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aus: «Luzerner Woche» vom 22. März 2002
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Zen in der Kunst der Baumschule
Der Ferne Osten liegt im Trend, keine Frage: chinesische und japanische
Gärten sind Zauberworte für den zeitgeistbewussten Naturfreund,
Feng-Shui ist der (vor)letzte Schrei aller MöchtegerninnenarchitektInnen,
die Haushaltabteilungen der Warenhäuser sind voll (schon das
ein innerer Widerspruch!) von allerlei Gebrauchsgegenständen
im kunstvoll schlichten Zen-Design, und die Bonsai-Kultur boomt. Trotzdem
geistern immer noch viele falsche Klischees in den Köpfen der
Leute herum, wenn sie mit dem Stichwort "Bonsai" konfrontiert
werden: empfindliche Topfpflanzen seien sie, kurzlebig und teuer sowieso.
Letzteres mag zwar teilweise stimmen, vor allem dann, wenn man einen
alten, perfekt geformten Baum in einem Fachgeschäft kauft. Aber
von empfindlich kann gar keine Rede sein, im Gegenteil: Bonsais begnügen
sich mit den Lebensbedingungen, die sie auch in der freien Natur vorfinden.
Die allerdings brauchen sie, um zu gedeihen.
Und als "Topfpflanzen" (mit Doppel-pf) sollte man Bonsais
nun wirklich nicht betrachten, auch wenn die wörtliche Uebersetzung
des japanischen Begriffes "Baum in der Schale" bedeutet.
Will man der asiatischen Tradition jedoch Rechnung tragen, so müsste
man von einem "von Menschen kultivierten, kleinen, alten Baum
in einer Schale" sprechen, bei dem das Gefäss mit der Pflanze
eine harmonische Einheit bilden soll.
Doch Pflanzschale oder Kleinwuchs allein machen aus einem Miniaturbäumchen
noch lange keinen Bonsai, auch wenn im Handel mit dem Begriff teilweise
sehr generös umgegangen wird. Ein echter Bonsai ist ein lebendes
Kunstwerk, das - im Gegensatz zu anderen - immer in Entwicklung bleibt
und nie vollendet werden kann.
Ursprünglich stammt die Kunst, Bäume in Miniaturform zu
gestalten, aus China und wird dort "Penjin" genannt. Bekanntlich
trieb die MIniaturisierung zur Zeit der grossen Kaiserreiche die seltsamsten
Blüten: so galten kleine Füsse bei heiratsfähigen Töchtern
als höchst erstrebenswertes Schönheitsideal. Deshalb wurden
die Füsschen der kleinen Mädchen brutal eingebunden und
blieben so verkümmert, dass die bedauernswerten Geschöpfe
später kaum laufen konnten, sondern in Sänften umher getragen
werden mussten...
Zum Perfektionismus gelangte die Bonsai-Kultur aber in Japan, von
wo auch die meisten in Europa verwendeten Stilarten stammen. Ein Bonsai
soll immer aussehen wie ein alter Baum, allerdings im Miniaturformat.
Letzteres ist durch regelmässiges Zurückschneiden vergleichsweise
leicht zu erreichen; deutlich schwieriger gestaltet sich die Aufgabe,
der Pflanze den "typischen Look" eines knorrigen Veteranen
zu verpassen. Denn obwohl es Bonsais gibt, die tatsächlich einige
Hundert Jahre alt sind, so mag wohl kein Bonsai-Liebhaber so lange
darauf warten, bis sein Bäumchen "richtig" aussieht...
Also studiert man die Wuchsformen alter Bäume und versucht,
ihre Eigenarten zu erkennen und selbst herbeizuführen. Eine der
wichtigsten Gestaltungstechniken ist dabei das Eindrahten. Indem man
die mit Draht oder Bast umwickelten Aeste und Zweige in die gewünschte
Richtung biegt oder bindet, kann man das Wachstum des Baumes regulieren.
Einige japanisch-klassische Wuchsformen sind dabei die frei aufrechte
Form, die Kugel- und Besenform, die windgepeitschte Form, der Mehrfachstamm,
die Kaskade und die Felsenform (Baum auf dem Stein).
Wichtig ist allerdings, niemals gegen die Natur zu arbeiten: ein
guter Bonsai-Gestalter arbeitet die wesentlichen Merkmale der einzelnen
Pflanze heraus - ein skurriler Fantasiebaum sieht nicht nur befremdlich
aus, sondern wird vermutlich auch nicht lange leben.
Die beste Zeit, eine Rohpflanze - zum Beispiel aus einer
Baumschule oder aus dem eigenen Garten - zu einem Bonsai zu gestalten,
ist während der Ruheperiode, also zwischen Spätherbst und
Frühjahr. Mit Gefühl und Kreativität erreicht man bald
ansehnliche Erfolge. Anfängern sei trotzdem geraten: lassen Sie
sich beraten, ehe Sie sich Ihren Bonsai-Wunsch erfüllen! Zum
Beispiel durch das reich illustrierte, sehr empfehlenswerte Buch "Bonsai"
von Werner M.Busch (blv-Verlag, 96 Seiten, 116 Farbfotos, ISBN 3-405-16057-X)
John Wolf
Brennan
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