| aus: «Luzerner Woche» vom 11. Januar 2001 |
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Hergiswald - auf der Suche
nach dem Licht
Kurz vor Weihnachten 2000 fand im Eigenthal eine Wintersonnenwendefeier
statt, zu der die Psychologin Lilo Schwarz und der Theologe Gottlieb
Schmid-Fäh eingeladen hatten.
Eine Gruppe von vielleicht fünfzig Leuten trifft sich bei Einbruch
der Dämmerung vor der alten gedeckten Holzbrücke. Von weitem
schon ist die Lichterkette der flackernden Kerzen zu sehen, die mit
den Bäumen Versteckis spielt, uns in den Wald lockt und den Aufstieg
über den "Prügelweg" (so genannt wegen seinen
zahlreichen Holzstufen) hinauf zur Hergiswaldkirche erleuchtet. Der
Aufstieg ist zwar nicht besonders beschwerlich, aber manch einer packt
die Gelegenheit, das Gewicht des eigenen Gehdanken-"Rucksäcklis"
kritisch abzuschätzen und den überflüssigen Ballast
hinter sich zu lassen, den Kopf zu lüften, das Hirn zu leeren,
auf das es wieder Platz hat für neue Lehren des Lebens.
Bei der Einsiedelei findet man sich zu einem besinnlichen Pilgerhalt
ein, bevor wir die Hergiswalder Wallfahrtskirche betreten. Zunächst
herrscht Schweigen im dunklen Kirchenschiff, man verkriecht sich in
die Bänke wie in eine Winterhöhle, mummelt sich ein. Es
ist kalt, der Atemhauch lässt kleine Dampfwölkchen zum Kirchenhimmel
steigen - wie ein lichtes Zelt überspannt die bunte Holzdecke
das gesamte Innere mit seiner Loretokapelle, den geschnitzten Altaren
und den im Raum verteilten Holzfiguren - ein Himmel voller rätselhafter
Symbole und Inschriften zur Verherrlichung der verehrten Himmelskönigin
Maria, der Patronin Luzerns. Und wie Tarot-Karten sind die 323 Bildtafeln
auf der im Jahre 1654 bemalten Holzdecke ausgelegt, von denen nicht
wenige um das Sonnenlicht als traditionelles Sinnbild der Auserwählung
Marias kreisen: astrologische Konstellationen wie die Sonne im Zeichen
des Löwen, des Krebses, der Jungfrau, die Sonne und der Mond;
aber auch astronomische Phänomene wie der Stern und die Mondfinsternis,
der Komet, die Sonne und der Morgenstern, die Sonnenuhr, die Sonnenspiegelung.
Sie erinnern uns an die Wintersonnenwende, diesen Punkt der grössten
Dunkelheit, nach dem die Nächte wieder kürzer und die Tage
wieder länger werden. Die blau gefassten Holzleisten, die die
Decke in mehrheitlich rechteckige Felder unterteilen, sind mit Hunderten
von vergoldeten Sternen bestückt und verstärken die illusionistische
Wirkung: als schwebte das verspielte Ensemble der Altare und Figuren
durch die Lüfte, von Engeln getragen. Caspar Meglinger (1595-1667),
der Maler des Totentanzes auf der Luzerner Spreuerbrucke, setzte im
Hergiswalder Bilderhimmel lediglich um, was ein anderer eigens für
den marianischen Gnadenort konzipiert hatte: der Luzerner Kapuzinerpater
Ludwig von Wyl (1594-1663), nach dessen Plänen in Hergiswald
aus einer kleinen Waldkapelle innerhalb weniger Jahre eine stattliche
Wallfahrtskirche entstand, früher das Ziel zahlreicher Pilger,
inzwischen weitgehend in Vergessenheit geraten.
Tagsüber hatte ich in Zürich mit der Sängerin Magda
Vogel für die Aufführung von SCULPTED SOUND im Moods im
neuen Schiffbau vom 5.Januar geprobt. Zusammen waren wir ins Eigenthal
gefahren, beim ersten Kirchgang nachmittags um vier fast erfroren,
schnell in die Beiz hinauf und dank je zwei Kafi Luz wieder betriebsbereit,
sodann auf die Empore geklettert, den Motor angeworfen, das Programm
durchbesprochen, Cortona-Hergiswald retour, ein kühner Sprung
durch sieben Jahrhunderte, durchzogen von Improvisationen von Stimme
und Orgel - "organic voices". Endlich einmal alle Register
ziehen können... hier oben sinds halt bloss acht. Verstimmt ist
sie natürlich auch, die gute alte Quetschkommode, aber die absolut
untemperierte Stimmung passt bestens zur winterlichen Raumtemperatur.
Die Kälte erinnert mich an die Zeit vor Johann Sebastian Bach,
wo man noch nicht s p i e l e n konnte, sondern "die Orgel schlagen"
musste, weil das Herunterdrücken der Tasten bei gleichzeitigem
Treten der Blasbälge damals eine ziemlich körperliche Ertüchtigung
erforderte. Jetzt sehne ich mich nach mehr Bewegung. Die Erwärmung
erfolgt zu Fuss durch den Ab- und Aufstieg auf dem Prügelweg.
Botschaften aus dem Bauch des Kirchenschiffes waren angekündigt,
und wir begannen mit einer marianisch stimmigen Intonation mit einer
aeolischen "Laude Novella" aus dem 13.Jahrhundert, die ich
in der alten Etruskerstadt Cortona vom Klosterbruder Padre Angelo
als Geschenk erhalten hatte. Musik darf all das, was wir uns sonst
nur in den Träumen: die Zeit rückwärts ablaufen lassen,
Sprünge in Sekundenschnelle über Epochen und Kontinente
hinweg, extemporisieren: aus-der-Zeit-heraus erspüren, was in
der Luft liegt. Ein paar Weihrauchmoleküle und eine dunkle Ahnung
der Deckengemälde vermischen sich zu einem spekulativen Spiegelbild,
in dem wir unseren Stimmen freie Bahn gewähren. Frei - und doch
vorbestimmt, der rettende tonale Hafen darf angesichts der Kälte
und der harten Kirchenbänke nicht länger als eine halbe
Stunde entfernt am Horizont auftauchen. Fiat lux.
Die kunsthistorischen Ausführungen sind dem sehr empfehlenswerten,
reich bebilderten Band "Der Bilderhimmel von Hergiswald"
von Dieter Bitterli entnommen, der 1997 im Wiese-Verlag Basel erschien.
John Wolf Brennan
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