| «Schweizerische Monatshefte» Nr.5, Mai 2000 |
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East End Stories
13 Szenen aus dem Londoner Tagebuch von John Wolf Brennan
Auf Einladung der Zuger Kulturstiftung Landis & Gyr weilte der
irisch-schweizerische Komponist und Pianist John Wolf Brennan 1997
als composer in residence in Londons East End. Im Mai
gab er in der Royal Festival Hall im Rahmen des Sergej Kuryokhin
Memorial Concerts ein Solo-Piano-Rezital, das vom BBC-Radio
aufgezeichnet wurde. Vier neue Alben entstanden in dieser Zeit: «HeXtet:
Through the Ear of a Raindrop» (Leo Records LR 254) mit der
legendären Sängerin Julie Tippetts, Evan Parker, Paul Rutherford,
Peter Whyman und Chris Cutler; «Das Wohlpräparierte Klavier»
(solopiano, Creative Works CW 1032); «Ent/ropo/logy» im
Trio mit dem Tenorsaxophonisten Simon Picard und dem Schlagzeuger
Eddie Prévost; sowie «Nisajo: BRINK MAN SHIP» (FMR
Records) im Trio mit der Flötistin Nicky Heinen und dem Fagottisten
Alexander Alexandrov. Im Auftrag der Schweizer Kulturstiftung PRO
HELVETIA schuf er für das Glockenspiel am Swiss Centre
im Herzen von London zentral beim Leicester Square gelegen eine
neue Musik, die als Beitrag zur 150-Jahr-Feier des Schweizerischen
Bundesstaates am 21.September 1998 um 18.48 feierlich eingeweiht wurde.
I Zoo-logischer Prolog
Wild- und Hausschweine, die sich nach dem Schlammbad wohlig an der
Sonne suhlen; Erdhörnchen, die in phantasievoll improvisierten
Gehegen durch Kartonröhren springen; meckernde Ziegen, in grosszügig
angelegten, offenen Ställen artgerecht gehalten; äsende
Esel, grasende Kühe, gackernde Hühner, quakende Enten, Schafe
und Kaninchen nicht etwa ein ländliches Idyll irgendwo
in der grünen englischen Countryside, sondern gelebte Realität,
mitten in Londons East End: im Stepney Green-Park hat
sich neben Sport- und Kinderspielplätzen ein veritabler Bauernhof
eingenistet, auf dem sich das Rad des Lebens mitten in der Hektik
der Grossstadt in pittoresk-ländlicher Gemächlichkeit dreht,
Oase der Ruhe und zoo-logischer Anschauungsunterricht für die
kleinen und grossen Besucher, die sich in der Abenteuerlich zusammengezimmerten
Stall- und Hüttenlandschaft (101 Variationen über ein Bauhaus-Thema)
gleich mit Freilauf-Eiern, nachhaltig gewachsenem Honig, hausgemachter
Konfitüre und Bio-Gemüse eindecken können.
II Ein globales Vorbild?
Als postkoloniale Hauptstadt des Commonwealth hat London längst
die Klischees von Tower Bridge und The Changing of the Guards im Buckingham
Palace hinter sich gelassen: mehr denn je zeigt sich sich die Stadt
als pulsierendes Zentrum eines multikulturellen Zusammenlebens, das
in moderner Kunst, Architektur, Musik, Literatur, Performance Art,
Film, Theater (und sogar in der Mode) Zeichen setzt und in seiner
grenzüberschreitenden Toleranz durchaus als globales Vorbild
dienen könnte.
III Statistik Dynamik
London zählt rund 6,68 Mio. Einwohner, davon sind 5 Mio. Engländer,
d.h. jeder vierte Londoner ist ein Ausländer (25,2%).
Insgesamt 321000 Asiaten leben in der Metropolis: darunter 57000
Bangladeshi, 45000 Pakistani, 152000 Inder. Am Leicester
Square, unweit des Swiss Centre-Glockenspiels, halten
in den Asphalt eingelassene Tafeln rings um das Charlie-Chaplin-Denkmal
die Luftlinien-Distanzen eindrücklich fest: Dhaka (Bangladesh)
8000 km, Islamabad (Pakistan) 6040 km, New Delhi (Indien) 6713 km.
Und am Wochenende verwandelt sich der Platz jeweils in ein Mini-Woodstock,
wo Strassenmusiker um die Wette singen (mit Wonderwall
von Oasis als neuer Pop-Hymne) und sich ein unglaubliches buntes,
permanentes Volksfest abspielt: Businessmänner in korrektem Grau
stossen mit Clochards an, chinesische Girls singen im Chor mit schrill
frisierten und gepiercten Punkboys, alternde Patchwork-Hippies fallen
sich in die Arme, Rollerskaters zeigen ihre Kunststückchen. Wer
angesichts dieser ausgelassenen Stimmung noch ein griesgrämiges
Gesicht macht, ist selber schuld oder kommt vielleicht gerade
aus der muffen Schweiz an.
