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aus: «Luzerner Woche» vom 22. März 2002
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Kanadische Perspektiven
Mit einer Fläche von fast zehn Millionen Quadratkilometern ist
Kanada (hinter Russland) das zweitgrösste Land der Erde. Dabei
ist die Bevölkerung höchst ungleich verteilt: mehr als dreiviertel
leben in einem knapp 200 Meilen schmalen Streifen nördlich der
Grenze zu den USA. Wie eine weitgespannte Perlenkette zieht sich die
Grossstadtreihe vom Pazifik bis zum Atlantik, vom asiatisch geprägten
Vancouver über Calgary nach Winnipeg im Herzen des Kontinents,
von der pulsierenden Businessmetropole Toronto und der Hauptstadt
Ottawa über das frankophone Montréal und Québec
bis zur geschäftigen Hafenstadt Halifax auf der Halbinsel Nova
Scotia. Die 30 Millionen Kanadier verteilen sich auf einer Fläche,
die 250 mal so gross ist wie die Schweiz. Bei gleicher Bevölkerungsdichte
hätte Kanada 1,75 Milliarden Einwohner, anderthalb mal soviel
wie China...
First Nation
Im Unterschied zum Nachbarland USA, wo die "Indianer" (heute
politisch korrekter "Native Americans" genannt) in menschenunwürdige
Reservate abgeschoben wurden, hat der kanadische Staat seit der neuen
Verfassung von 1982 die Ureinwohner als ursprüngliche Bevölkerung
anerkannt. Vor 35'000 Jahren kamen ihre Vorfahren während den
grossen Eiszeiten über die Beringstrasse nach Nordamerika. Sie
breiteten sich im Laufe der Zeit über den ganzen Kontinent aus
und entwickelten eigenständige
Kulturgruppen. Halbnomadische Jägerstämme lebten im Norden.
Die Irokesen und Huronen der Waldland-Kultur im Osten dagegen waren
fest ansässig und bauten Mais, Bohnen und Tabak an. Die Stämme
der Plains-Kultur in den Prärien des Westens folgten den grossen
Büffelherden, während das reiche Nahrungsangebot an der
Westküste den Kwakiutl und Haida genügend Musse liess, sich
zu kunstfertigen Holzschnitzern zu entwickeln. Heute leben rund 500'000
Angehörige der "First Nation" in über 130 Stämmen
verteilt und etwa 50'000 Inuit (Eskimos) in Kanada. Sie sehen sich
als gleichberechtigte Partner in einer multikulturellen Gesellschaft
und fordern Landrückgabe und Selbstverwaltung. Zum Teil sind
sie auch in die westliche Lebensart integriert. Die "First Nation",
wie sie sich selbstbewusst nennen, stellen ihre eigenen Schulen und
Parlamentsabgeordnete und treiben schwunghaften Handel. Jede Universität
hat ihre First Nation-Vertretung, und Zeugnisse ihrer Architektur
und Kultur lassen sich in Vancouver überall finden: Round Houses,
Long Houses, Totempfähle und zeremonielle Handlungen an vielen
öffentlichen Veranstaltungen.
Hongkouver
Vancouver, das Tor zum Pazifik in Gestalt einer meerumschlungenen
Hafenmetropole, mit spiegelnden Glastürmen vor einer hochdramatischen
Kulisse tiefgrüner Berge gelegen, war in den letzten Jahren bevorzugtes
Ziel vieler begüterter Hongkong-Chinesen, die ihr Kapital rechtzeitig
vor der Rückgabe an die Volksrepublik in Sicherheit bringen wollten.
Auf dem Campus der Universität von British Columbia und in den
Strassen von "Hongkouver" kann man lange gehen, bis man
ein nicht-asiatisches (d.h. kaukasisches) Gesicht sieht. Wer sich
aber dabei womöglich fragt, was denn all die Asiaten hier "bei
uns Westlern" zu suchen haben, sollte sich besser an die Geschichte
erinnern: die Ureinwohner kamen aus Asien. Captain George Vancouver
entdeckte die Mündung des Fraser River in den Pazifik - im Jahre
1792. Um 1860 entstanden die ersten Holzfällercamps und einige
Saloons. Und erst 1886 wurde der westliche Endbahnhof der transkontinentalen
Eisenbahnlinie gebaut. Die europäischen Immigranten kamen also
etwas später hier an. Genau betrachtet: ein paar Jahrzehntausende.
Toronto International Airport
U.S. Immigration Officers waren schon seit jeher bekannt für
ihren hartnäckigen Fragenkatalog, etwa ob man "kommunistische
Staaten besucht" habe (was heute gar nicht mehr so einfach ist),
in Nazi-Prozesse verwickelt war, oder - ganz besonders pikant im Land
mit der höchsten Feuerwaffendichte der Welt - eine "personal
firearm" mitführe. Seit dem 11.September haben sich die
Check-Up-Methoden deutlich verschärft: Schuhe ausziehen, alle
Taschen leeren, Münz, Laptops, Handys und metallische Gegenstände
in die Plastikbox legen - einer nach dem andern durchschreitet die
Röntgenschranke, breitet in leicht pathetischer Heilandsstellung
die Arme weit aus: eine Prozession von unfreiwillig säkularisierten
Christus-Figuren, die vom turbantragenden (sic!) Security Agent mit
piepsendem Metalldetektor untersucht werden - wenns sein muss bis
hinter die Gürtelschnalle. Mein Pullireissverschluss klemmt und
erregt deshalb besonderen Verdacht, ein Nagelclips wird entrüstet
als potentiell bedrohliche Waffe konfisziert, und der suspekte DAT-Recorder
wird nur nach lautstarkem Protest meinerseits wieder zurückgegeben.
Original Swiss Ausland
Das Original Swiss Army Knife hingegen bleibt besser zuhause, selbst
im Westentaschenformat - die Sammlung des Sicherheitsdienstes ist
schon mehr als gross genug.... Airport-Cafés sind meist Touristenfallen
mit unverschämten Rip-Off-Preisen, hier aber ist man angenehm
überrascht: der Cranberry Muffin mit Kaffee kostet halb soviel
wie in der Leuchtenstadt, und das Zapfbier schmeckt vorzüglich.
Woher allerdings das (Fascht Food-)Rezept zum "Original Swiss
Mushroom Cheese Burger" stammt, bleibt schleierhaft - aber der
beste Emmentaler wird ja bekanntlich ins Ausland (das bei uns bezeichnenderweise
vom "Amt für auswärtige Angelegenheiten" betreut
wird) exportiert, und Tilsit liegt nicht etwa im Greyerzerland oder
am Sbrienzersee, sondern in der russischen Enklave Kaliningrad an
der Ostsee - dort, wo Woody Allen herstammt. Asien beginnt vor der
Haustür, der Osten ist also der Westen des Ostens des Westens.
Alles klar?
John Wolf Brennan
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