| «Luzerner Woche» vom 15.November 2000 |
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Drei Wünsche an die gute Fee
ein irisches Novembermärchen
Angenommen, es käme eine Fee und sagte Ihnen, Sie hätten
drei Wünsche frei...
...dann kann ich mir kaum vorstellen, dass eine solch zauberhafte
Begegnung in unserer aufgeklärten BANALpenrepublik stattfindet
zu lange waren die zwinglianischen Entzauberer am Werk. Die
irrationalen, aber gläubischen Quellen sind diesem Volk gründlich
ausgetrieben worden. Archaische Restwassermengen finden sich allenfalls
noch in ein paar versteckten Seitentälern, wo Kruzifix und Bildstöckli
noch nicht zum wohlfeilen Devotionalienkitsch verkommen sind. Wer
je der urplötzlichen Gewalt eines Sommergewitters ausgesetzt
war, etwa im Urner Maderanertal, weiss Wegweiser wieder zu schätzen
und findet neuen Respekt in alten Gebeten. Auf die nächste Lozärner
Fasnacht oder das Küssnachter Klausjagen mag ich die gute Fee
auch nicht vertrösten, also lasse ich mich in den Wilden Westen
Europas beamen, sagen wir mal, auf die Halbinsel Dingle, von der der
Volksmund sagt, "die nächste Pfarrei sei Amerika".
Dort ist - nach Einbruch der Dämmerung - die Heimat der "little
people", der "Leprechauns".
In der Mitte eines keltischen Baumkreises lädt mich die Fee
zum Tee: Schwarzdorn, Melisse und Hagebutte mit einer Prise Mistelblüten.
Mein erster Wunsch lässt die Fee leicht erröten. "Aber
ich hab doch selber einen", gesteht sie, eine fuchsrote Haarsträhne
trotzig hinters Ohr streifend. Eine Weile ist sie ganz still in sich
versunken, nippt ab und zu an der Tasse.
Den zweiten kann sie mir schon fast von den Lippen ablesen.
Der dritte Wunsch wandert schweigend. Unsere Träume haben sich
durch den Duft des Laubbodens, die kühle Nachtluft und das Rascheln
der Zweige im Unterholz so einander angeglichen, dass ich Mühe
habe, meine eigenen Gedanken von den ihrigen zu trennen. "Morgen,
wenn Du in die Schweiz zurückkehrst, wirst Du Dein blaues Wunder
erleben", haucht sie.
***
Mit dem ersten Vogelruf erwache ich. Der
Fussmarsch zum nächsten Weiler ist beschwerlich - immer wieder
bleibe ich mit meinen Halbschuhen im feuchten Torfboden stecken. Weshalb
bloss habe ich meine Gummistiefel vergessen?
Auf dem Weg zum Flughafen singt der Taxifahrer uralte Filmmelodien
ins Funkgerät und lässt seinen ebenfalls singenden Kollegen,
der irgendwo am anderen Ende Dublins herumkurvt, Titel,
Hauptdarsteller und Jahreszahl erraten - ein spannendes Spiel, bei
dem der Kunde vom Voyeur zum Ecouteur wird...
Das Flugzeug startet fahrplanmässig. Erst die Turbulenzen auf
10'000 Meter Höhe erinnern mich an die letzten Worte der Fee.
***
Ankunft in Zürich-Kloten. Die bunte "Grüezi"-Tafel
fehlt, dafür schenkt mir ein grüner Zöllner einen blauen
Pass mit 21 gelben Sternen. Auf Seite 3 kann man mit dem Sackmesser
ein kleines weissrotes Kreuz freirubbeln. Die TV-Monitore sind tot.
Kein Natel nirgends. Reggae-Musik quillt aus den Lautsprechern. Eine
ausgelassene Party mit einer unübersehbaren Gästeschar ist
in vollem Gange. Die Bye-Bye-Bar offeriert Gratisdrinks, die Bancomaten
pumpen feingewaschene Noten (nicht nur sauber, sondern rein) in die
Wartehalle, und keiner bückt sich danach.
Sie sitzt am Fenstertisch. Diesmal trinkt sie keinen Kräutertee.
Sondern kohlrabenschwarzen Kaf-Fee.
Ach ja. Meine drei Wünsche.
Vielleicht klingt es abergläubisch, aber Wünsche
gehen nur in Erfüllung, wenn man sie nicht verrät
John Wolf Brennan
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