| aus: «Luzerner Woche» vom 11. Januar 2001 |
|
Die Hochzeit
der Sinne
"Mami, ech ghöre
de Näbel!". Dieser Ausspruch eines kleinen Knaben in der
Luftseilbahn Weggis-Rigi-Kaltbad ist je nach Standpunkt eine sehr
gewagte Aussage oder die grösste Selbstverständlichkeit
der Welt. Vor einiger Zeit war er an dieser Stelle (Luzerner Woche
vom 11.10.00) Ausgangspunkt einer Reflexion über das Zusammenführen
sinnlicher Wahrnehmungen, heute gehen wir ein paar Schritte weiter
auf diesem synästhetischen Weg.
Was haben uns Stimmen
zu sagen, die sozusagen in lebenslänglicher Einzelhaft vor der
Staffelei stecken, also die Künstler? "Keine erdenkliche
Anhäufung von Anmerkungen vermag unsere Gemälde zu erläutern.
Ihre Erklärung ergibt sich aus einer vertieften Beziehung zwischen
Bild und Betrachter. Die Würdigung von Kunst ist eine echte Heirat
der Sinne. Und wie die Ehe ist auch in der Kunst fehlender Vollzug
Grund zur Annulierung", schrieb Mark Rothko 1943. Die primäre,
unbeeinflusste Bilderfahrung führte bei Rothko zu einer radikalen
Ablehnung sekundärer Information: nichts sollte sich zwischen
Bild und Betrachter stellen, vom direkten Erleben ablenken. Er sah
auch von der musealen Konvention ab, Bilder in einer Ausstellung auszuschildern.
Die sorgfältig inszenierte "consummated experience between
picture and onlooker" sollte ganz im Zentrum stehen, weshalb
das Wissen einer Jahreszahl, einer Nummer oder gar die Benennung "Untitled"
wegfällt. Folgerichtig erhielten Rothkos Wandbilder eine gewaltige
Uebergrösse, überwältigende Bildwände ("Murals"),
die sich gleichsam vom Boden bis zur Decke spannen und den Betrachter
wie in einer Kathedrale umhüllen, ja unausweichlich gefangen
nehmen. Wie ein mythisches Drama soll sich der Inhalt im Dialog von
Bild und Betrachter als transzendentale Erfahrung übermitteln.
Entsprechend begann er ab 1948, ganz auf referenzielle oder assoziative
Bildtitel zu verzichten. Später kamen reine Farbbezeichnungen
wie "Yellow and Blue" oder "Black over Reds" hinzu.
Die Wiederverzauberung der Welt
"Die Poesie ist mit
der Beschreibung des inspirierten Denkens identisch, das heisst des
Denkens, das sieht, indem es der Welt ähnelt, die von ihrem Mysterium
nicht getrennt ist. Die Inspiration gibt dem Maler, was er malen muss:
zum Beispiel den Gedanken, dessen Glieder eine Pfeife und die Inschrift
"Ceci n'est pas une pipe" sind", meint René
Margritte. Seine berühmte Pfeife, die keine (reale) Pfeife ist,
sondern eben nur die Idee einer Pfeife, pfeift also auf alle Erklärungen,
die ja bloss das Mysterium, das unsagbare Wunder stören würden
- ohne es freilich ganz zer-stören zu können. Das geheimnisvolle
Reich der sinnlichen Erlebens wird nämlich durch keine noch so
durchrationalisierte und tiefsinnige Zerklärung nachhaltig gestört,
sondern taucht aus dem Ozean des Unbewussten immer wieder auf, bereit
zur Wiederverzauberung der Welt.
"Ich habe die Natur
abschreiben wollen, und es ist mir nicht gelungen. Aber ich habe entdeckt,
dass die Sonne nicht wiedergegeben werden kann, sondern dass man sie
durch etwas anderes darstellen muss: durch Farbe. Die Farbe ist biologisch,
wenn ich so sagen darf, sie ist lebendig, und sie allein macht die
Dinge lebendig", meinte Paul Cézanne, und Pablo Picasso
doppelt nach: "Ideen sind nur Ausgangspunkte. Um zu wissen, was
man zeichnen will, muss man zu zeichnen anfangen."
Halt - klingt das jetzt nicht wieder wie das Gleichnis von der Schlange,
die sich in den eigenen Schwanz beisst? Genau so paradox ist doch
das Leben selbst: wie kann man denn anfangen (zu zeichnen, zu spielen,
zu lieben, zu leben), wenn man noch nichts weiss? Und wie kann man
etwas wissen, ohne schon gezeichnet (gespielt, geliebt, gelebt) zu
haben? Der einzige Ausweg aus diesem Dilemma ist die sinnliche Erfahrung,
zum Beispiel diejenige des Zeichenstifts, der übers Papier gleitet,
rutscht, flutscht, schiesst, kratzt, torkelt, stolpert, im Rhythmus
der Handbewegung, denn Cézannes Farben sind so bio-logisch
wie unser Atem. Nicht nur haucht er unseren Bildern Leben ein, sondern
auch die Bilder ihm.
So kommt es zur mystische
Heirat: zu einem berauschend riechfühlhörtastsehschmeck-
und wunderbaren Hochzeitsfest der Sinne - demnächst in Ihrem
eigenen Musentempel.
John
Wolf Brennan
top
| back