Einst
Einst werde ich liegen
im Nirgend
bei einem Engel
irgend.
Paul Klee
Von (kon)textuellen Engels-Spuren
und der fragmentarischen Suche nach
dem LICHT
–
ein Text in X Fragmenten
von John Wolf Brennan
I
Engel sind männlich, sagt die deutsche Sprache. “Jeder
Engel ist schrecklich”, beginnt Rainer Maria Rilke seine zweite
Elegie. Nach Hugo Loetschers brasilianischen Erfahrungen sollte man
am Grabe seiner Tochter nicht weinen, weil diese mit nassen Flügeln
nicht in den Himmel fliegen kann. Peter Handkes Engel hingegen sehnen
sich in Wim Wenders wunderbarem Film «Der Himmel über Berlin» nach
den alltäglich-banalen Verrichtungen der Sterblichen, würden
liebend gerne einmal Philip Marlowe die Katze füttern, Fieber
haben, schwarze Finger vom Zeitungslesen, ein Gewicht spüren,
einen Fisch fangen, Lämmer braten, essen und trinken, aber sie
sind nun einmal verdammt zur reinen Geistesexistenz, in Ewigkeit, Amen.
Und Luis Buñuel, der grosse katalanische Filmregisseur, formulierte
am Ende seiner Autobiographie «Mon dernier soupir» seinen
letzten Wunsch so: wenn er eines Tages auf dem Friedhof liegen würde,
e i n m a l im Jahr an die Erdoberfläche klettern zu dürfen,
zum nächsten Kiosk gehen zu können, um dann so angewidert
von den Alltags-Nachrichten menschlicher Katastrophen zu sein, dass
er liebend gerne wieder zurück ins Grab steigen würde.
Ein Jahr nach der Veröffentlichung dieses Buches ist Buñuel
endlich bei den Engeln gelandet. Wahrscheinlich dreht er jetzt gerade
die letzten Szenen zu «Le Charme indiscret de la Bourgeoisie
céleste» ab — ein posthumer Oscar wäre ihm
sicher.
II
Wie aber steht es mit uns Sterblichen, die wir — einen kosmischen
Atemhauch lang — auf dieser Erde uns be-finden dürfen? Haben
wir noch eine Ahnung von der himmlischen Grenzenlosigkeit? Er-innern
wir uns an die Engel in uns, oder haben wir sie schon längst durch
unseren vermeintlichen Verstand weg-rationalisiert, ent-zaubert, zu
einmal kurz vor der Adventszeit abzustaubenden «Jahresendfiguren» – wie
sie in der dogmatisch-atheistischen DDR [un]seligen Gedenkens noch
hiessen – entweiht?
Dabei zeigen sich die Himmelsboten zu allen Zeiten erstaunlich vielseitig
und alles andere als weltfremd: sie treten als Kämpfer und Drachenbezwinger
auf, als Mahner und Tröster. Häufig überbringen sie
wichtige Botschaften fast so schnell und sicher wie das Internet (steht
E-Mail etwa für Engels-Post?), mindestens aber per A-Post, oder
sie betätigen sich als im Okzident und Orient bestens orientierte
Reiseführer. Als Musen inspirieren sie in Museen die irdischen
Künstler und Kuratoren (die ihnen weiss Gott wieviel verdanken)
und bezaubern uns mit ihrer eigenen, himmlischen Musik, der Harmonie
der Sphären. Doch das ist längst nicht alles: Engel bilden
die Räder und Speichen am Streitwagen Gottes, überraschen
uns als Ehevermittler, Schuhmacher, Seelengurus und himmlisches Vorzeige-Ehepaar.
III
Einen Engel zu erkennen, ist folglich nicht ganz einfach. Die (äusserlich
verinnerLICHTen) Bilder eines nebeldurchzogenen Sonnenaufganges über
dem Vierwaldstättersee zum Beispiel könnten Ihnen einige
Anhaltspunkte dazu geben: sie öffnen uns für die Welt der
Träume, der Licht- und Nachtwesen, der unendlichen Schichten des
Unbewussten, der konzentrischen Kreise der Seele; und erinnern uns
so ganz nebenbei an die Schutzgeister, auf die wir doch so selten hören
wollen, weil ihre Stimme so leicht übertönt werden kann.
