Publikationen
von 2001


aus: «Luzerner Woche» vom 11. Januar 2001

Wahrnehmung und An-Aesthetik


Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem Konzertsaal. Sie haben noch etwas Zeit, bis die Vorstellung beginnt. Sie fühlen sich ruhig und sicher, und da Sie im nächsten Moment keine Strasse zu überqueren brauchen oder anderen visuellen Herausforderungen begegnen müssen, die das urbanisierte Leben mit sich bringt, können Sie es sich leisten, die Augen zu schliessen. Sie hören. Klänge. Klänge in ihrem Kopf. Klänge in Zeit und Raum. Sie lassen - hörend - Zeit und Raum verstreichen und öffnen nach einer kurzen oder langen Weile die Augen.

Soeben wurden Sie mit einer Fülle von Eindrücken konfrontiert. Von der grossen Leere des Raumes, dem hellen Licht, dem freundlichen Lächeln der Nachbarin, dem Zuschlagen der Tür hinter den zu spät Gekommenen einmal abgesehen, haben Ihre Ohren Luftschwingungen aufgenommen, welche durch ins Vibrieren gebrachte Saiten, Felle und Luftsäulen oder durch elektromagnetisch erzeugten Schwingungen von Lautsprechermembranen ausgelöst wurden. Diese akustischen Signale haben Sie neben allen anderen Sinneseindrücken in sich aufgenommen, (unter anderem deshalb, weil Sie die Ohren nicht so einfach schliessen können wie die Augen), in Ihrem Gehirn als "Musik" erkannt und so eingeordnet.

Aus dem passiven Aufnehmen wurde - zunächst auf einer instinktiven, sinnlichen Ebene, dann zunehmend kognitiv einordnend, rational reflektierend, schliesslich auch emotional einstimmend, zustimmend oder ablehnend - ein aktives WahrNEHMEN: der kleine Schritt vom passiven Beschallungs-Objekt (oder wie es im Volksmund lapidar heisst: "Ich chönnt gradsoguet ane Wand änerede") zum aktiven, das heisst hörenden Subjekt ("Losisch mier äntlech emol zue?")

Dieses uns allen vertraute dialektische Denkmodell mit seinem Objekt-Subjekt-Dualismus funktioniert allerdings in der Praxis immer nur als unscharfer Annäherungswert. Ein simpler Stadtrundgang genügt schon, um die Unterscheidung von aktiv handelndem, zuhörendem Subjekt und passiv leidendem, lärmgeplagten Objekt ins Wanken zu bringen und die Unhaltbarkeit einer strikten Trennung vor Augen bzw. Ohren zu führen.

Wir wechseln zum Beispiel die Strassenseite, um dem bedrohlichen Knattern eines Presslufthammers oder dem schneidenden Quietschen eines bremsenden Trams zu entgehen, und schon sind wir mitten in einem unerwünschten Familienstreit oder einer lautstark angekündigten Werbebotschaft. Aktives Vermeiden von Wahrnehmung, also selektives Hinhören, mischt sich im Alltag untrennbar mit dem passiv erlittenen, unentrinnbaren und gleich-gültigen Hinter- und Vordergrunds-Lärmpegel, den wir uns als (notwendiges?) Uebel unserer schrankenlosen Mobilität (Paul Virilio spricht vom "rasenden Stillstand") schon gar nicht mehr wegdenken können. Aesthetik wird zur Anästhetik.

Das FernSEHEN bringt es - schon in seiner anmassenden Bezeichnung - auf den Punkt: die Zivilisation hat uns zu optisch hypertrophen Wesen gemacht, zu auditiven Analphabeten. Der heutige Mensch sieht nur durch seine Augen, er hört zu wenig zu. Damit täuscht er sich über die Wahrnehmung hinweg, weil das Ohr zum Zulieferorgan des Auge, sozusagen zur Seh-Prothese degeneriert ist.

Wenn wir uns wieder von Fern-Sehern zu Nah-Hörern entwickeln und ent-täuschen wollen, brauchen wir uns lediglich einem der meistgeschundenen Begriffe unserer Zivilisation zu bedienen, nämlich der VERNUNFT, die von VERNEHMEN kommt, also von einem Hörvorgang, während das exakt parallel gebildete Wort VERSEHEN ein "Ver-sehen" - eine Täuschung also - bezeichnet.

John Wolf Brennan

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