Publikationen
von 2002


aus: «Luzerner Woche» vom 13. Februar 2002

Der Nahe Osten liegt in CHinA:
unterwegs in Oesterreichweite

Es gehört zur Ironie der Geschichte, dass sie sich gerne wiederholt, auch an Orten und zu Zeiten, wo sie niemand erwartet. Ganz abgesehen davon, dass das Schützenbravourstück unseres Nationalhelden Wilhelm Tell schon ein halbes Jahrtausend früher auf Island geschah (allerdings mit Nuss statt Apfel auf dem Kopf des Sohnes), könnte man den Rütlischwur, den Bauernaufstand und die Schlächterei am Morgarten auch ganz anders interpretieren: als ein kleinkrämerisches Rückzugsgefecht eigensüchtiger Reaktionäre angesichts der kühnen Vision der Habsburger (übrigens ausgewanderte Schweizer aus dem Aargau!), schon im 13. Jahrhundert ein vereiniges Europa zu schaffen. Max Frisch hat dieses Gedankenspiel in seinem erfrischenden Bändchen "Wilhelm Tell für die Schule" folgerichtig abgehandelt, Otto Marchi in seiner ebenso empfehlenswerten "Schweizer Geschichte für Ketzer".

Heute, zehn Jahre nach dem knappen Nein der Schweiz zum EWR, den zähen bilateralen Verhandlungen, dem mühseligen "autonomen Nachvollzug" der EU-Gesetze in Bern, dem peinlichen Sturzflug der Swissair, den ungelösten Bankenfragen und zwei Wochen vor der historischen UNO-Abstimmung am 3.3. steht die Schweiz isolierter da denn je - und das neutrale Oesterreich freut sich über den Euro.

Drehscheibe Mitteleuropas

"Seinesgleichen geschieht" ist das erste Kapitel aus Robert Musils Jahrhundert-Roman "Der Mann ohne Eigenschaften" überschrieben, und wie damals gab es nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 wieder eine Art "Parallelaktion" , ein
Wettbewerb zwischen Berlin und Wien, welche Metropole denn die zukünftige Drehscheibe Mitteleuropas werden sollte. Wien wäre eigentlich prädestiniert dazu, nicht nur durch seine Lage (weit
östlicher als Prag, beispielsweise!), sondern auch durch seine uralten Handelsbeziehungen zu den Balkanstaaten, die multikulturellen Traditionen der K. und K. Donaudoppelmonarchie (von Musil halb liebevoll, halb sarkastisch "Kakanien" genannt), und durch den vergleichsweise sympathischen Umstand, dass es eben gerade nicht die Hauptstadt des Grossdeutschen Reiches war und ist,
aber einmal mehr wurde die Sache amtlich verschlampt, und die fremdenfeindlichen Tiraden des Herrn Haider und seiner FPÖ sowie sein Temelin-Heimspiel waren auch nicht
dazu angetan, in den ehemaligen Ostblockstaaten Vertrauen zu bilden, und so zogen die kapitalstarken Preussen in scheinheiliger PDSPD-Allianz mit Trara davon, diesmal mit dem Mercedes-Stern statt der Bismarck-Pickelhaube.

O ester reich bild

Inzwischen beherrscht wieder die heilige Dreifaltigkeit Schwarzenegger-Mozart-The Sound of Music das Oesterreich-Image des Durchschnittamerikaners: es gibt zwar noch keine "Noldi-Goldi-Schoggi-Kugeln", aber sein breites Konterfei ist

