Der Fährmann

Der Lockruf des Verbotenen:
John Wolf Brennan in der St. Galler Lokremise.


Zur Uraufführung der Oper «Night.Shift» in der Lokremise: Eine Begegnung mit dem irisch-schweizerischen Komponisten John Wolf Brennan

Verbote haben ihn schon immer magisch angezogen. Etwas Lausbubenhaftes blitzt in seinen Augen auf, wenn John Wolf Brennan den Aktenkoffer öffnet und seine Partitur hervorholt. Auf dem Deckblatt ein Satz W. H. Audens, einladend wie eine gelbe Warntafel: «No entrance here / Without a Subject.» Dem Alter der Bubenstreiche war Brennan gerade entwachsen, war eben erst, Mozart lässt grüssen, «mit Schuh vom Kaplan im Födle bei den Ministranten rausgeflogen», da las er zum ersten Mal Audens Poem «The Age of Anxiety». Betrat die No-go-Area eines Textes, der sich als «barocke Ekloge» verrätselt, um die grossen Fragen seiner Zeit – jeder Zeit – zu stellen; in kunstvoller Sprache, Alliterationen ohne Endreim, einem eminent musikalischen Duktus. «Ich war fasziniert», erinnert sich Brennan, «verstanden habe ich zugegebenermassen nichts.»

Betreten erwünscht

Geblieben ist Brennan aus dieser Zeit die Neigung zu Autoren, die in ihrem Werk die condition humaine in den Mittelpunkt stellen: Sartre, Camus, Bertrand Russell; die Liebe zu seinen literarischen «Säulenheiligen» Joyce und Beckett, aber auch zu Kafka und Dada; als Pianist und Komponist die Lust an Streifzügen durch vermeintliche Sperrzonen des Unerhörten. Es mag mit seinen biographischen Wurzeln zusammenhängen. Als Sohn einer Irin und eines Schweizers in Dublin geboren, wuchs er in Rigi Kaltbad auf, war von Kindsbeinen an in vielen Musikwelten beheimatet, wurde «vom fremde Fötzel zum irischen Innerschweizer».

Neben Musik studierte er Filmwissenschaft und Germanistik; er ist sprachverliebt, melomanisch, hat grosses Kino im Kopf, wenn er komponiert. Und Brennan ist bienenfleissig, wie dem ausufernden Werkverzeichnis, der kaum überblickbaren Diskographie abzulesen ist. «Jeder kommt auf die Welt mit einer Aufgabe, die er erfüllen muss, und die er mehr oder weniger deutlich erkennt. Meine ist wohl, Verbindungen herzustellen zwischen Dingen, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Wie ein Fährmann zwischen den Welten.» Wohl kein Zufall, dass er seit langem in Weggis wohnt. Der Name stammt aus dem Keltischen und heisst übersetzt «Ort der Fährleute». John Wolf Brennan ist ein Künstler, der ebenso gern experimentiert, wie er verbindlich sein will. Selbstredend im doppelten Sinne.

Ernsthaft und gründlich ist er als Musiker: auf Präzision bedacht wie ein Schweizer Uhrmacher. Herzlich, mitteilsam und ganz ohne Eitelkeit ist Brennan als Mensch. Das eine lässt sich vom anderen nicht trennen.

Sartre, Sting, Kerkeling

In zwei Stunden schafft Brennan es spielend, Details seiner Oper plausibel zu machen, über verwandtschaftliche Verbindungen nach St. Gallen zu plaudern, seine Gedanken unpathetisch bis zum Bekenntnis zu treiben und wenig später einen Witz über die Dreifaltigkeit zu erzählen. Abwechselnd aus Sartres «La nausée» und Hape Kerkelings Santiago-Buch zu zitieren; aus vielen Quellen zu schöpfen und doch ganz bei sich zu sein, unverwechselbar. Es braucht nicht erst «den zweiten Grappa» wie bei Boulez oder Berio, um zu erfahren, dass in seinen Partituren ebenso viel Zappa, Sting und Paul McCartney steckt wie Cage, Strawinsky, Sciarrino oder Holliger, bei dem er Meisterkurse absolvierte. «Auch Wolfgang Rihm macht kein Geheimnis daraus, dass er gern The Police hört.»

