| aus: «Luzerner Woche» vom 11. Januar 2001 |
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Derangierte Alphörner
zum 1.August 2001
Anlässlich der Expo 1992 in Sevilla hat der Westschweizer Künstler
Ben Vautier mit seinem hintersinnigen Slogan "La Suisse n'existe
pas" nachhaltig die Gemüter erregt. Dieser Spruch hat mich
zum folgenden Gedicht angeregt, ein Text, der durchaus auch als staatserhaltender
Beitrag gemeint sein könnte - nicht nur zum 1.August. Bei dieser
Neudichtung der Schweizerischen Nationalhymne wurde (nach einer Idee
des österreichischen Schriftstellers Gerhard Rühm) jedes
ursprüngliche Wort der Bundeshymne von Leonhard Widmer (1808-1867)
durch das jeweils nächstfolgende Wort aus dem Rechtschreibe-Duden
(Ausgabe 1991) ersetzt.
Alberik Zwyssig (1808-1854) hat zum "Schweizerpsalm" eine
Melodie komponiert, die heute noch jeden Abend das Programm des Schweizer
Radios kurz vor Mitternacht beendet - allerdings in einer Instrumentalfassung
für Blasorchester, sodass es nicht weiter verwunderlich ist,
dass die Mehrheit der wackeren Miteidgenossen spätestens nach
der ersten Strophe aus dem Tritt kommt
und nicht mehr weiter weiss. Das ist bei der "Fraktionalhymne"
nicht zu befürchten - schliesslich trägt jeder seine Eurocheques
in der Tasche, und mit Strahlenpilzen, Alphörnern, Wasserfarben
und Ahnengalerien sind wir ja alle bestens vertraut. Bei der fortschreitenden
Parzellisierung der Gesellschaft in immer kleinere Fraktionen kommt
die neue Hymne auch inhaltlich diesen Tendenzen entgegen.
Vor 150 Jahren konnte es sich der Textautor noch leisten, einen zünftigen
Komponisten anzustellen. Heute muss auf diesen Luxus im Zuge der globalen
Reprivatisierung, Rationalisierung und radikaler Sparmassnahmen verzichtet
werden, sodass ihm nichts anderes übrig blieb, als den Text selber
zu vertonen... Ende des Monats wird im Rahmen der Lesung von Eugen
Gomringer im Casino Luzern (Freitag 31.August, 20.00 Uhr) die Fraktionalhymne
auch live zu hören sein, gesungen von Magda Vogel.
Fraktional-Hymne
(Schweizer Psalm, um einen Schritt weiter)
Triumph imaginabel, moribund daherredend,
Trittst im Morgenrot daher
sehenswert ichbezogene Dichotomie imaginärer Strahlenpilze.
seh' ich dich im Strahlenmeer
Dichter Dualismus, hochexplosive Herrschaft?
dich, du Hocherhabener! Herrlicher!
Wenngleich derangierte Alphörner siderisch fischend rotieren
-
Wenn der Alpen Firn sich rötet,
beteuert, schwellende Freiersfüsse, beteuert!
betet, freie Schweizer, betet!
Eurocheques, frottierte Seeluft, Ahnengalerie:
Eure fromme Seele ahnt,
Gouache - impulsives "Heiapopeia!" - Vatikan.
Gott, im hehren Vaterland.
John Wolf Brennan
Worterklärungen/Glossar:
- Fraktion:
1. (Politik) die Gesamtheit der politischen Vertreter einer Partei
im Parlament
2. (Chemie) bei einem Trenn- bzw. Reinigungsverfahren anfallender
Teil eines Substanzgemischs
- Triumph:
1. grosser Erfolg, Siegesfreude
2. im Rom der Antike der feierliche Einzug eines siegreichen Feldherrn
- moribund: dem Tode geweiht, im Sterben liegend
- Dichotomie: Zweiteilung, Gliederung eines Gattungsbegriffes
in zwei Arten
- imaginär: bildhaft, nur in der Vorstellung vorhanden,
nicht wirklich, nicht real
- Dualismus: Gegensätzlichkeit, Polarität zweier
Faktoren
- derangiert: gestört
- siderisch: auf die Sterne bezogen
- Gouache: wasserlösliche Farbe
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