»Das Kulturmagazin«, Luzern, No.12 Dezember 2005


Der Unermüdliche von Wattawis

Seine Schaffenskraft ist so gross, dass die Rezensenten kaum nachkommen: John Wolf Brennan, Komponist und Pianist.

Sein Musikzimmer im obersten Stock. Fünf grosse Fenster und eine prächtige Aussicht auf Vierwaldstättersee und Bürgenstock. Ein Flügel steht im Raum. Die Gestelle voll von Büchern, Ordnern, Schriftstücken, Partituren, CDs. John Wolf Brennan klickt auf dem Computer zwei neue Stücke an, die erst in digitaler Rohform existieren und dereinst vielleicht ins Repertoire von Pago Libre einfliessen. “Wir sind eine basisdemokratische Band. Es gibt keinen Leader. Alles wird gemeinsam besprochen und entschieden.“

Wir haben einen Glückstag erwischt. “Ich habe heute erfahren, dass Pago Libre in die Prioriäre Jazzförderung von Pro Helvetia aufgenommen wird.” Das Quartett muss als seine Herzblut-Band bezeichnet werden. 16 Jahre lang auf Piste, beste Kritiken, sechs ebensolche CDs. Da sind vier exzellente Instrumentalisten, die auch ohne Schlagzeug grooven können. Die Musik von Pago Libre gibt einen Eindruck davon, was Brennan als musikalische Kontinuität seines bisherigen Schaffens bezeichnet: “Die Vision einer kammermusikalisch improvisierenden Jazz-Folk-Band”. Genauso klingt sie auch.

John Wolf Brennan, Pianist und Komponist, lebt mit seiner Frau Béatrice, einer Pianistin, und den drei Töchtern Móreen (13), Enya (10) und Jayne (4) in einem neuen Haus in Weggis. Von hier aus rotiert er in die Welt, pendelt zwischen Provinz und Grosstadt, zwischen lokalen Aufträgen und internationalen Auftritten. Aufzuzählen, was er alles macht, ist müssig. Es ist viel, und manchmal löscht es ihm selber fast ab, wenn wieder drei oder vier CDs, an denen er beteiligt ist, praktisch gleichzeitig raus kommen. “Ich kann das nicht steuern, da spielen immer viele Faktoren mit, es ist sicher nicht beabsichtigt.” Ein Ende ist nicht abzusehen.

Noch während des Gesprächs tauchen neue Projekte auf. Und ebensoviele alte, die noch gar keine Uraufführung erlebt haben. Was in der Schublade liegt, „würde reichen für zwei ausgedehnte Konzertabende“. Drei Tage Piano-Unterricht am Gymnasium Immensee geben ein Grundeinkommen, auch seine Frau hat zahlreiche Klavier-SchülerInnen. Die Familie soll trotzdem nicht zu kurz kommen. Die beiden wechseln sich ab in der Betreuung, zusätzlich unterstützt durch eine Nachbarin. Wie das alles zusammen geht? “Wir sitzen einmal pro Woche zusammen und besprechen, wie wir es die nächsten Tage handhaben.” Alles eine Frage der Organisation. Sagt der “grosse Chaot“ (Eigenbezeichnung).

Sein wachsender Output an Projekten hat ihn nicht vor Krisen verschont. “Ich habe mich ab und zu gefragt, ob ich auf dem richtigen Dampfer bin.” So viel Investition, so wenig Ertrag. Dennoch: Eine musikalisch-akademische Laufbahn hat er im letzten Moment immer wieder ausgeschlagen. Mit der Sprech-Oper “Güdelmäntig” (Thomas Hürlimann/Livio Andreina) verbuchte er einen riesigen Erfolg. Das gab neuen Auftrieb für das freie Schaffen. Jetzt der Aufwind mit Pago Libre. Das Trio Triangulation mit Christy Doran und Patrice Héral, das sehr gut ankommt. Oder “Night-Shift”, seine erste Oper, die 2007 in St. Gallen uraufgeführt werden wird. Mit einer Hauptrolle, von der Brennan nicht zu träumen wagte. Die Sopranistin Noëmi Nadelmann.

Als Absolvent des Konservatoriums und der Akademie für Schul- und Kirchenmusik musste sich Brennen “all that jazz“ Schritt für Schritt aneignen. “Meine Jazz Universität waren die Jazzkonzerte in Willisau.“ Die legendären Auftritte von Chris Mc Gregors Brotherhood of Breath waren seine Initialzündung. Und da war Urs Leimgruber, in der Endphase von OM, “für mich ein wichtiger Lehrmeister in jeder Beziehung“. Es liessen sich zahlreiche MusikerInnen mehr anführen, aber auch literarisch- und szenisch inspirierte Köpfe, mit denen Brennan Projekten realisiert hat: Lautpoetische Experimente und dadaistische Hommagen. Natürlich hat er auch Kantaten geschrieben und andere Werke für Chöre. Es ist endlos. Faszinierend endlos.

Ein Auftragsprojekt der Musikschule Arth-Goldau gibt Brennan die Gelegenheit, sich erstmals ausgiebig mit seiner irischen Herkunft zu beschäftigen. “Ich schreibe und arrangiere für alle Instrumentalgattungen Kompositionen, die auf keltischen Wurzeln basieren.” Das Keltische, so hat er recherchiert, reicht bis in die Seegemeinde. Der Ortsname “Weggis“ stammt aus dem keltischen “Wattawis“ und bedeutet “Ort der Fährleute“. Hier lebt und arbeitet John, der Fährmann. Hin und her fährt er, vermittelt, reisst an, ist unermüdlich. Oft komponiert er nachts. Er lacht. “Kein Wunder, dass das Augenringe gibt.“ Aber er hat gar keine Augenringe. Er wirkt munter wie am ersten Tag. John the Wolf, auf Fährte wie immer.

Pirmin Bossart

Die aktuellen CDs

Pago Libre: Stepping out (Leo Records):
Live im Studio eingespielte CD. Das Quartett in Hochform.
John Wolf Brennan: I.N.I.T.I.A.L.S. (Creative Works): Doppel-CD mit einem Überblick über das Schaffen von Brennan (1979-1991). Viele Raritäten und unveröffentlichte Aufnahmen mit Urs Blöchlinger, Impetus, Urs Leimgruber, Christy Doran und vielen andern.
Kennel/Unternährer/Brennan: Pipelines (Creative Works): Ein Live-Mitschnitt des Alphorn-Tuba-Orgel Trios vom Lucerne Festival 2001
Brennan/Coleman/Mejer/Unternährer: Momentum 4 (Leo Records): Grandiose Tiefton-Improvisationen, die Brennan als Instant-Komponisten zeigen.

back to top of page

 


 

CH-6353 Weggis