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«Luzerner Woche» vom 9. Februar 2000
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Die Air und ihre Topografie
Von Orpheus wird überliefert, dass er über die Aufmerksamkeit
der Steine, der Vögel des Himmels, der wilden und zahmen Tiere
gebieten konnte. Was ist das denn für ein Geheimnis in den Steinen,
das die Aufmerksamkeit von Orpheus erregt hat? Warum sollte er sie
besingen, wenn sie ihm doch nicht antworten können? Wer von uns
hat sich nicht schon eines Tages oder Nachts irgendwo befunden, angenehm
eingelullt von Musik und Trank vielleicht, plötzlich wachgerüttelt,
wenn eine Melodie überraschend genau das Register trifft, welches
den eingeborenen Geist dieses Ortes weckt?
Ein plötzliches Schwindelgefühl stellt sich ein, wie von
Fensterläden, die durch einen heftigen Windstoss von den Sternen
aufgestossen worden sind...
In Irland, so scheint mir, ist diese Ur-Musik noch sehr lebendig,
und zwar in der langsamen Air. Anders als der March, die Jig oder
die Reel ist die Air auf intimste Weise in die Geschichte eines bestimmten
Ortes eingebettet. Von Sänger zu Sänger überliefert,
sind Airs oft innerhalb der engen Grenzen eines Distrikts oder sogar
einer Pfarrei lokalisierbar. Diese Vererbungs-Linie wurde zwar durch
die moderne Aufnahmetechnik und durch die Nomadennatur der Volksmusiker
verwischt, verschleiert; aber ein scharfes
Ohr kann hörend immer noch eine Air nach Munster oder Connemara
zurückverfolgen.
Schichten und Ge-schichten
Das hat mit mehr zu tun als nur mit Stil. Eine phantastische Vorstellung:
das Auf und Ab der Topografie ist in der konkreten Artikulation des
Topos, des Ortes eingefangen, aufgesaugt und aufgehoben in der Artikulation
der Air. Geologische Schichten werden zu poetischen Ge(h)-Schichten.
Als ob der Geist des Sängers über die Landschaft geflogen
wäre, die topografischen Formen in seinem Bauch spürend,
wo der fluktuierende Luftdruck den Atembogen der Air hervorruft im
Moment der Freiheit, der Exstasis (dem "Aus-sich-herausgetreten-Sein"),
wenn die auferweckte Imagination aus ihrem knochigen Gehäuse
flieht, hinausfliegt um Mass zu nehmen an den Geliebten oder am Land,
um dann niedergeschlagen oder triumphierend nach Hause zu bringen,
was sie im Körper oder über der Landschaft gefunden hat.
Eine rigorose und doch formal freie Struktur war dieser Liedform
schon immer eigen. Sogar in einer niemals zuvor gehörten Air
kann das geübte Ohr intuitiv vorausahnen, wo genau die Verzierungen
kommen, wo eine Note vermindert wird, wo die Tonart wechselt.
Die Erklärung dafür liegt darin, dass die Air in ihrer non-linearen
Form in demjenigen Teil des Verstandes geborgen ist, wo sie erschaffen
wurde, in der tiefen Vor-stellungskraft, wo die Welt aus den Songlines
gebaut ist, die einem bestimmten Ort zugehören. Hier artikuliert
sich der Genius Loci, der innewohnende Geist der Air, gebildet und
greifbar geformt durch genau die Steine und die Flüsse, die sich
an Ort und Stelle befinden.
John Wolf Brennan
Der Begriff Songlines bezieht sich auf Bruce Chatwin's Buch "The
Songlines"
(London 1987, Picador Books; deutsch: "Traumpfade", München
1990, Hanser Verlag),
in dem der Autor die Vision eines global umspannenden Netzwerkes von
Song-Linien entwirft, klingenden Kraftlinien entlang den Erdmeridianen
sozusagen, die sich über Kontinente und Zeitalter hinweg erstrecken
(nach einer Idee von Theo Dorgan).
John Wolf Brennan
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