Grenzgänge zwischen Jazz, Avantgarde, klassischer und Volksmusik sind für Brennan jedoch nicht einfach beliebiger Crossover, wie er heute Mode ist – «Birchermüesli» sagt er dazu. Sie müssen vielmehr einem übergeordneten Plan folgen, Hörbarkeit mit einer mathematisch ausgetüftelten Faktur vereinen. «Ekstase mit Kalkül»: Das ist die Formel, die seine Musik auf den Punkt bringt und die er etwa mit dem Quartett Pago libre ausspielt.

In «Night.Shift» wird ein Jazz-Quartett in den Klang eines 30-köpfigen Orchesters integriert; entstehen soll ein transparenter Klang, angepasst an die akustischen Gegebenheiten der Lokremise. Regisseur Jakob Peters-Messer und Bühnenbildner Markus Mayer lassen die Handlung auf einem schlangenförmigen Catwalk spielen. Chor und Musiker nehmen in dessen Buchten Platz – mit dem Publikum im Rücken. Brennan zeigte sich schon in der Entstehungsphase kompromissbereit; er kennt den Theaterbetrieb und hat mit den Jahren gelernt, in notwendigen Einschränkungen auch eine Herausforderung zu sehen. «Unter Tränen» aber habe er wegen des starken Halls auf Bassposaune und Tuba verzichtet. Wo er doch dem Tubisten seinen Part ebenso «in die Gurgel geschrieben» hat wie Noemi Nadelmann, seiner Wunschbesetzung für die jüdische Wareneinkäuferin Rosetta.

«Figures in a soundscape»

Die Idee, «Age of Anxiety» zu «veropern», stammt von Rudolph Straub, mit dem Brennan unter anderem die Robert-Walser-Collage «Ich bin der Liebling meiner Selbst» am Zürcher Theater-Spektakel erarbeitete. Der Stoff scheint wie geschaffen für eine Kammeroper mit Anklängen an Jazz und Avantgarde: Drei Männer und eine Frau treffen nachts in einer New Yorker Bar aufeinander, einsame «figures in a soundscape», getrieben von Sehnsucht, sich einander zu offenbaren, dabei gefangen in sich, bis zum Schluss. Ein Stoff zudem, für den die Lokremise das ideale Gehäuse bietet – als symbolischer Raum, der Urbanität ausstrahlt, Bewegung und Stillstand zugleich.

Die Partitur ist angelegt auf grösstmögliche Kontrastwirkung: Ausdruck der Verlorenheit von Figuren, die intensiv gespielt werden müssen – nicht nur gut gesungen. Bilder aus Filmen von Jarmusch und Almodóvar hatte Brennan vor Augen, bei Quant einen Typen wie Anthony Hopkins. Und eben Noemi Nadelmann. Dass sie tatsächlich für die Uraufführung zu haben sei, davon wagte er nicht zu träumen. Wagte es doch. Und staunte einmal mehr darüber, wie real Erträumtes sein kann. Als Iren dürfte ihn das freilich nicht verwundern.

Bettina Kugler

Begegnung mit John Wolf Brennan

st. gallen. Nächste Woche hat die Oper «Night.Shift» von John Wolf Brennan Premiere in der Lokremise. Am Sonntag ist der irisch-schweizerische Komponist Gast bei der Matinee im Theater. Gemeinsam mit Regisseur Jakob Peters-Messer und Mitwirkenden der Produktion geht Musiktheater-Dramaturg Christian Geltinger dieser Oper auf den Grund. «Nach dieser Matinee werden Sie Ihre sämtlichen Urteile über zeitgenössische Oper revidieren», verspricht das Theater. (pd/red.)

So, 29.4., Foyer Theater St. Gallen, 11 Uhr; Premiere Sa 5.5., Lokremise St. Gallen, 20 Uhr

back to top of page

 

CH-6353 Weggis