An der Grenze
«Für mich sind Buchstaben genauso Lego wie Töne»
John Wolf Brennan in seinem Laboratorium.
Die Warnung kam gleich zu Beginn. Seine irischen Wurzeln seien beim
Sprechen deutlich spürbar. Man kenne das ja, frage man einen Iren
nach dem Weg, meine dieser: «Siehst du das Strässchen, welches...,
weißt du, dort beim Haus – dort hat der alte Willkins...
ach ja, übrigens, weißt du, Willkins ist letztes Jahr gestorben...» Auch
er müsse sich manchmal «rüüdig» zusammennehmen,
um auf den Punkt zu kommen. Das Rundherum und die Details seien für
ihn viel spannender. John Wolf Brennan sitzt in seinem Musikzimmer,
das er selbst «Laboratorium» nennt. Rot gestrichene Wände,
auf den Tischen Berge gestapelter Notenblätter, CDs, Bücher,
Notizzettel, ein schwarzer Flügel, einer Reihe breiter und hoher
Fenster. Hinter den Fenstern der Vierwaldstättersee, hinter dem
See die weiss bepuderten Berghänge der Zentralschweiz. In diesem
Raum geht John Wolf Brennan schwanger mit seinen Kompositionen – manchmal
monatelang.
In Dublin wurde er 1954 in eine Musikerfamilie geboren. Seine Mutter
Una Brennan war eine professionelle, klassische Sängerin, sein Vater Hans Wolf ein
begnadeter Amateurpianist. 1961 übersiedelten die Wolfs von der Hauptstadt
Irlands nach Rigi Kaltbad. Hohe Berge statt weites Meer, Gesamtschule am Hang
statt Menschenmengen im Hafen, Kulturschock. Mit elf Jahren setzte klein John
sich ans Klavier und übte. Er übt noch heute, 40 Jahre später,
hat über 50 CDs bespielt, in der ganzen Welt konzertiert, Texte grosser
Dichter vertont, im Swiss Centre in London das Glockenspiel konzipiert, in
Museen Klanginstallationen durchgeführt und hat etliche Preise und Auszeichnungen
erhalten. Er wohnt mit seiner Ehefrau und ihren drei Töchtern in einem
Haus nur einige Kilometer weg von Rigi Kaltbad, in Weggis, Luzern. Diplome
und Weiterbildungen pflastern seinen Weg des musikalischen Suchens, Findens
und Auslotens: Jazzschule, Konservatorium, Schul- und Kirchenmusik, Meisterkurse
und Workshops bei Weltstars.
Jede Fläche im Laboratorium scheint belegt zu sein. Sogar der Deckel des
Steinway & Sons. Darauf tummeln sich diverse Bücher, Beigen mit Notenblättern,
zwei alte Metronome, ein kleines Transistorradio. Um den Deckel des Flügels
zu öffnen, benötigt Brennan an diesem Februarmorgen eineinhalb Minuten – und
er belegt beim Abräumen geschätzte 2.5m2 Bodenfläche mehr. Dabei
erzählt er, dass er Opfer sei von all den Papieren
und sein Ziel das papierlose Büro sei. Alles im Computer. Aber auch pago
libre wird zum Thema, die Band, welche seit langem ein Zentrum seines musikalischen
Schaffens ist.
pago libre wurde von Brennan 1989 gründet. Seine Vision war, virtuose
Musiker um sich zu scharen, denen stilistisch keine Grenzen gesetzt sind. Bis
die Gruppe zusammenfand, war er nach Italien, Wien, Moskau, in der ursprünglichen
Formation gar bis nach Peking gepilgert. «Es war eine kompromisslose
Suche nach den besten Leuten ihres Fachs, die besten für den Zweck dieser
Gruppe.» Was ist denn der Zweck? John stockt, seufzt leicht, überlegt.
Da möchte er den Geiger der Band zitieren, meint er, welcher vor Kurzem
geschrieben hat, dass pago libres Ziel sei, «das Musikantisch-Virtuose
mit dem künstlerisch Avancierten ohne Abstriche zu verbinden; immer wieder
dramaturgisch sinnvolle/sinnliche Spannungs-Architekturen zu finden, innerhalb
derer alles an musikalischen Inhalten möglich ist und doch zugänglich
bleibt.» Den Zugang sichern ein Kontrabassist, ein Geiger, ein Hornist
und Brennan am Flügel.
Der Wolf springt auf: «Jetzt ist es an der Zeit, ein Stück von pago
libres neuer CD anzuhören!» Die Scheibe ist noch nicht erschienen,
Verträge mit einem Plattenlabel in England seien am Laufen. Die Stelle
im Stück «Intermezzo», die er vorführen wolle, sei ein
Geschenk des Geigenspielers an die Öffentlichkeit, ein Solo von Welt.
