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aus: «Luzerner Woche» vom Juli 2002
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Expo.02 - faire well
auf den.gebracht
Den zweimillionsten Besucher
konnte die so genannte Landesausstellung im Dreiseenland inzwischen
verbuchen - ein zwar mit allen modernen P.R.-Mitteln herbeigeworbener,
aber dennoch unerwarteter Publikums-Erfolg, der allerdings wesentlich
der Tatsache zu verdanken ist, dass schweizweit und flächendeckend
fast sämtliche Schulklassen samt Le(e)hrpersonen dazu verknurrt
wurden, ihre Schulreise an die Expo zu binden. Gleichzeitig ist dieser
Massenauflauf ein Anlass zur Zwischenbilanz, die Expo an ihrem selbsternannten
"künstlerischen Anspruch" und ihren Kosten (anderthalb
Milliarden Franken) zu messen.
Und der liegt defini-tief,
verloren in den Bratwurstzelt- und Chilbidekors der Arteplages, bei
deren Verkehrsverbindung man samt Fussmärschen durch öde
Betonkorridore ohne weiteres einen halben Tag verbringen darf, Wartezeiten
auf überfüllten Perrons und in langen Schlangen nicht inbegriffen.
Dafür darf man in Biel dann im Cyberspace-Meer schwimmen, einen
Blick auf 99 verblichene Schweizerfahnen werfen (welch erhebendes
Gefühl: "Völker, hört die Signale"), Werbeslogans
entziffern und im schiefen Klangturm (laut Eigenwerbung nichts weniger
als das "klingende Wahrzeichen der Expo") auf die unerhörte
Originalität des akustischen "Wirbelstroms" warten,
zeitgleich das Geplätscher der Wellen in Natura und das recycelte
Besuchergemurmel über Mikrophon und "Regie-Kapsel"
verstärkt erfahren - als Warenhausberieselung der gekünstelt-aufgetürmten
Art. E Plag!
Wo ist die Wolke, wo?
Hingegen taugt die Expo
vorzüglich als modernes Vorzeige-Märchen vom Kaiser in seinem
neuen Kleid: was von der grossspurig angekündigten "Poesie
an der Schnittstelle zwischen Natur und Technik" noch übrig
bleibt, wenn in
Yverdon-les-Bains ein bisschen Wind weht, ist ein ziemlich grobschlächtig
wirkendes Metall-Skelett auf klobigen Stelzen im See, das ganz entfernt
an die Flugmaschinen-Skizzen Leonardo da Vincis erinnert. Schon damals
nie abgehoben, zementiert dieses plumpe Symbol des unfreiwilligen
Groundings die babylonische Hybris des Menschen, wie er vergeblich
die Natur zu imitieren sucht. Immerhin bieten die Millionen von feinsten
Wassertröpfchen eine willkommene Abkühlung, solange man
auf den Aluminiumstufen der überdimensionierten Sprinkleranlage
umhertrampelt. Was von der Idee der "Wolke" übrigbleibt,
zieht Schlieren in den See hinaus und endlose Ameisenschlangen von
Besuchern an, die durch das Mahnmal strömen - manche in grotesken
Plastikschutzhüllen. Unterdessen schwimmt die reale Poesie unter
den Pontons der beiden Zulaufstege hindurch: eine Entenmutter mit
ihren Küken auf dem Rücken.
Und weil das "bluemete
Trögli" der Landi 1939 dem multikulturellen Anspruch
wohl doch nicht mehr ganz genügt hätte, verbreitet eine
Ansammlung von verlorenen Topf-Palmen in der Steinwüste das heimelige
Ambiente eines Open-Air-Solariums, als schattenspendende Oase im potemkinschen
Dorf voller Bratwurstbuden, Glacé- und Getränkestände,
wo überteuerte Sandwiches ihre trockene Ladenhüter-Existenz
fristen und der finalen Entsorgung harren, d.h. im Kübel landen.
Demokratie von (ab)Fall Zufall
Ach ja, die Kübel.
Etwas vom Klügsten an der Expo sind die hintersinnigen Sprüche,
die in allen fünf (!) Landessprachen auf den in logarhythmischen
Abständen aufgestellten Güselkübeln prangen. Als geduldige
Dienstleister präsentieren sie sich abwechslungsweise staatsmännisch
("acziuns unidas"), sentimental ("le voyage forme les
souvenirs" ), philosophisch ("tut svanescha"), esoterisch
("nothing lasts forever"), basisdemokratisch ( "einer
für alle"),
im Dienste Ihrer Majestät ("license to fill"), patriotisch
( "vereinigte Taten" - wenn das Bush zu Ohren käme...),
salopp ("ça jette"), etwas orientierungslos ("punta
di rincontro"), fatalistisch ("rien ne reste"), notorisch
nekrophil ("rein ins Vergnügen") oder motorisch bauernschlau
("clever ending"), oder gar mit einem Anflug an pervers-pornografischer
Lust ("give it to me"). Zu meinem Lieblingsspruch aber erkor
ich "faire well", ganz wörtlich genommen, und schliesslich
- als monetaristischer Kommentar zum umstrittenen Bankgeheimnis sozusagen
- "Hier Münz entsorgen".
Es scheint, dass des Schweizers
Fantasie erst richtig zu blühen beginnt, wenn es um Restenverwertung
(Fondue, Birchermüesli, Fotzelschnitten), Endlagerung, Abfallbewirtschaftung
und Recycling geht. Und so gesehen erstrahlt die Expo doch noch im
hehren Glanz einer visionären ImagiNation dot.com: die Schweiz
- ein Paradies krea-tiefer Ab.fall.ent.sorger, auf den . gebracht.
Abend-teuer Alltag
Fazit: überlegen
Sie sich gut, ob Sie sich diese Art von Recycling antun wollen. Für
verbesserliche Optimisten bleibt selber hingehen wohl die einzige
überzeugende Option, aber wer dem Expo-Bratwurstduft entflieht,
stösst auf einer Bergwanderung (eine andere Art von "Drei-Tages-Pass"!),
im Highflyer über dem Verkehrshaus, beim Aussortieren der Wäsche,
beim Füttern der Goldfische oder beim Aufräumen des häuslichen
Schreibtischs auf echte Abenteuer, deren Erlebnis- und Erkenntniswert
um vieles höher - und etwas billiger - sein wird.
John Wolf
Brennan
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