- mit "collateral damage" - auf sämtlichen Hollywood-Plakaten zu sehen, und wie beliebt das Musicals aus den 50er Jahren immer noch ist, erlebte ich im Hotel Scherer in der Mozartstadt Salzburg: auf dem Zimmer-TV lag nämlich die verlockende Aufforderung, auf dem Video-Kanal ein "breites Angebot von erstklassigen Filmen gratis bei der Réception" bestellen zu können. Allerdings gab mir dann der Nachtportier
etwas kleinlaut, aber mit ausgesuchter Höflichkeit zu verstehen, dass dieses - genau besehen - nur aus einem einzigen Film bestehe, nämlich "The Sound of Music", weil eben "die Amerikaner sowieso nur immer den sehen wollen". Na also...
Die Hauptdarstellerin Julie Andrews hätte sich auf ihrer Alp (bzw. Alm) dudelnd damals wohl nie träumen lassen, dass der Titelsong "My favourite things" in John Coltranes wilder Saxophoninterpretation zu einem neuen Standard des modalen Jazz werden würde.


Sprachverwirrung

Ein braunwollener Windfang fängt die Frühlingsluft draussen ab und trennt sie vom Zigarettenmief des "Ritz" in Wien, das neben allerlei Backwaren auch Frühstück serviert. Glasvitrinen und Auslagen sind dekoriert mit bunten Papierschlangen, Lampions und Ballons, im vergeblichen Versuch, Faschingsstimmung zu verbreiten: der Duft der frisch gebackenen Brötchen ist stärker. Was darfs denn sein, gnä'Frau? Während draussen ein Fiakerl mit Pferdehufgeklapper vorbeifährt, setzt die alemannische Sprachverwirrung schon bei der Getränkebestellung ein. Einen Kaffee Mélange bittschön, einen Ein-
oder Zweispänner, einen verlängerten Braunen mit Schlagobers? Und weiter geht die quälende Fragerei bei den "Imbissen und Mehlspeisen": Topfenstrudel oder Kaiserschmarren? Golatsche oder Punschkrapfen? Germ-Knödel mit Powidl (Pflaumenmus) oder Palatschinken (Pfannkuchen, ganz fleischlos aus dem ungarischen "palatsinta" eingedeutscht)? Mondseerkipferl oder Ischlertört? Laugenstangerl oder Kokuskuppel?

Oder doch lieber eine Mohnsemmel mit Marillenmarmelade? Oder gar etwas
deftigere Kost: Blunzengröstl? Da ist es doch tröstlich, die philosophischen Gedanken zu lesen, die ein anonymer Autor im "Café Weimar", dem traditionsreichen Stammlokal der Wiener Volksoper, hinterlassen hat: "Morgens begibt sich der kultivierte Mensch in sein Stammcafé. Hier verschanzt er sich, noch ganz verschlafen, hinter einer Zeitung. Umsorgt vom Ober bekommt er sodann ein belebendes Stimulans in Form eines Mokkas oder einer Melange serviert. Danach kann an die Zusichnahme des Frühstücks gedacht werden: Eier im Glas, ein resches Kipferl, oder eine knusprige Semmel. Und während solchermassen alle Sinne geweckt werden, herrscht draussen vorm Kaffeehaus hektisches Treiben, das aber nicht imstande ist, auch nur den geringsten Eindruck auf das nun fröhlich gestimmte Gemüt des Kaffeehausgastes zu machen."


Aimez-vous CHinA?

CHinA heisst das hintersinnige Motto der Kulturinitiative, welche "die Schweiz in Oesterreich" in zahlreichen Ausstellungen und Konzerten näherbringen will - die Schweiz in Oesterreichweite sozusagen. Mit dem Quartett "Pago Libre" waren wir eine Woche unterwegs, mehr als 3000 Bahnkilometer mit dem günstigen "Euro-Domino"-Ticket. Das letzte Konzert ging im vollbesetzten Jazzclub "Porgy & Bess"
in Wien über die Bühne, einem umgebauten Pornokino, dem legendären Heimathafen des vom Bündner Mathias Rüegg geleiteten "Vienna Art Orchestra", und das begeisterte Publikum entliess uns erst nach der dritten Zugabe: einem Brahms-Gutenachtlied.

 

John Wolf Brennan

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