IV Time Out
Zum Vergleich: in der Mega-Metropolis leben auch 214000 Iren,
113000 Schotten, 70000 Walisen, 42000 Nordiren,
30000 Italiener, 150000 Karibier, 183000 Afrikaner,
50000 Zyprioten, 17000 Iraner, 32000 Deutsche, 21000
Franzosen, 19000 Spanier, 7000 Israeli (sowie eine grössere
Anzahl Juden), 33000 Amerikaner und 4188 Schweizer.
Und wenn wir schon beim Aufzählen von multikulturellen Statistiken
sind: das Stadtmagazin «Time Out» listet nicht weniger
als 600 Konzerte, 250 Filme, 200 Clubs und 150 Theaterstücke
auf pro Woche.
V Little Jerusalem
Traditionell wurde das East End von einer ausgeprägt jüdischen
Bevölkerung bewohnt: zahlreiche Häuser, Synagogen, die Soup
Kitchen for the Jewish Poor und eine bestens erhaltene Jugendstil-Fassade
von 1902 an der Brune Street zeugen davon. Nach dem Holocaust-Schock
und den Zerstörungen im zweiten Weltkrieg, in dem die südlich
angrenzenden Docklands oft genug das Ziel der deutschen Luftangriffe
waren, zogen viele Juden weg, nach Israel oder wenigstens nach Little
Jerusalem, in den nördlichen Londoner Stadtteil Golders
Green.
VI Migrationen
Die nächsten Immigrationswellen kamen vor allem aus Südostasien,
aber auch aus Afrika. Vor fünfzig Jahren hatten sich auf dem
indischen Subkontinent durch die Unabhängigkeitsbewegung in Britisch-Indien
(1947) nacheinander drei Staaten gebildet: 1949 spaltete sich der
islamische Teil von Indien ab und bildete die weit voneinander getrennten
Landesteile Ostpakistan und Westpakistan. Der Name Pakistan
entstand übrigens aus der realpolitischen Retorte: P für
Punjab, a für Afghan, ki für Kaschmir, s für Sind und
tan für Belutschistan. 1971 erklärte sich der östliche
Teil als Republik Bangladesh unabhängig. Ein grosser Teil der
Flüchtlinge ging nach Indien, ein kleinerer nach London: das
sind allerdings immernoch einige Zehntausend.
VII Brick Lane
Im gleichen Jahr vertrieb der ugandische Diktator Idi Amin sämtliche
Ausländer, vor allem Inder, die gesamte Intelligenz samt Kaufleuten
und Händlern. Ein grosser Teil davon siedelte sich in Londons
East End an. Sie übernahmen die traditionsreichen Handwerks-
und Handelsgeschäfte der Juden (Textilien, Leder und Wildleder),
und heute bildet die Commercial Road den grössten zusammenhängenden
Engros-Kleiderladen-Markt Europas. Allein in der Brick Lane hat es
nicht weniger als 34 pakistanisch-indische Restaurants, sogar Pizza
gibt es nach Halal-Art, dem islamischen Gegenstück
zur koscheren Kost.
VIII Allah s Allahrrm Clock
Religiöse Fundamentalisten würden sich vielleicht entsetzen,
dass hier alle möglichen Tschador-Verschleierungsformen friedlich
nebeneinander koexistieren vom schmalen Schiessschartenschlitz
bis zum frei sichtbaren Gesicht. Die Säkularisierung ist weit
fortgeschritten: die grosse East London-Moschee an der
Whitechapel Street (an die auf der Hinterseite übergangslos die
Fieldgate Street-Synagoge anschliesst!) ist an eine Citroën-Garage
angebaut, sodass die Stimme des Muezzins vom Minarett über die
smogrote Sonne und der rotweissen Doppelraute aufgeht. Die häusliche
Version des Muezzin-Rufes ist übrigens in jedem Azan Clock-Wecker
gespeichert. Als Alarmzeichen erklingt seine Stimme digit-Allah.
IX Schooltime
An der Smithy Street-Primarschule hat es rund 240 Kinder im Alter
zwischen drei und zehn Jahren. Sie stammen aus Bangladesh, Indien,
China, Marokko, Somalia, Jamaica, Neuseeland, Zaire, Irland, Wales,
Polen, Nigeria und der Türkei eine verschwindend kleine
Minorität sogar aus England. In den Gängen hängen Bilder
mit islamischer Kunst, arabesker Ornamentik und bunten afrikanisch-karibischen
Stoffmustern.
X VatiKoran
Am Samstag sind alle Märkte geschlossen: der Sabbat wird immer
noch geheiligt, obwohl die jüdischen Kongregationen in diesem
Stadtteil völlig überaltert sind. Tatsächlich bildet
das East End eine Art soziales Labor, ein vitaler Melting Pot, wo
der Mikrokosmos einer multikulturellen Gesellschaft und religiöse
Toleranz im Alltag erprobt wird. Man stelle sich vor: Islami würdigen
den Sabbat, Juden meditieren im Zen-Sitz, Buddhisten beten zu Shiva,
Hindus rufen Maria an und Christen lesen den Koran was würde
der Vatikan wohl dazu sagen?
