Publikationen
von 2002


aus: «Luzerner Woche» vom 11. Januar 2002

Bewegig esch xond

«Bewegung ist Leben» verkündet das Plakat der aktuellen Ausstellung im Natur-Museum Luzern. Ein Fitness-Center wirbt mit dem Slogan «Bringt Bewegung in ihr Leben», und schon vor Jahren zierte der Spray-Spruch «Bewegig esch xond!» als Sinnbild moderner Beton-Poesie und Motto der damaligen verwegen-unentwegten Jugendbewegung die Fassade des längst abgerissenen Hotels Dézaley gegenüber dem Luzerner Theater. Ein Signal, das weit mehr bedeutet als eine Aufforderung zum Tanz und purem Body-Building: ein Aufschrei, der Lust schafft, sich selbst und andere in Bewegung zu setzen, erstarrte Fronten zu enteisen, die Schwungkraft der eigenen Bewegtheit zu entdecken.

Musik ist Bewegung in der Zeit, sie erklingt und verklingt in und mit einem bestimmten Puls, der sich — mehr oder weniger ersichtlich und erhörbar — auf den Zuhörer überträgt. Er horcht auf, spitzt die Ohren, schnippt mit den Fingern, klopft mit den Füssen den Takt, lässt die Töne langsam in sich hereinströmen, wird so selber zum Klangkörper, erfährt in Resonanz und Rhythmus sich selbst: Musik kennt keine Grenzen, auch die nicht zwischen Sinnlichkeit und Geist.

Musik bewegt uns — und was bewegt Künstler, neue Musik zu schaffen? Kleine schwarze Zeichen auf und zwischen Notenlinien zu kritzeln, die für sich selbst betrachtet nicht viel mehr wert sind als das Papier, auf dem sie stehen? Wie wär‘s mit ein paar liebgewordenen Klischeevorstellungen? Etwa Carl Spitzwegs Bild vom einsamen Poeten in der Dachstube? Der nächtliche Schreibtischtäter, der — am Bleistift knabbernd, die zehnte Tasse Kaffee schlürfend — verzweifelt auf den ersehnten Kuss der Muse wartet und das Inspirationskleingeld zweimal zählt, um damit seinen kreativen Fonds zu äufnen? Oder der supercoole Klangdesigner im digitalen Cyberspace, der als Techno-Freak auf den globalen Datenhighways souverän herumsurft, alle Abkürzungen kennt und im Gegensatz zu den abgeschlafften Steinzeit-Handwerkern und gruftigen “Bio-Musikern“ hemmungslos die neusten MP3-Files downloaded, auf seinem PC kurzerhand neu remixed und so den vollen Sound vollkrass zum Nulltarif bringt, unter Umgehung von lästigen Copyrightfragen und ganz ohne Mitwirkung von human resources ? Oder der Stille-Wasser-sind-tief-Erhabene in ständiger Beichtstuhlstellung, der die Musik am liebsten in Museumsvitrinen konservieren und sie täglich abstauben möchte? Oder der kompromisslose Zwölftöner, der beim Erklingen eines Dur-Dreiklangs in Schreikrämpfe ausbricht, um dann depressiv über das Elend der Avantgarde zu sinnieren? Oder das verkannte Genie, das sich in seinen vier Wänden einsperrt und wohlig in seinem Selbstmitleid schaumbadet?

Als Komponisten müssen wir uns bewusst sein, dass wir eine Ware herstellen, die a priori niemand will." Dieser Satz Arthur Honeggers ist immer wieder ernüchternder Ausgangspunkt jeglicher kreativer Arbeit. Ohne Nachfrage bewegt sich nichts – rien ne va plus, auch in der Studierstube, es sei denn, man schreibe vorsätzlich für die vielzitierte Schublade. Man muss bekannt sein, um gefragt zu werden und umgekehrt – ein Teufelskreis. Da gibt es nur eins: sich selbst in Bewegung zu setzen – oder unser Kulturkarussell einfach mal anzuhalten.


Ein Generalstreik — mit Folgen?

Ein reichlich utopischer Gedanke: was würde geschehen, wenn alle Komponistinnen und Komponisten nach geheimer Absprache einen Generalstreik durchführen würden? Einfach nicht Neues mehr kreieren würden? Wie lange würde es wohl dauern, bis überhaupt irgend jemand neu geschaffene Musik vermissen würde? Ein paar Tage? Ein paar Jahre? Würden uns die abertausend Tonkonserven, Best of-Kompilationen und Gesamtausgaben nicht perfekt über diese Leere hinwegtäuschen? Müsste irgendein Warenhausbesucher, WC-Benützer oder Liftfahrer auf die omnipräsent-feindosierte Berieselung verzichten? Hätte DRS 3 irgendwelche Nachschubprobleme? Würde Hansi Hinterseer der Stoff seiner Hüttengaudi-Träume ausgehen? Hätte Coolio einen Rap-Kater? Müssten die Technofabriken ihre Sampling-Rohstoffe in einer grossen  unendlichen Ehrenrunde, in einem virtuell-akrobatischem Looping alle nochmals von vorne rezyklieren?

Vielleicht würde eines Tages eine Maus diese Konservenkost schal finden, eine andere fände eine schimmlige Büchse, einer dritten würde das längst abgelaufene Datum auffallen – und bald würden alle Mäuse nach frischem, freiem, würzigem Gemüse schreien, möglichst aus biologisch-dynamischer Zucht.

Aber Gärtner wird es dann längst keine mehr geben...

 

John Wolf Brennan

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