| «Luzerner Woche» vom 28. Juni 2000 |
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Ueber Morgensterne,
kosmische Zwischenräume
und irdische Lattenzäune
Big Bang! Zwischenräume sind in der Natur im Mikro- wie im Makro-Kosmos
eine elementare Voraussetzung des Lebens: in der Zelle sind die einzelnen
lebensnotwendigen Räume und Bausteine durch Zellwände voneinander
abgetrennt, durch die allerdings eine osmotische Wechsel-Atmung stattfinden
kann: Trennung (Dis-Kretion) und stetiger Austausch (Kreation) bedingen
sich gegenseitig. In der Galaxis, im Universum geschieht die Trennung
durch den (fast) leeren Raum, in dem wiederum durch Sonnenwinde, elektromagnetische
Strahlungen, Protuberanzen und Pulsare auch Distanzen von Lichtjahren
überwunden werden. Seit Einstein sind Raum und Zeit ein Kontinuum
geworden: Ent-Grenzung und Be-Grenzung stehen in einem fein austarierten,
dynamischen, aber durchaus präkerem Gleichgewicht. Eines fernen
Tages wird die totale Entropie vielleicht zur Auskühlung des
Universums führen und damit zum Kältetod, aber für
die nächsten paar Millionen Jahre wird uns der Tanz der weissen
Riesen, roten Zwerge und schwarzen Löcher in Atem halten.
Die einzige Konstante ist also der ständige Wechsel. Dieses
quicklebendige Lebens-Modell lässt sich auch auf die politische
Situation der Schweiz versus Europa übertragen. Interkultureller
Austausch oder fremdenfeindliche Abwehrhaltung? Integration oder Alleingang?
Mitmachen oder abseits stehen? Langsam dämmerts auch der
älteren Mehrheit (in der Deutschschweiz), und bei den Jungen
piepsen es eh die Natels von den Dächern und Dächlikappen:
wir leben in einem globalen Dorf.
Die Kunst des Fragestellens
Gibt es zwischen gegen-sätzlichen Welten wie der (bekannten)
Sprache und der (unbekannten) Klänge, der (undefinierbaren) Geh-Räusche
und der (definierbaren) Töne, der sichtbaren Zeichen und der
hörbaren Im-Pulse weitere Bereiche, die sozusagen latent unter
der Oberfläche verborgen sind? Zwischen-Bereiche? Zwischen-Räume?
Wortzeichenklänge? Zeichenklangworte? Klangwortzeichen? Wortklangzeichen?
Zeichenwortklänge? Klangzeichenworte?
Wenn Musik die (archetypische) Kunst der Zeit ist, was bedeutet das
für diese Zwischen-Räume? Gibt es auch im Raum-Zeit-Kontinuum
ein Da-Zwischen? Gibt es Ordnung im scheinbaren Chaos? Organisiert
sich das Chaos in selbstähnlichen Formen (strange attractors)
geometrisch-fraktal selbst? Wenn ja, können wir diese Ordnung
erkennen? Und woraus schliessen wir dies? Wie steht es mit den zentrifugalen
und zentripetalen Kräften? Gibt es einen stabilen Orbit? Wo liegt
das Perigäum, wo das Apogäum der Umlaufbahn um diesen Trabanten?
Wie gross ist seine Schwerkraft? Enthält seine Atmosphäre
Sauerstoff? Gibt es intelligentes Leben auf diesem Planeten?
Morgenstern hat Gold im Kern
Einer, der (nach Friedrich Nietzsche) immer mehr als genug Chaos
in sich trug, um einen tanzenden Stern gebären zu können,
war Christian Morgenstern (1871-1914). Ein Münchner Bohemien,
ein schlapphuttragender, bleicher und bärtiger Mystiker,
versenkt in naturwissenschaftliche, astrologische und okkultistische
Studien. Er liess seinen Pegasus aus der würdigen Stickluft mystisch-hymnischen
Jugendstils und grübelnder Verklemmtheit in den Ausweich-Kosmos
seiner literarischen Fabelwesen GINGGANZ, MONDSCHAF und NASOBEM galoppieren,
in ein Gedankenreich kostbar ver-rückter Wortgeschöpfe,
genialer Skurrilitäten, Wortwitze, Begriffskreuzungen und Nonsens-Einfälle.
Er ersann die Brille, die den längsten Text zusammenzieht; ein
Fernklavier, vor Erfindung des Funks über Kontinente zu hören,
und die Figur des gravitätischen PALMSTROEM. Er liess,
weil jede wahre Sprache unbegreiflich ist, durch Alphabet-Aufschlitzung
mit der Magie blosser Sprachlaute das
GROSSE LALULA kauderwelschen:
Kroklokwafzi? Semememi!
Seiokrontro - prafriplo:
Bifzi, bafzi; hulalemi:
quasti basti bo...
Lalu lalu lalu lalu la!
Und seine visionäre Beschreibung von Jean Nouvels KKL-Kunstmuseum,
das soeben in Luzern eröffnet wurde, liest sich so:
Es war einmal ein Lattenzaun,
mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.
Ein Architekt, der dieses sah,
stand eines Abends plötzlich da,
und nahm den Zwischenraum heraus
und baute draus ein grosses Haus.
Der Zaun indessen stand ganz dumm,
mit Latten ohne was herum.
ein Anblick grässlich und gemein.
Drum zog ihn der Senat auch ein.
Der Architekt jedoch entfloh
nach Afri- od- Ameriko
John Wolf Brennan
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