John, in beigen Hausfinken, blauen Jeans und orange-weisser Wolljacke, steht
neben der Stereoanlage und hört zu. Er wird still, die irische Kommunikation
scheint plötzlich fern. Während des Solos huscht ein Lächeln über
seine Lippen, seine Augen schliessen sich halb. Je länger es dauert, desto
mehr beugt sich sein Oberkörper der Stereoanlage entgegen. Hinhören.
Geigensolo. Atmen.
Kaum ist das Solo vorüber, rückt Irland wieder näher. Brennan
berichtet von den Proben und wie knallhart die Bandmitglieder bereits um die
beste Platzierung von Sechzehntelnoten kämpfen können. «Ich
würde nie einen Journalisten an unsere Proben einladen. Der würde
ja denken, die spinnen, wenn sie um solche Details kämpfen», fügt
er schmunzelnd hinzu.
Später am Morgen ist es soweit. John spielt auf dem präparierten
Flügel. Der Deckel ist offen, der Boden davor belegt. Sein Köfferchen
kommt zum Einsatz, welches Schrauben und Bolzen, eine Fischerleine und
weitere Utensilien enthält. Die Schrauben und Bolzen klemmt er zwischen
zwei Saiten, so erzeugt er je nach Position andere Obertöne. Die
Fischerleine – gekauft speziell in London, dort gebe es die besten – zieht
er zwischen mehreren Pianosaiten durch und bringt sie so zum Schwingen.
Fingerkuppen, Fingernägel oder Schlagzeugbesen benutzt er, wenn
er über die Saiten fährt. Zudem schlägt und pocht er mit
Händen und Fingern auf Holz und Metall des Flügels und spielt
auch mal in traditioneller Weise die Tasten an. Er hilft sich aber auch
mit elektronischen Geräten aus: Im Koffer steht der Spielzeug-Kopf
des Roboters C3PO aus dem Film Star Wars bereit, um – wie zum Beispiel
auf der CD «Flügel» im Track Robotalk – per Knopfdruck
einige Sätze zu krächzen oder eine Computermelodie vor sich
hinzuträllern und so mit dem Pianisten ins Gespräch zu kommen.
Musikalisch versteht sich.
Könnte es sein, dass Ihre Musik immer weniger Leute erreicht, je verrückter
Sie tüfteln, Grenzen verschieben, ausloten? Dass das Publikum nicht mehr
mitkommt, nicht weiss, was es mit dieser Kunst anfangen soll? John Wolf Brennan
sieht das nicht so. Er teilt das Universum seiner Musik in zwei Bereiche ein:
Publikum und Grundlagenforschung. Jeder Musiker müsse Grundlagenforschung
im Laboratorium betreiben. «Im Laboratorium», wiederholt John.
In dieser Forschung könnte man seine musikalische Ausdruckskraft immer
wieder neu erfinden. Ohne Forschung keine Weiterentwicklung. pago libre befinde
sich klar im Publikumsbereich. Bei einer avantgardistischen Platte wie beispielsweise «MinuteAge»,
auf der frei improvisiert werde, würde er das Publikum bildlich gesprochen
einfach ins Laboratorium mitnehmen. «Natürlich führe ich die
Zuhörer immer wieder gerne ins Nichts, ins Chaos», meint Brennan. «Heutzutage
gebe ich aber viel stärker darauf Acht, ihnen zur Orientierung wieder
einen roten Faden hinzuhalten.»
Auch sprachlich liebt der Wolf das Vielschichtige. Denn für ihn sind Buchstaben
genau so einsetzbar wie Töne: Vielfältig zusammensetzbare Legosteine.
Knete, Spielzeug. «Kauft man Lego im Bausatz, so ist auf der Verpackung
zum Beispiel eine Burg abgebildet. Nachdem man das dreimal zusammengesetzt
hat, denkt man: «Da kannst du doch was anderes draus machen...» Es
ist einfach viel spannender, vom vorgesehenen Bauplan abzuweichen, bei Tönen
wie bei Buchstaben.» Titel wie «Science Friction» oder «opéra
perdu (per due; per tre)» sind Beispiele dafür. «Dem Hörer
mache ich ein Angebot: Du kannst den Titel und die Musik als das nehmen, was
sie auf den ersten Blick zu sein scheinen. Du kannst aber auch suchen und merken,
dass da noch mehr versteckt ist», meint Brennan.
Ein bisschen verspielt und innerlich Kind geblieben? Er kichert verschmitzt,
sein Gesicht erhellt sich nicht zum ersten Mal an diesem Morgen. «Ja!
Der kindliche Power in mir hat nie ganz aufgehört – und das soll
auch so bleiben.» Herzlich willkommen im Laboratorium.
Autor:
Stefan Joss
Steff.joss@gmx.ch
back
to top of page |