Publikationen
von 2002


aus: «Luzerner Woche» vom Oktober 2002


"Ars longa, vita brevis"

Kulturmanagement:
ein ideal(istisch)es Leitbild

E.S.N.Z. - ein Statement zur Essenz der
kulturellen Basisarbeit

"Das Flüssige (also Liquide)
ist zwar wichtig,
Kultur aber ist das U e b e r - Flüssige."

"Sie machen was a n kommt, ich mache, w o r a u f es ankommt."

August Everding, seinerzeit Intendant am Staatstheater Hamburg,
im Gespräch mit Industriellen

(Vorbemerkung: im folgenden Text ist die männliche Form grammatisch jeweils mit gemeint)


Eine erfolgreiche Kulturmanagerin ist sowohl eine Kultivatorin (im Sinne von lat. cultivare "urbar machen, bearbeiten, sorgsam pflegen, verfeinern") als auch eine Agentin (im Sinne von lat. agere "etwas bewegen, treiben, ausführen"). Sie kennt die künstlerischen Disziplinen, die sie vertritt, und das sozio-kulturelle Umfeld, in der sie sich bewegen muss, um einen optimalen Nährboden, ein weit verzweigtes Netzwerk für ihre Tätigkeit zu schaffen. Ihr Wissen sollte durch breite Allgemeinbildung weit gefächert sein, verknüpft mit einer nach allen Seiten offenen Neugierde, gleichzeitig aber eng fokussiert auf ihre Ziele. Dieses Know-how befähigt sie, die kulturelle Relevanz und ästhetische Stimmigkeit einer künstlerischen Darbietung oder eines Projekts kompetent einzuschätzen, neue Initiativen zu starten ("invent the event") und Trends frühzeitig aufzuspüren, statt ihnen hinterher zu rennen. Sie versteht es, die Essenz der kulturellen Basisarbeit herauszudestillieren. Sie setzt klare Prioritäten in einem flexiblen, aber kontrollierten Zeitplan.


Sie muss über eine gewinnende Kontaktfreudigkeit verfügen: am Telefon zählt oft der allererste Eindruck. In der delikat-prekären Balance von kontextuellem Einfühlungsvermögen und ausdauernder Hartnäckigkeit wird sie zwar nötigenfalls manchmal taktisch einlenken, ohne das strategische Ziel aus den Augen zu verlieren. Die modernen Kommunikationsmittel setzt sie mit der Virtuosität einer geübten Konzertsolistin ein. Sie kann und braucht nicht alles selber zu wissen, versteht es aber, im richtigen Moment die wichtigen Informationsquellen anzuzapfen und zielgerichtet ihr Beziehungsnetz zu aktivieren.

Neben der künstlerischen und sozialen Kompetenz verfügt sie über einen ausgeprägten Sinn für die Welt des Business sowie über ein untrügliches Gespür für realisierbare Utopien, also das "gerade noch (un)Mögliche", frei nach Herbert Achternbuschs hintersinnigem Diktum "Du hast keine Chance - nutze sie." In finanziellen Verhandlungen mit Künstlern, Sponsoren, Veranstaltern und Institutionen ist sie fair im Ton, aber hart in der Sache. Sie kann sich in mehreren Sprachen sowohl in schriftlicher wie in mündlicher Form eloquent ausdrücken, komplexe Zusammenhänge auf den Punkt bringen und hat erst noch die Gabe, künstlerische Projekte bereits in der Konzeptphase anschaulich fassbar und über-zeugend verkaufen zu können -- was nicht mit über-reden verwechselt werden soll.

Zu den Kunstschaffenden nimmt sie eine engagierte und gleichwohl distanzierte Stellung ein, liebevoll begleitend, aufmerksam zuhörend und betrachtend, aber auch kritisch hinterfragend und auf Hohlstellen abklopfend -- nicht jede "künstlerische" Idee ist gleich genial. Diese teilnehmende Distanz befähigt sie, künstlerische Werke in einen grösseren Kontext zu stellen: l'art, c'est la vie - nichts weniger als das Leben selbst, und manchmal noch darüber hinaus.

(Nachbemerkung: die ideale Kulturmanagerin kommt noch seltener vor als die ideale Künstlerin)


John Wolf Brennan

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