| «Luzerner Woche» vom 11.Oktober 2000 |
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Von der Welt hinter der Welt
Mammi, ech ghöre de Näbel! also sprach
der kleine Knirps in der Luftseilbahn Weggis-Rigi Kaltbad, kurz bevor
die Kabine das Nebelmeer durchstiess. Die Mutter reagierte so, wie
wohl die meisten von uns das in dieser Situation tun würden:
De Näbel chammer nid g h ö r e , dä chammer nur
g s e h ! Damit wird die Norm erfüllt, der synästhetischen
Erleuchtung des kleinen Knirpses, der vielleicht tatsächlich
das Aroma des Nebels hörte, das weiche Grau ertastete, die wogende
Watte roch, das Knirschen der Wasserdampf-Moleküle fühlte
und die dessen Aura schmeckte, methodisch und durchaus systemkonform
der Garaus gemacht. Wir nehmen Notiz und bleiben doch auf der Oberfläche
stehen, zufrieden mit dem normierten Sprachgebrauch, von der DUDEN-Redaktion
sanktioniert, amtlich geprüft und pädagogisch abgesichert.
Aber wie steht es mit dem Sinngehalt dieser Begriffe wirklich?
In unseren alltäglichen Sprachgebrauch schleichen sich ständig
neue Modewörter ein zunächst fast unbemerkt, stehen
sie eines Tages in ihrem aalglatten Oberflächenreiz voll plastisch-elastischer
Sinnentleertheit vor uns, von den naturidentischen Aromastoffen
der herzigen Gummibärchen über das Restrisiko
der weniger herzigen Atomkraftwerke bis zum ominösen Signalisieren,
das unsere Parlamentarier vorzugsweise im Umgang mit der EU in Brüssel
oder im Verwedeln der Vergangenheitssünden in den gar nicht herzigen
Mund nehmen. Höchste Zeit also, diese Zeichen zu de-kodieren,
damit wir vor lauter Signalen nicht den Weg verlieren... Dazu müssen
wir uns erst einmal in unsere eigenen Angelegenheiten einmischen
indem wir uns die Zeit nehmen, ein Bild betrachten, vielmehr eine
Bilder-Abfolge zum Beispiel ein Video von Pipilotti Rist: Im
not a girl who misses much.
Tief, aber defini-tief
Nehmen wir also Notiz. Notiz steht für Aufzeichnung,
Vermerk, Nachricht, Meldung, Anzeige, auch im Sinne von Kenntnis,
Beachtung, etwa in der Formel (keine) Notiz nehmen
von etwas oder jemandem. Der Begriff stammt aus dem lateinischen notitia
und meint eine Kenntnis, die man einem anderen übermittelt. Pipilotti
nimmt Notiz. Die Sehnsucht nach dem Ursprung verstellt ihr dabei keineswegs
den foto-grafisch präzisen, messerscharfen Blick: die Linse wird
zum Sezierglas, mit dem sie hinter die Oberfläche der objektiven
Wirklichkeit leuchtet. Das Objektiv (der Kamera) wird zum handelnden,
neugierigen Subjekt tief, aber definitiv.
Die Kombination von elektronischer Hinterglasmalerei, ekstatisch-groteskem
Tanz und dem Beatles-Song Happiness is a warm gun schafft
eine traumhafte, hyperrealistische Seelenlandschaft. Ihre Titel sind
Brennpunkte, in denen das Licht der schmerzlich genauen Beobachtung
fokussiert wird: Ironie, Schmerz und Satire fern jeglicher Heile-Welt-Romantik
machen Pipilotti Rists Bilder zu einem Reisebericht von der Welt hinter
der Welt: Visionen, die cinemaskopische Gestalt annehmen. Video entsteht
aus der Verbindung von Rhythmus und Grafik, also an der Schnittstelle
zwischen einem eminent (vierdimensionalen) musikalischen Vorgang und
einer (zweidimensionalen) projizierten Fläche.
Visionen. Nicht von der Tele-Vision ist hier die Rede, sondern vom
Traumgesicht; nicht vom Fern-Sehen, sondern vom Nah-Schauen. Um ein
geometrisches Bild zu gebrauchen: zwei Parallelen, die sich im Unendlichen
schneiden. Wo sie sich überschneiden, ist die Heimat von Utopia:
der Ort, der nirgendwo ist. Vision ist ein Akkumulator, der sich zwischen
diesen beiden unendlich entfernten parallelen Polen auflädt.
Egal wie weit wir uns diesem Nirgendwo annähern, die Distanz
bleibt unendlich. Gerade das aber zieht uns an, stösst uns weiter,
zieht uns hinein ein schwarzes Loch, dessen weitreichende Gravitationskräfte
alle Gedanken in sich aufsaugen. Durch die Reibung dieser scheinbar
unüberwindbaren Gegensätze entsteht Energie, aus der wiederum
sich die Kraft schöpft, die jede Idee braucht, um gegenüber
den Widerwärtigkeiten des Alltags bestehen zu können - nachgiebig
wie ein Haselstrauch im Sturmwind, aber auch unbeugsam wie eine Eiche,
wenn es darum geht, einen seinen Standpunkt einzunehmen:
die Vision als kühner Sprung in die Zukunft, als Entwurf einer
bloss vorausgeahnten Realität.
Vision hat eine religiöse Dimension: die Transzendenz, gerade
im Herbstnebel. Und für die Kunst ist Vision nichts weniger als
die Essenz der Kreativität. Vision ist aber auch eine Frage der
Wahrnehmung. Um aktiv wahr-nehmen zu können, müssen wir
uns die Augen und Ohren kräftig putzen, die Sinne öffnen,
uns wieder wundern lernen, wie wir dies als Kinder taten, bevor wir
ins Netz der Normen gerieten.
Synästhetische Visionen
Normierung tötet jede Vision. Genormte und konforme Bilder verhindern
ein unbelastetes Sehen und Hören. Wenn ein Kind auf den See zeigt
und dazu moosgrün sagt, wird ihm unweigerlich eingetrichtert,
dass ein See blau ist, blau zu sein hat. Die bunte Palette von Farben,
die ein See je nach Tageszeit und Witterung dem unvoreingenommenen
Betrachter bietet, wird nur von wenigen Menschen wahrgenommen: wir
haben unsere Köpfe mit unerlebten Bildern vollgestopft, die uns
irgendwann eingepaukt wurden, und deren Bildungsschutt uns die freie
Sicht, das offene Hören versperren.
Pipilotti Video-Nebelbilder können uns dazu auffordern, diesen
Bildungsschutthaufen gründlich zu entrümpeln, karmesinrote
Düfte zu ertasten, moosgrüne Seen zu riechen, blauweisse
Töne zu fühlen und oktoberfeuchte Kieselsteine zu schmecken,
kurz: die Welt neu lesen zu lernen. Dann werden auch die Nebelklänge
wieder hörbar.
John Wolf Brennan
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