| «Luzerner Woche» vom 2. August 2000 |
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Einst
Einst werde ich liegen
im Nirgend
bei einem Engel
irgend.
Paul Klee
Von Engels-Spuren und vierblättrigem Klee
Engel sind männlich, sagt die deutsche Sprache. Jeder
Engel ist schrecklich, beginnt Rainer Maria Rilke seine zweite
Elegie. Nach Hugo Loetschers brasilianischen Erfahrungen sollte man
am Grabe seiner Tochter nicht weinen, weil diese mit nassen Flügeln
nicht in den Himmel fliegen kann. Peter Handkes Engel hingegen sehnen
sich in Wim Wenders wunderbarem Film «Der Himmel über Berlin»
nach den alltäglich-banalen Verrichtungen der Sterblichen, würden
liebend gerne einmal Philip Marlowe die Katze füttern, Fieber
haben, schwarze Finger vom Zeitungslesen, ein Gewicht spüren,
einen Fisch fangen, Lämmer braten, essen und trinken und... aber
sie sind nun einmal zur reinen Geistesexistenz in Ewigkeit verdammt,
Amen. Und Luis Buñuel, der grosse katalanische Filmregisseur,
formulierte am Ende seiner Autobiographie «Mon dernier soupir»
seinen letzten Wunsch: wenn er eines Tages auf dem Friedhof liegen
würde, einmal im Jahr an die Erdoberfläche klettern zu dürfen,
zum nächsten Kiosk zu gehen, um dann so angewidert von den Alltags-Nachrichten
menschlicher Katastrophen zu sein, dass er liebend gerne wieder zurück
ins Grab steigen würde...
Ein Jahr nach der Veröffentlichung dieses Buches ist Buñuel
endlich bei den Engeln gelandet. Wahrscheinlich dreht er jetzt gerade
die letzten himmlischen Szenen zu «Le Charme indiscret de la
Bourgeoisie céleste» ab... ein posthumer Oscar wäre
ihm sicher.
Engelspost per E-Mail
Wie aber steht es mit uns Sterblichen, die wir einen kosmischen Atemhauch
lang auf dieser Erde uns be-finden dürfen? Haben wir noch eine
Ahnung von der himmlischen Grenzenlosigkeit? Er-innern wir uns an
die Engel in uns, oder haben wir sie schon längst weg-rationalisiert,
ent-zaubert, zu einmal kurz vor der Adventszeit abzustaubenden »Jahresendfiguren«
wie sie in der atheistischen DDR [un]seligen Gedenkens noch
hiessen) entweiht?
Dabei zeigen sich die Himmelsboten zu allen Zeiten erstaunlich vielseitig
und alles andere als weltfremd: sie treten als Kämpfer und Drachenbezwinger
auf, als Mahner und Tröster. Häufig überbringen sie
wichtige Botschaften fast so schnell und sicher wie das Internet (steht
E-Mail etwa für Engels-POST?), mindestens aber per A-Post; oder
sie betätigen sich als im Okzident und Orient bestens orientierte
Reiseführer. Als Musen inspirieren sie in Museen die irdischen
Künstler (die ihnen weiss Gott wieviel verdanken) und bezaubern
uns mit ihrer eigenen, himmlischen Musik, der Harmonie der Sphären.
Doch das ist längst nicht alles: Engel bilden die Räder
und Speichen am Streitwagen Gottes, überraschen uns als Ehevermittler,
Schuhmacher, Seelengurus und himmlisches Vorzeige-Ehepaar.
Einen Engel zu erkennen, ist folglich nicht ganz einfach. Die Bilder
eines nebeldurchzogenen Sonnenaufganges über dem Vierwaldstättersee
oder eine Wanderung durchs Maderanertal an den vielen Madonna-Stöcklis
vorbei zum Beispiel könnten einige Anhaltspunkte dazu geben:
sie öffnen uns für die Welt der Träume, der Licht-
und Nachtwesen, der unendlichen Schichten des Unbewussten, der konzentrischen
Kreise der Seele; und erinnern uns so ganz nebenbei an die Schutzgeister,
auf die wir doch so selten hören wollen, weil ihre Stimme so
leicht übertönt werden kann.
Kleeblätter in der Anderswelt
Bleiben wir noch eine Weile bei Bildern und blenden zurück zu
Paul Klees Darstellung «Engel, noch tastend» aus dem Jahre
1939. Dieses Bild bietet verschiedenste Einstiegsluken in die «Anderswelt»,
die noch für die Kelten, also unsere helvetischen Vorfahren,
zur selbstverständlichen Mitwelt gehörte. So verschieden
die Blickwinkel, die perspektivischen Linien, das Spiel von Licht
und Schatten und der optische Horizont auch sein mögen, im Brennpunkt
fliessen diese Licht-Teilchen und -Wellen zusammen und bilden eine
Oase der Ruhe für das Auge, damit es sich auf die nächste
visuelle Vulkan-Eruption vorbereiten kann.
Rilke hin oder her die Engel sind weiblich.
John Wolf Brennan
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