XI Litera-Tour
Auch in der Literatur schlagen die ehemaligen Kolonien zurück:
die Bücher von Hanif Kureishi (The Buddha of Suburbia),
Michael Ondaatje (The English Patient), Salman Rushdie,
Vikram Seth, Arundhati Roy (The God of Small Things) und
Nirad Chaudhuri sind Bestseller. Sie werden auch von den weissen Briten
heftig gelesen und heiss diskutiert, einige mit Oscar-Erfolg verfilmt.
Auf merkwürdige Art sind ihre Figuren einerseits in ihrem angestammten
Kulturkreis verhaftet, wie überhaupt das Gründen und Pflegen
von social circles ein urbritisches Charakteristikum bildet
und durch diese Kasten-Trennung auch erst die Toleranz
ermöglicht; anderseits wagen sie den Spagat in die englische
Welt (The Remains of the Day) und gebärden sich oft
britischer als die alten Kolonialherren, was man durchaus auch als
Phänomen der Ueber-Adaption lesen kann. Auf jeden Falle injizieren
sie die traditionsverhaftete englische Literatur mit kraftvollen Stoffen
und unbändiger Erzähllust. Es ist überhaupt auffallend,
wie viel hier gelesen wird keine Underground-Tube
fährt ohne haufenweise Zeitungspapier und Paperbacks. Theaterstücke
und literarische Themen haben Hochkonjunktur, sogar im Fernsehen,
samt manchmal heftigen Diskussionen darüber.
XII His Stories
Jeweils am Samstag führt der Lokalhistoriker Laurie Allen interessierte
Leute durch die Eingeweide des East End (Treffpunkt: Tube-Station
Aldgate East der grünen District Line, 11.00 Uhr,
bei jedem Wetter). Als eingeborener Grassroots-Bewohner
kennt er jedes Detail, erklärt die Gravuren der Dolendeckel,
altertümliche Kaminformen und Kuriosa wie das viktorianische
Waschhaus, wo die grösstenteils verarmten East Enders im letzten
Jahrhundert (Jack London hat diese untergegangene Welt eindrücklich
in seinem Bericht «People of the Abyss», [London 1903]
geschildert, wo er sich à la Günther Wallraff als Bettler
verkleidet hat, um die unsägliche Not am eigenen Leib zu erfahren)
ihre elementarsten hygienischen Bedürfnisse befriedigen durften
komplett mit zentral gelenkter Heiss- und Kaltwasserzuführung,
was bei den zahlreichen engen Wasch-Zellen sicher zu einem Tohuwabohu
an höchst erregten Befehlen führen musste Number
Nine more cooooold, Number Five, much toooo hot...
Im Uebrigen sind auf den britischen Inseln bis heute unsere kontinentalen
Mischhahnen eine echte Rarität, sodass man sich beim Händewaschen
entweder verbrüht oder erkältet. Mit sichtlichem Stolz zeigt
uns Laurie Allen ein Hugenotten-Haus, das seit 1724 von moderner Technik
unberührt blieb und im originalen Lebensstil von einem reichen
amerikanischen Aussteiger bewohnt wird; die dunklen Gassen, wo Jack
the Ripper seine fünf Huren umbrachte; eine Kongregation in der
Synagoge; die riesige Spitalfields-Markthalle; und schliesslich der
Markt in der Petticoat Lane, jeweils am Sonntag (Samstag ist Sabbat)
der grösste in London, der sich über drei Strassen hinzieht:
Wentworth, Toynbee und Goulston Street. Nicht weit davon, auf dem
Platz hinter der Liverpool Street Station, räkelt sich Fernando
Botéros Bishopsgate Venus, eine voluminöse
Schöne als Heavy Metal-Skulptur, alimentiert von den reichlich
fliessenden Euros der Europäischen Zentralbank, die dort ihr
marmorverkleidetes Domizil hat.
XIII Epi log
Dass die multikulturelle Gesellschaft allerdings noch nicht in alle
Niederungen der All(ah)tags vorgedrungen ist und oft an den einfachsten
sprachlichen Hürden scheitert, zeigt der folgende Uebersetzungsversuch
in der Gebrauchsanweisung für den digitalen Mekka-Betruf-Wecker:
1. Diesel Einheit wird auf die Batte nie
(nickt enthalt) von 4A-Groese benieden
2. 1 Batte nie fuer Ur.
3. 3 Batte nie fir Music-ik.
4. Offneten Sie den Akkuaroma LID.
5. Setzten Sie Batte nie mit lichtiger Polantaet. Wie, gezeiget,
ein.
6. Muecken sie. diesel LID zue.
7. Einstellkopf der dem Zeit-Ziehen und
drehen um de lichtig Ziet einzustehlen.
8. Loesen Sie den Dnuckknopf MUTE uef.
9. Lichten Sie TIME SET KNOB auf
Rueckseide von den Einheit nach dem Anweisungen
10.Die Stumme der Music-ik wurd Sie am diesel eingestehlen Zeit
lufen.
Guten Morgen!
John Wolf Brennan
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