| aus: «Luzerner Woche» vom 11. Januar 2001 |
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Das wahre
Leben der Helvetia
Nachdem der Euro für
uns noch einige Zeit eine Fremdwährung bleiben wird - betrachten
wir eine unserer soliden (und garantiert neutralen) Münzen. Die
pralle Dame mit Speer und trutzigem Schutzschild, die darauf prangt,
in wallendes Gewand gehüllt, mit den Insignien der Landesmutter
ausstaffiert, so "fünflibrig" silberglänzend -
hat sie jemals gelebt? Oder ist sie bloss eine Allegorie, also die
bildliche Darstellung einer abstrakten Idee? Ist ein Heldenmythos
nur dann wahr, wenn alle Fakten belegbar sind? In diesem Fall stände
es allerdings schlecht um die Glaubwürdigkeit Wilhelm Tells.
Seine Apfelgeschichte stammt nämlich aus dem Island des 8.Jahrhunderts,
mit dem einzigen Unterschied, dass es dort darum ging, eine Nuss auf
dem Kopf des Sohnes zu treffen...
Wenn aber, wie Peter Bichsel
meint, Geschichte aus Geschichten besteht, und diese Geschichten nicht
nur aus Tatsachen bestehen, sondern darunter liegende Geh-Schichten
freilegen, welche den Fakten erst einen Sinn geben, dann ist die Vergangenheitsbewältigung
eine zu ernste Sache, als dass sie nur den Historikern überlassen
werden sollte.
Nehmen wir also einmal
an, Helvetia habe wirklich gelebt. Sie wurde 1822 als Verena Leu im
damaligen Helvetia in West-Virgina/USA geboren. 1832 überfielen
Indianer die Farm Leus, zündeten das Haus an und brachten die
ganze Familie um - mit Ausnahme von Verena, die gerade bei Freunden
zu Besuch war. So blieb die damals zehnjährige Verena als Vollwaise
zurück. So kam sie 1832 nach Ebersol/SG zu ihrem Patenonkel Josef
Leu zurück in die Schweiz. Sie wuchs zu einer stattlichen Frau
heran und fand 1842 eine Stelle in der Familie des Ministerpräsidenten
François Pierre Guillaume Guizot in Paris. Als sie von seiner
Absicht erfuhr, in der Schweiz zugunsten der katholischen Orte zu
intervenieren, überzeugte sie die versammelten Minister mit einer
leidenschaftlichen Rede davon, sich nicht in die inneren Angelegenheiten
der Schweiz einzumischen. Das war ihre erste patriotische Tat.
Für die zweite opferte
sie gar ihre Keuschheit der Rettung Luzerns: als nämlich Ulrich
Ochsenbein, der Anführer der Freischärler, den Luzerner
Balthasar Kneubühler zu seinem Adjutanten ernannte, um in der
Nacht auf den 1.April 1845 die Stadt einzunehmen, verführte sie
diesen mit einer List und rettete so ihre Heimat.
1852 spielte sie im grossen Festspiel zur 500-Jahr-Feier des Eintritts
des Kantons Zug in die Eidgenossenschaft die Titelrolle der Helvetia
mit so grossem Erfolg, dass sie zur Kultfigur des europäischen
Hochadels und der Dichter und Künstler aller Welt wurde. Von
diesen inspiriert, gründete sie das Grütlischwand, eine
Alpenidylle, wo sie den hohen Gästen eine heute noch modern anmutende
Selbsterfahrungs-Therapie in Form von "Ferien im Heu" anbot,
verbunden mit dem Eintauchen in "das wahre Leben", mitsamt
der Kleidung und der einfachen Lebensart. Doch die Kreativität
der Naturschwärmer überbordete, bei der einheimischen Seelisberger
Bevölkerung formierte sich eine vehemente Oppositionsbewegung
gegen die "Oberwichtigtuerin und selbsternannte Göttin Helvetia",
und so nahm es mit Verena Leu ein tragisches Ende. Sie erhielt anonyme
Drohbriefe, ihre Gäste wurden mit Kuhmist beworfen, und als ihr
schliesslich mit dem Tode gedroht wurde, verliess sie, gemeinsam mit
ihrem Mann Balthasar und den sechs Kindern, die Grütlischwand
nachts bei strömendem Regen. Bei Lauenen ging eine Rüfe
nieder und begrub Helvetia mit ihrer Familie im Seelisberger Seeli.
Wer mehr über
Verena Leu erfahren möchte, sei auf das Buch "Das wahre
Leben der Helvetia" von Jürg Willi und Margaretha Dubach
(Haffmans Verlag Zürich 1998) verwiesen. Ausserdem kann beim
Radiokiosk von Radio DRS, 8042 Winterthur (Tel 0848-840 800) das gleichnamige
Hörspiel von Katharina Tanner (Regie: Geri Dillier) bestellt
werden.
John
Wolf Brennan
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