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Stralsund/Ostsee, Deutschland, Mai 2006
John Wolf Brennan "I.N.I.T.I.A.L.S." (Creative
Works Records 2005)
Momentum 4 "Rising Fall" (Leo Records 2005)
Magda Vogel · John Wolf Brennan "Sculpted Sound" (Altrisuoni
2002)
Mit allen Wassern gewaschen zeigt sich der irisch-schweizerische Musiker
John Wolf Brennan in den diversen Ensembles und Projekten, mit denen
er just CDs veröffentlichte. Pago Libre ist wohl das momentane i-Tüpfelchen
in Brennans musikalischer Karriere, das erfolgreiche Quartett improvisiert
im freien Großraum Klassik-Jazz-Folk mit Verve und Witz. Doch nicht
allein Pago Libre ist Brennans kreativer Hort unbegrenzter Musikleidenschaft.
Einen umfassenden Einblick
in die lange Karriere John Wolf Brennans bekommt man mit der 2CD "I.N.I.T.I.A.L.S.".
Das sind 145 Minuten Musik aus Brennans Schaffen in den Jahren 1979 bis
1991. Im Booklet zu den CDs ist Brennans Werdegang ausführlich nacherzählt
worden; erstaunlich zu lesen, dass sein Ursprung im Heavy Rock liegt,
sein Interesse von Progressive Rock und Canterbury Jazz über Jazzrock
bis in Free Jazz und moderne Klassik wuchs. Und wie seine Einflüsse "liest" sich
auch die Musik des Doppelalbums: vielseitig. Mal klingt so ein Stück
wie das große Ensemble Carla Bleys, eigenwillige melodische Wege
machen sich auf, atmosphärischer Jazz trifft auf lyrischen Folk
und melancholische Improvisation; große schöngeistige Klanglandschaften
sind zu hören, malerisch inszeniert und leidenschaftlich gespielt.
Zwischen den bereits auf LPs veröffentlichten Tracks gibt es unveröffentlichte
Aufnahmen, unter anderem Piano-Saxophon-Duette mit dem bereits verstorbenen
Saxophonisten Urs Blöchinger. CD1 ist im ersten Teil 1981 vom Nonätt
eingespielt worden, der zweite Part sind Impetus-Sessions von 1979 bis
1983. Die 2. CD beginnt mit 3 Blöchinger/Brennan Stücken, danach
folgt Triumbajo, Doran/Brennan, Leimgruber/Brennan live 1988 und zum
Ende SinFONietta live 1991, viele Musiker sind in den Aufnahmen zu hören,
und längst nicht stets ist John Wolf Brennans Pianospiel der Mittelpunkt
der Stücke. Schön zum Ende die süffige Liveversion von "The
fool on the hill", die fast wie Albert Aylers Free Jazz Folk klingt;
melancholisch, wild, schräg, unberechenbar, jedoch moderater. Im
letzten Stück "T.N.T." ist Tscho Theissing an der Violine
zu hören, der heute mit Brennan in Pago Libre spielt. "I.N.I.T.I.A.L.S." gehört
zu der Kategorie Platten, die lange erwartet werden, nach denen man lange
hungerte und die nun im Player rotierend unerwartete positive Gefühle
auslösen. Die gelungene "praktische" Biografie John Wolf
Brennans ist ein wahrer Schatz.
Momentum ist ein Projekt
für improvisative Musik, in dem John Wolf Brennan (p), Gene Coleman
(b-cl), Thomas K.J. Mejer (saxes) und Marc Unternährer (tu) die
Intensität gemeinsamer Wagnisse ertesten. Die "Kompositionen" sind
Gruppenarbeit, die CD "Rising Fall" steht unter dem Stern
Momentum 4, in veränderter Besetzung hatte das Quartett zuvor bereits
3 CDs realisiert.
Die intensive und ‚hörbare'
Spielweise der Instrumente (das pustende Blasen der Blasinstrumente, das wühlende
Zupfen der Basssaiten und der stumpfe oder hallende Anschlag der Pianosaiten
sowie das mit den Händen angeschlagene Saitenfeld im Pianokörper, "Gesang" durch
die Blasinstrumente hindurch - es sind nicht nur melodische und rhythmische,
harmonisch klangfördernde und spannungstreibende Ideen, die auf die Musik
dieser 4 Musiker so ungemein neugierig und die Erfüllung des Hörens
so ergiebig macht, die Musiker gehen ihrem Instrument an sich auf den Leib
und erschaffen Töne nicht nur nach klassischer Spielart. Zumeist mäandert
das Quartett an der Stille umher, wühlt sich in ambiente Sounds ein, die
jedoch nicht kuschelig, sondern herb und zickig sind. Und dann passieren im
Aufruhr der Töne erregende Dinge, als würde man mit Verve in ein
Wespennest stechen, flattern und kreischen die Töne illuster aus den Boxen.
