)
  • Pago Libre “Stepping Out” Leo Records CD LR 444 (2005)
  • Pipelines – live at Lucerne Festival   Creative Works CW 1043 (2005)
  • “The Well-Prepared Clavier/Das Wohlpräparierte Klavier”

        Creative Works CW 1032 (1998

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