| aus: «Luzerner Woche» vom 11. Januar 2001 |
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St.Petersburger
Charme & Charms
Die nördlichste Millionenstadt
der Welt ist der Vision eines einzigen Mannes, des Zaren Peter I.
zu verdanken. Ausgerechnet im Mündungsgebiet der Newa sollte
im Jahre 1703 eine Stadt aus dem Boden gestampft werden, noch dazu
die Hauptstadt des Russischen Reiches. Peter der Grosse liess sich
von den Widrigkeiten der Natur nicht einschüchtern und bezog
das ganze Land in den Aufbau seiner neuen Stadt mit ein. Zigtausende
von Arbeitskräften aus dem ganzen Reich wurden in die Sümpfe
des Newa-Deltas getrieben, wo sie unter schier unvorstellbaren Bedingungen
schuften mussten. Tausende starben an Sumpffieber, Skorbut, an der
Ruhr oder an Hunger. Andere brachen in dem unwegsamen Gelände
einfach vor Erschöpfung zusammen. Ein Entkommen gab es aus dieser
Hölle so gut wie nicht, denn Peter I. ahndete die Flucht mit
harten Strafen. Dass St.Petersburg auf Leichenbergen errichtet wurde,
kümmerte ihn wenig. Unbeirrbar hielt er an seinem Plan fest,
Russland ein Portal nach Westeuropa zu bauen.
Die Verlegung der Hauptstadt
von Moskau nach St.Petersburg ist im Rahmen der forcierten Europäisierung
zu verstehen, die Peter seinem Land verordnete. Erstmalig sollte auf
russischem Boden eine Stadt aus Stein errichtet werden. Und der Name
der Stadt sollte auf Anweisung des Zaren niederländisch ausgesprochen
werden: St.Piterburch. Kanäle sollte sie haben wie das geliebte
Amsterdam, Paläste wie Venedig und Versailles.
Fast 250 Jahre später,
von September 1941 bis Januar 1943, wird die Stadt während der
"Blockade der 900 Tage" durch die deutsche Wehrmacht beinahe
ausgehungert. Nicht weniger als 670'000 Menschen sterben den Hungertod.
Einer davon ist Daniil Charms: am 2.Februar 1942, einsam als Insasse
eines Psychiatrie-Gefängnisses.
Dass sich in seinem Namen
sowohl das deutsche "arm" wie das französische "charme"
und das englische "harm" vereinigen, entspringt einerseits
seiner dichterischen Fantasie - er wird 1905 als Daniil Iwanowitsch
Juwatschow geboren - anderseits erhalten diese Begriffe in seinem
kurzen Leben eine schicksalsschwere Bedeutung. Nach Abitur und abgebrochenem
Elektrotechnik-Studium befasst sich Charms mit dem Futurismus und
anderen literarischen Zeitströmungen.
1926 gründet er "Oberiu",
eine Vereinigung von Dichtern und bildenden Künstlern. Ab 1928
erscheinen regelmässig Geschichten für Kinder, die später
zu Klassikern der Kinderliteratur werden sollten: seine "kluge
Mascha" wird zur Lieblingsfigur der kleinen Leser. Daneben schreibt
er Gedichte, Dialoge und Slapstick-Szenen voller hintergründigem
Sprachwitz, welche an Lewis Carroll, Karl Valentin und an (den ihm
unbekannten) Kafka erinnern und die absurden Dramen von Beckett und
Ionesco vorwegnehmen.
Ein typisches Müsterchen
des bald rabenschwarzen, bald grotesken Humors dieses kauzig-schrulligen
Gentlemans findet sich in der Kurzgeschichte "Blaues Heft Nr.
10" (1937):
"Es war einmal
ein rothaariger Mann, der hatte keine Augen und keine Ohren. Haare
hatte er auch keine, so dass man ihn nur bedingt einen Rotschopf nennen
konnte. Sprechen konnte er auch nicht, denn er hatte keinen Mund.
Eine Nase hatte er auch nicht. Er hatte nicht einmal Arme und Beine.
Und keinen Bauch, keinen Rücken - überhaupt nichts hatte
er! Unbegreiflich daher, von wem die Rede ist. Wir sollten nicht mehr
von ihm sprechen."
John
Wolf Brennan
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