| «Luzerner Woche» vom 24. Mai 2000 |
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Rassismus und die Utopie der Osmose
Kaum mehr als zehn Jahre sind vergangen seit dem triumphalen Fall
der Berliner Mauer, dem feuchtfröhlichen Ost-West- Sektglasgeklingel
und der theatralischen Souvenirjagd nach den vermeintlich allerletzten
Ueberresten einer schlechteren Ossi-Welt, die ab sofort durch die
bessere Wessi-Zukunft ersetzt würde. Einen kurzen Moment lang
hielt Europa den Atem an, wurde Utopia zum fast greifbaren Ort. Die
Sehnsucht nach einer brüderlich geteilten Welt in Frieden und
Freiheit, endlich die Verwirklichung der humanistischen Ideale der
Französischen Revolution, schien plötzlich auf einem realen
Boden zu stehen.
Die Ernüchterung nach der Euphorie könnte grösser
nicht sein: Krieg am Golf und im Kosovo, Völkermord in Grosny,
ethnische Säuberungen, Fremdenhass und rassistische Brandanschläge
vor der Haustür. Die Schweiz bildet auch da keine Insel. Manch
einer wünscht sich die Mauer zurück (wo sie in den Köpfen
nicht ohnehin weiterlebt), nicht nur zwischen Deutschland Ost und
West, sondern zur Abgrenzung und Absicherung der eigenen, vermeintlich
bedrohten Identität. Das weltweite Echo auf die verweigerten
Einbürgerungen in Emmen ist ein Indiz dafür, wie sehr dieser
alltägliche Rassismus den Nerv der Zeit getroffen hat.
Der Kampf wird hart sein, doch
Deutschland wird beben, doch lieber
stehend sterben als auf den Knien leben.
Heil dem Führer, heil dem Volk, heil dem Reich, auf in den Krieg,
Deutschland erwache.
Wetz dir deine Messer auf dem
Bürgersteig, lass' die Messer flutschen
in den Juden rein.
Blut muss fliessen knüppelhageldick,
und wir scheissen auf die
Freiheit dieser Judenrepublik."
Das ist nicht etwa ein historisches Dokument aus den Dreissiger Jahren,
sondern ein Liedtext der rechtsextremen Rockgruppe "Tonstörung"
von 1992. Obwohl (oder gerade weil) viele dieser Lieder wegen ihres
volksverhetzenden und gewaltverherrlichenden Inhalts verboten wurden,
hat der Rock von rechts steigenden Zulauf. Die Band-Namen lassen keinen
Zweifel über ihre Absichten: "Endsieg", "Radikahl",
"Cotzbrocken", "Volkszorn","Die Böhsen
Onkelz", "Störkraft".
Alkohol, Fanatismus, Skinhead-Kumpanei, zwielichtige "geistige
Führer" und notorische Holocaust-Leugner verbünden
sich zu einer dumpfen Kraft, der mit polizeilichen Massnahmen, einem
bundesrätlichen Aufruf zu mehr Toleranz oder klugem Soziologenjargon
kaum beizukommen ist. Die rechtsradikale Szene ist äusserst diffus
und heterogen: was sie einigt, sind einmal mehr die äusseren
Feindbilder: Kosovo-Albaner, Juden, Zigeuner, Vietnamesen, Tamilen,
Türken, Kurden, Homosexuelle, Obdachlose, Frauen, Asylbewerber,
Behinderte, Aus-Länder, kurz: die Anderen, Nicht-Eigenen, Fremden.
Heute die, morgen du.
Fremd ist, was man (noch) nicht kennt.
Also sehr viel: jede Erdenbürgerin und jeder Erdenbürger
kommt so problemlos auf über sechs Milliarden Fremde, also ein
überwältigendes Uebergewicht von Fremdem zu Eigenem. Bei
allem Fleiss und aller Offenheit können wir also höchstens
einen winzigen Bruchteil von Fremdem uns zu Eigenem, d.h. uns Vertrautem,
nicht mehr Gefährlichem, Identitätsbedrohlichem anverwandeln.
Eine schrankenlose Offenheit (bis zur Selbstaufgabe/verleugnung) hilft
uns ebensowenig weiter wie die Abkapselung im Orbit des eigenen Bauchnabels.
Nun wird ja niemand im Ernst behaupten, ohne innere und äussere
Abgrenzungen könne Leben existieren. Multikulturelle Metropolen
wie London funktionieren gerade deswegen so gut, weil sie den verschiedenen
ethnischen Gruppen viel Raum für ihre ureigene, indigene Kultur
geben, gleichzeitig aber Anreize schaffen, auch die Gemeinsamkeiten
zu fördern, ohne das Trennende zu negieren. Die Urform des Lebens,
die Zelle, ist in feinste Elemente aufgeteilt, die auf wundersame
Art und Weise ihre jeweiligen Funktionen erfüllen. Sie stehen
aber gleichzeitig in regem, gegenseitigem Austausch: die Zellwände
sind für Sauerstoffmoleküle und Lösungsmittel wie Wasser
durchlässig, sie atmen im Takt der Osmose. Könnte das vielleicht
ein Symbol für ein friedlicheres Europa der Zukunft sein? Statt
Betonmauern (halb)durchlässige Zellmembranen? Jeder Region ein
Zimmer im europäischen Haus, mit Luft, Wasser, Wärme und
Nahrung, mit osmotisch atmenden Wänden dazwischen? Keine Isolationszellen,
sondern Berührungsflächen?
Flächen, die so gross sind, dass man darauf tanzen kann
John Wolf Brennan
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