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von 2001


aus: «Luzerner Woche» vom 11. Januar 2001

Das Ende territorialer Abgrenzungen

Stellen Sie sich vor, Sie betreten ein Zugsabteil. Ein Platz ist bereits besetzt. Sie murmeln die bloss rhetorisch gemeinte Formel "Isch da no frei?" und setzen sich, ohne die Antwort ganz abzuwarten, auf den schräg gegenüberliegenden Sitz, damit beide - der schon "einheimisch" gewordene und der noch fremde Neuankömmling - ihre müden Beine ausstrecken können. Zwei sich gegenseitig in Sekundenschnelle abschätzende Gegner, die als Konkurrenten im Streit um die knappe Resource "Platz" sorgfältig darauf bedacht sind, keinen Zentimeter des Territoriums preiszugeben, beziehen ihre Stellung. Um diesem Anspruch Nachdruck zu verleihen, drapieren Sie die restlichen Sitzflächen grosszügig mit Ihrer Jacke, dem Gepäck und allenfalls mitgebrachten Esswaren.

Nehmen wir weiter an, bei der nächsten Station steige ein weiterer Passagier zu. Nun geschieht etwas Seltsames: der eben noch bekämpfte Gegner wird zum geheimen Verbündeten, man rottet sich in schweigendem Einverständnis zusammen, vereint im Abwehrkampf gegen den neuen Eindringling, der von aussen her die gerade erschaffene Ordnung bedroht. Eben noch Kampfplatz, wird das eben eroberte Territorium zur Idylle, um das man am liebsten einen Gartenhag ziehen würde.

Mit allerlei mehr oder weniger subtilen Tricks, vom vorgetäuschten Reizhusten über die weit ausgebreitete Zeitung bis zum lautstark geführten Gespräch ins Handy, wird gemeinsam Abwehrfront gemacht gegen den Fremden, dessen Fremdheits-Abstand doch bestenfalls ein paar Minuten beträgt und der doch genauso ein Passant ist wie Sie: Bewohner dieses Pendler-Territoriums auf wenigen Quadratmetern für einen flüchtigen Moment. Sein Anspruch wäre genau gleich gross oder beschränkt wie der ihre - er stieg nur später zu.

Jetzt übertragen wir dieses Bild auf ein etwas grösseres Territorium: das der Schweiz. Und die Aufenthaltszeit ist auch ein bisschen länger, zum Beispiel siebzig Jahre statt siebzig Minuten. Benehmen wir uns nicht genau so wie Reisende in einem Zugsabteil?

Max Frisch brachte es in seinem berühmten Diktum auf den Punkt: "Ein Herrenvolk sieht sich in Gefahr. Es hat Arbeitskräfte gerufen, und es sind Menschen gekommen." Nun sind für uns ja Ausländer nicht einfach Ausländer. Wenn sie fleissig sind wie Tamilen (die in der Quartier-Beiz die beste Rösti braten), gestylt wie Italiener (im Textil-Design) oder schnell wie Kanadier (im EHC Kloten) und nicht gerade das Pech haben, in Emmen wohnen zu müssen, sind sie uns fallweise willkommen und werden durchaus erfolgreich in unseren föderalistischen Flickenteppich integriert.

So mutierte der chinesische Kunstturner Donghua Li nach seinem Olympiagolderfolg plötzlich ganz selbstverständlich zum Krienser, Triathlonläuferin Brigitte McMahon zur Baarerin, und bei Tennisstar Martina Hingis, Fussballer Kubilay Türkyilmaz und Miss Schweiz Mahara McKay wird gerne verdrängt, dass ihre Wurzeln in die Slowakei, der Türkei oder nach Neuseeland führen.

Jeder vierte Schweizer ist "gar kein richtiger" (ausser er ist so reich wie Marc Rich). Neben den 22% Ausländern gibt es ja auch noch eine steigende Zahl von Doppelbürgern, die das Problem der EU-Nichtmitgliedschaft auf private Art gelöst haben. Im hintersten Entlebucher Bauernhof wohnen anmutige Thai-Frauen, wobei diese Art der genetischen Diversifikation keineswegs erst in jüngster Zeit begann. Früher sorgten Reisläufer, Saubannerzüge und Söldner für allerlei Austausch - so kamen Gene aus der Lombardei und dem Burgund bis ins Oberwallis und ins Schächental, als willkommene, Inzest abwehrende Blutauffrischung.

Die meisten Schweizer Konzerne, Orchester, Sportmannschaften, Kreativ-Teams und Software-Buden wären ohne "fremde Händel und Hände" undenkbar. Nationale und ethnische (R)Einheiten werden in naher Zukunft zu einem Relikt vergangener Zeiten. Und die kontinentalen Migrationswellen werden eher noch zunehmen: die Besorgnis über die Alterspyramide und der damit verbundenen AHV-Lücke, die fehlenden Spitzenkräfte in der Computerbranche ("Inder statt Kinder", um den unsäglichen deutschen Slogan umzudeuten) und die Freiheiten der bilateralen EU-Verträge sorgen dafür, dass diese Zuwanderungsströme nicht versiegen. Daran werden auch fremdenfeindliche Parolen aus der Rattenfänger-Küche der FPÖ oder SVP nichts ändern.

John Wolf Brennan

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