| «Luzerner Woche» vom 6. September 2000 |
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Du denkst, also bin ich!
Ein Buch schreibt an (s)einen geneigten Leser: Achtung, ich bin
ein Risiko!
861Ç2itjgua7,0985klfo42Ç+¨á6¯ð$9gkiwuüu)i(...'klrz@#zzwöv????:)
Wie bitte? Keine Angst, dem Setzer sind nicht etwa die Bildschirmsicherungen
durchgegangen er hat lediglich mit dem gewohnten Material ein
bisschen improvisiert, die (scheinbar) vertraute Zeichensprache dekonstruiert...
Anarchie statt Orthographie? Lies ruhig weiter, hier werden keine
Typografen demontiert und keine fereinfachte Rechtschreibung fordemonstrirt.
Ich bin sozusagen existenziell auf Deinen Lesehunger angewiesen. Ohne
Deinen ständigen Appetit auf mich und meinesgleichen kann ich
meine Deckel zusammenklappen und das Feld kampflos meinen elektronischen
Rivalen überlassen. Dein GWUNDER ist meine einzige Chance.
Meine Verführungskünste allein bewirken allerdings noch
nicht viel: Papier frisst alles. Millionen von Texten wurden, wie
ich, geschrieben, gedruckt, gelesen und vergessen. Ganz ohne
den kleinen täglichen Selbstbetrug willst wohl auch Du nicht
auskommen. Er ist ein Teil, und nicht der geringste, Deines Lesevergnügens.
Oder freust Du Dich etwa nicht, wenn ich über Erfahrungen berichte,
die Du selbst glaubst gemacht zu haben, wenn ich Stimmungen und Gefühle
evoziere, in denen Du Dich selbst widerspiegeln kannst? Und wenn wir
schon bei Narziss sind (auch eine der zahllosen Figuren, die Du mir
zu verdanken hast): Tut es Dir nicht gut, Deine Meinung in meinem
Text bestätigt zu sehen, schwarz auf weiss Deine (Vor-)Urteile
immer wieder nachlesen zu können? In schöne Worte verkleidet,
zwischen zwei solide Buchdeckel geklemmt, die erst noch in einen Schutzumschlag
(gegen wen oder was soll der mich eigentlich schützen?) gefasst
sind, in Marcel Reich-Ranickis glitter-arischem Kabinett glänzen
oder in Reih und Glied auf dem häuslichen Büchergestell
stehen, inmitten einer strammen Kolonne, die jederzeit bereit ist,
für Dich zu marschieren und Dein hohes Bildungsniveau zu bezeugen?
Achtung ich könnte Dir aber auch gefährlich werden.
Ich bin ein RISIKO: ich kann Meinungen vertreten, Fragen in
deine Räume stellen, Deine Wohnstubenluft mit Ideen schwängern,
dich vom Fern- zum Nahseher machen, Dich zu Tränen rühren,
Deine intellektuelle Rauflust vergrössern, Deine Assoziationsketten
lossprengen, Deine Neurosen hors sol, ganz ohne Treibhauseffekt
weiterzüchten, Dich in Deinen sorgfältig gehätschelten
Komplexen bestärken, für schlaflose Nächte sorgen,
Deine Bildungswut anstacheln, Deinen Arbeitseifer sabotieren, Deinen
KarriEhrgeiz relativieren. Aber auch: Dir Gewissheit darüber
verschaffen, dass auch meine Wahrheit Dir NICHTS anhaben kann, dass
Deine Welt fest auf ihren Sockeln (und Deinen Socken) ruht.
Und Achtung, ich mache einsam: Für Dich bin ich einmalig und
einzigartig, auch als Harry Potter in Millionenauflage. Das Bildschirmbild
erzeugt wenigstens noch die wohlfeile Illusion, unter den Leuten zu
sein, und erst noch unter netten Leuten aus der ganzen Welt, die auf
39 x 65 Zentimeter zusammengefaltet, schön pflegeleicht gerahmt,
erklär- und kommentierbar geworden ist. Diese Weltkugel darf
also ruhig jeden Abend in Dein Wohnzimmer purzeln, zwischen Sitcom-Serientraum
und Werbeschaum in handliche Tagesschau-Portionenbeutel abgefüllt:
Du bist der Röntgenarzt vor dem Schirmbild, die Erde liegt erklärt,
verstört und verstanden auf Deinem Wohnzimmertisch.
Wenn Du LESEN willst, musst Du Dich zurückziehen, Deinen eigenen
Raum schaffen. Als Hardware brauche ich keinen Strom, keine Digits,
kein Terminal, keinen Printer und keinen Bild(ungs)-Schirm. Ich bin
allzeit bereit: energetisch autonom, alphabetisiert, terminiert, geprinted
geBILDet aber wirst Du, liebe(r) LeserIn.
Ich beraube Dich Deiner anerzogenen Erfahrung des täglichen
Lärm um Nichts, lasse Dich die Stille spüren, bringe unerhörte
Saiten zum klingen, verführe Dich zu Ruhe ohne Ordnung.
Du bist die Software.
John Wolf Brennan
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