Da tut nichts weh wie einst im Free Jazz, wo die Töne die Magenwand erröteten.
Brennan, Coleman, Mejer und Unternährer scheinen eher zu witzeln und ihren
großen Spaß an der Erforschung des Klangraumes zu haben.
Der wahnwitzige und illustere,
dabei komische und fast schon fröhliche Höhepunkt der CD ist das
8. Stück "Dionysos, Musing", in dem wohl das muntere Geschnatter
eines Ententeiches aufgeht; in dem Chaos und ordnende Klänge ineinander
verschmelzen. Das könnte man als Kammermusik bezeichnen, so intim, harmonisch
und aufregend ist der emotionale und sensible Klang der zarten Motive und großen
Auflösungen im groben Klang. Als bräche eine Truppe irrer Typen aus
und stolziere im Antlitz der Sonne durch die Gassen der Stadt, selbstbewusst,
selbstlos, selbständig. Da bleibt nur zu staunen und applaudieren!
Die Wortkünstler
trotten hinterdrein, nicht ganz so abstrakt musizierend, dafür mit
einigem Wortwitz und schräger Attitüde. "Sculpted Sound" ist
die CD der Zusammenarbeit von Magda Vogel (Gesang) und John Wolf Brennan
(p) unter Mitarbeit von Charlotte Hug, Shirley Anne Hofmann, Christian
Wolfarth (der mit seinem Schlagzeug bereits bei den ersten 3 Momentum
CDs dabei gewesen war) sowie Eugen Gomringer als Rezitator im vorletzten
Track. Während die Gastmusiker für allerlei Sounds sorgen und
das Off "aufmischen" und Christian Wolfarth so eine Art Rhythmus
in schwer komplexer und angenehm differenzierter Weise spielt, fügt
John Wolf Brennan mit dem Piano die Architektur der Stücke (die
er sämtlichst geschrieben hat, einige davon in Zusammenarbeit mit
anderen hier involvierten Musikern). Magda Vogel steht mit ihrer Stimme
ganz respektlos und selbstbewusst in der Mitte der Tracks. Ihre Improvisationen
sind denen des Pianos nicht unterlegen, allein die hohe Kunst, Wortveränderungen
(alphabet, calphadet, elphafet, galphahet, …) zu singen, sondern
dies auch rhythmisch akzentuiert und melodiebetont zu tun - fabelhaft!
Die "Fraktional-Hymne" hat nicht ganz das Popappeal vom Intro "alpha
bet" (Popappeal?), ist aber nicht so unnahbar wie die Herausforderung "durch
den Traum". Als Ausruhepol für den Textzuhörer und Erlebnispool
für Fans intensiver expressionistischer Musik, die einfach nur glücklich
macht, ist mit Track 6 "Instant Instrumental Sonority # 1" eingefügt,
das einen Tick jugendlichen Keith Emerson, viel improvisativen Free Jazz
und so etwas wie Progressive Jazz ausgefallen gut und völlig überzeugend
präsentiert. Wunderschön!
Der zweite "Popsong" auf
der CD ist die 3. Variation zu "Kein Fehler im System", wobei "Pop" nicht
so ganz das treffende Wort ist. Das richtige ist wohl "Stimmbruch" (oder
Sprechbruch?) - dessen neuer Bedeutung. Magda Vogel muss alle Aufmerksamkeit
aufbieten, keinen Fehler in den Fehler zu bringen. Ab Strophe 2 singt
sie die Variation der vier Wörter ("Kein Fehler tmi Sysem")
ausdrucksstark und betonend voll Inbrunst, fast schreit sie die Wörter
hinaus. Die auflösende 3. Strophe endet mit der Buchstabenverschiebungsvariante "Sey
fest kleinr mime" nach z.B. "ein symfehler im Sekt" oder "keim
in Systemfehler" - es mag Wochen gedauert haben, diese Wortvariation
zu lernen, weitere, sie so zu singen, wie auf der CD zu hören. "Das
Kamel" im Anschluss ist eher ein gemütliches Kuriosum zur Entspannung
der Konzentration, damit das folgende "Sekundenzeiger" seine
heitere Note in ganzer, schräger Dimension mit "Vogel-Gezwitscher" ausbreiten
kann.
John Wolf Brennan kommt im Ausdruck hin und wieder etwas kurz, nimmt
sich zurück, um in forschen Momenten kraftvoll aufzutreten. Die
verschiedenen CDs zeigen die unterschiedlichen Seiten des Pianisten,
Improvisatoren und Komponisten fabelhaft. Allesamt gelungene Produktionen,
ist das Best of "I.N.I.T.I.A.L.S." wohl die überzeugendste
Produktion, damit sind die anderen jedoch nicht geschmälert, wer
Lust auf kunstvolle, etwas verrückte und emotional aufwändige
Musik hat, findet auf jeder CD viel unkonventionelles und überraschendes
Material. Unbedingte Empfehlung!
Volkmar Mantei
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