Allerdings sind sie deswegen nicht weniger präsent — zum
Beispiel beim Schwanengesang eines oesterreichischen Musikers: am 22.April
1935 starb, im Alter von achtzehn Jahren, Manon Gropius, die Tochter
Alma Mahler-Werfels aus deren Ehe mit dem Berliner Bauhaus-Architekten
Walter Gropius.
“Noch bevor dieses fürchterliche Jahr zu Ende sein wird”,
versicherte der Komponist Alban Berg in einem Brief an Alma Mahler, “mag
Dir und Franz Werfel aus einer Partitur, die dem Andenken eines
Engels geweiht sein wird, das erklingen, was ich fühle und wofür
ich heute keinen Ausdruck finde.“
Die nächsten Wochen standen nun ganz im Zeichen des Violinkonnzertes,
das Alban Berg Mitte August 1935 – rechtzeitig zum 56. Geburtstag
Alma Mahlers – beenden konnte. Vier Monate später, am Weihnachtstag
1935, starb der Komponist, selber erst fünfzig Jahre alt geworden.
IV
Bleiben wir noch eine Weile bei Bildern und blenden zurück zu
Paul Klees Darstellung «Engel, noch tastend» aus dem Jahre
1939. Dieses (innerlich veräusserLICHTe) Bild bietet verschiedenste
Einstiegsluken in die «Anderswelt», die noch für die
Kelten, also unsere helvetischen Vorfahren, zur selbstverständlichen
Mitwelt gehörte. So verschieden die Blickwinkel, die perspektivischen
Linien, das Spiel von Licht und Schatten und der optische Horizont
auch sein mögen, im Brennpunkt fliessen diese Licht-Teilchen und
-Wellen zusammen und bilden eine relative Oase der Ruhe für das
Auge, damit es sich auf die nächste visuelle Vulkan-Eruption vorbereiten
kann.
V
“Wichtiger als die Natur und ihr Studium ist die Einstellung
auf den Inhalt des Malkastens. Ich muss dereinst auf dem Farbklavier
der nebeneinander stehenden Aquarellnäpfe frei fantasieren können." (Paul
Klee, Tagebuchnotiz, 1910)
Das Papier ist seine Leinwand, Fettkreide, Kleisterfarben und Aquarell
sein Pinsel. Dass Paul Klee mit Farben arbeitet, darf angesichts der
fast blendenden Kraft seines chromatischen Spektrums schon fast als
ungehörige Untertreibung gelten: be-flügelt durch die leuchtende
Strahlkraft der Aquarelltöne und dreidimensional herausgehoben
durch den samtigen Glanz der Fettkreide und ihrem Schattenwurf, setzt
er zu einem wahren Farbensturm, zu einem irisierenden Farbgewitter
an, das mit archaischer Urgewalt die fernsehmüden Sehnerven in
einen pulsierendem Rhythmus zwingt, im Gleichgewicht, aber prekär;
stabil, aber labil; das heutige Auge vom Fern-Seher zum Nah-Betrachter
werden lässt.
VI
In seinen Bildern werden die verschlungenen Pfade in “Hauptweg
und Nebenweg” (1929) zu Verxierspielen; die bald deutlich, bald
latent erkennbaren Figuren wie das “Besessene Mädchen” (1924),
der “Schauspieler” (1923), der “Mann mit dem Mundwerk“ (1939),
das Strichmännchen in “Eile ohne Rücksicht” (1935), “Die
Sphinx geht” (1939) oder das “X-chen” (1938) wuchern
zu geheimnisvollen Allegorien. Das zum schwindelerregenden Spagat ausholende “Hat
Kopf, Hand, Fuss und Herz“ (1930), das mysteriös versteckte “Vollmondopfer” (1933),
die labyrinthische “Lagunenstadt” (1932) oder die schattenkletternden
Vektorpfeile in “Eros” (1923) verwandeln sich metamorphisch
in grafisch verspielte, aber mathematisch präzise gesetzte Ornamente;
die Ornamente wiederum ent-wickeln sich zu organischen Figuren. So
schliesst sich der Kreis von Werden und Vergehen — vom Rosengartenwinde
verweht.
VII
Rot heisst Wärme, Eros, Kraft. Blumen blühen auf steinigem
Boden. Pilze schiessen durch Asphalt. Das Wachsen des Kristalls. Al
Fresco-Technik: solange die Farben fliessen, können und müssen
sie bearbeitet werden. Der Schaffensprozess muss schnell und spontan
erfolgen, die Gedanken müssen weit voraus fliegen. Geist und Materie
prallen aufeinander. Marmorierung, Struktur und Haarrisse entstehen
durch gebrochene, das heisst fragmentierte Farben, durch den Zusammenprall
von Farbklängen und dem Untergrund.
VIII
Das Materielle tritt dabei in den Hintergrund, das Malen als kreativer,
gestalterischer Prozess transzendiert das Material. Als zusätzliches
Verfremdungselement setzt Paul Klee eine Art Schriftzeichen ein: eine
kunstvoll verschnörkelte Geheimschrift, die die klare Gliederung
der Farben unterläuft und überlagert mit einem Netzwerk paralleler
Welten, wobei die grafische Gestaltung einer typographischen Suggestion
gilt, die Syntax und Semantik ganz der Phantasie des Betrachters überlässt,
der durch diesen optischen Reiz raffiniert zu bald lustvoll-entdeckungsfreudigen,
bald frustrierend-fruchtlosen Dekodierungsversuchen angeregt wird und
ganz nebenbei auch über den Sinn und Unsinn unserer Sprache nachzudenken
beginnt – Hieroglyphen des Hier und Jetzt
—
in sich ruhend eine ruhig-beunruhigende Ent-Zifferung des Daseins,
in prekärem Gleichgewicht, leise schaukelnd.
IX
Titel wie “Trauernd”, “Entweihte Sphinx”, “Wachstum
in einem alten Garten”, “Das Tor zur Tiefe”, “Tanze,
du Ungeheuer, zu meinem sanften Lied”, “Mit der sinkenden
Sonne”, “Blaue Blume”, “ABC für Wandmaler” oder “Ein
Kinderspiel” verbergen oft mehr, als sie offenbaren, eine Erkenntnis,
die sich auch im Traum wieder findet: nicht nur BILDER (was sich vom
mittelhochdeutsch “bilwiz”, “Wundersames wissend”,
herleitet), sondern KON-TEXTUELLE FRAGMENTE sind zu betrachten.
Steckt schon im Wort “Text” das lateinisch “textere”,
also “weben, flechten, fügen” eine Anspielungen auf
die Bedeutung der leeren Fläche, so wird diese im Zusammenhang
mit dem Begriff “Fragment”, das sich aus lateinisch “frangere” = “brechen”,
also “bruchstückhaft, unvollständig” zu einer
direkten Aufforderung, ja zu einer Aufgabe des Betrachters, seine eigene
Bedeutung in diesen geflochtenen Bruchstücken zu suchen, die keinen
Moment lang ein falsche Vollkommenheit vorspiegeln, welche es doch
allenfalls im anfangs besungenen Engelsrefrain von Paul Klee geben
kann.
X
Das Fragment als nicht-vollendete Bruchstelle, als Tor zu einer vorstellbaren
Welt der Ganzheit, als ewig in Veränderung befindlicher Ausschnitt
aus einer grösseren Wirklichkeit, als Torso eines gedachten Farbklang-Körpers,
als Wegweiser im undurchdringlichen Labyrinth des Lebens er-innert
uns an die eigene Endlichkeit.
Rilke hin oder her – die Engel sind weiblich.
John Wolf Brennan
Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heisst. Ein Engel
ist darauf dargestellt, der aussieht als wäre er im Begriff, sich
von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen,
sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt.
Der Engel der Geschichte muss so aussehen. Er hat das Antlitz der
Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint,
da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer
auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füsse schleudert.
Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene
zusammenfügen.
Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln
verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schliessen
kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den
Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum
Himmel wächst.
Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.
Walter Benjamin, Der Engel der Geschichte
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