Publikationen
von 2002


aus: «Luzerner Woche» vom September 2002

September 11

Wenige Daten haben sich in so kurzer Zeit so tief ins kollektive Gedächtnis der Weltgeschichte eingebrannt wie "september eleven" - so heisst es in der englischsprachigen Welt lapidar. Heute vor einem Jahr fielen die zwei Türme des World Trade Centers in New York einer ebenso kaltblütigen wie unheimlich präzise orchestrierten Terrorattacke zum Opfer. Wie ein Fanal wirken die beiden hochaufstrebenden Ziffern der Zahl 11: es braucht nicht viel Fantasie, um darin ein Abbild der symbolträchtigen Doppeltürme zu sehen, samt dem beissenden Rauch und den fallenden Trümmern.

Seit diesem ominösen Datum befindet sich Amerika im Kriegszustand gegen den globalen Terrorismus. Präsident Bush hat seine ganze Aussen- und Innenpolitik auf dieses Ziel hin ausgerichtet. Pünktlich zum Jahrestag lässt er die hochgerüsteten Säbel der einzig noch verbliebenen Supermacht rasseln und droht dem Erzfeind Irak - als schlimmstem "Schurkenstaat" auf der "Achse des Bösen" - offen mit einem Angriffskrieg und der "Eliminierung" von Sadam Hussein.


Spätestens seit der "Antrax"-Hysterie wurden in den USA langevernachlässigte Sicherheitsmassnahmen überprüft, im FBI und CIA sind einige Köpfe gerollt, und die US Airforce führt in Afghanistan medienwirksam einen Stellvertreterkrieg mitsamt obligater "humanitärer Hilfe", der bisher aber in Sachen Terrorbekämpfung keine wirklich greifbaren Ergebnisse brachte. Osama Bin Laden - oder wer auch immer hinter den Anschlägen steckt - bleibt spurlos verschwunden. Greifbar sind aber die Folgen:

  • Eine latente Furcht vor einem allgegenwärtigen, heimtückischen Feind hat sich in weiten Kreisen der "freien Welt" ausgebreitet.

  • Opferzahlen: wie viele Menschen am 11. September ihr Leben liessen, wird nie genau eruierbar sein. Sicher ist hingegen, dass in Afrika durch AIDS und Hunger ebensoviele Menschen sterben - und zwar jede Stunde.

  • Weltweite Konjunkturschwäche: niemand kann im Ernst behaupten, Enron, Globecom, Andersen und andere Firmen seien ursächlich wegen dem 11. September zusammengebrochen, aber er hat deren Niedergang sicher beschleunigt.

  • "New Economy": die Seifenblasen der irrational hochgepeitschten IT-Börsentitel wären zwar auch ohne Terroranschläge und Swissair-Grounding geplatzt, aber seit dem 11.9. haben alle Missmanager und Zerwaltungsräte eine hochwillkommene Ausrede gefunden

  • Präsident Putins reingewaschener Völkermord an den Tschetschenen: das Argument "Kampf dem internationalen Terrorismus" wird endgültig - im traurigsten Sinne des Wortes - ein Totschlagargument. Vor diesem Hintergrund ist die an sich positive Annäherung Russlands an die westliche Welt mit Vorsicht zu geniessen.

  • Die Verlagerung von Flug- auf Zugverkehr hat ökologisch sicher auch sehr positive Seiten: Flugreisen in Nachbarstädte sind out. Hierzulande könnten sich die SBB ins Fäustchen lachen, weil sie einen schönen Teil des interurbanen Verkehrs auf die Schienen verlagern konnten - falls sie bei der neu gewonnene Kundschaft mit ihrer neuesten "Hard-Selling"-Aktion (so heisst sie tatsächlich!) nicht bereits wieder einen Teil dieses Goodwills zerstören.

  • bleibt die Frage, ob denn die vielbeschworene "Rückbesinnung auf die Grundwerte" wirklich stattgefunden hat, die Frage also, ob die Menschheit durch diese Kata-Strophe (im ursprünglich griechischen Sinne: "entscheidende Wendung, Umkehr") in ihrer Entwicklung weitergekommen und zur nachhaltigen Umkehr bereit ist, indem etwa das völlig gestörte Gleichgewicht zwischen Nord und Süd ausgeglichen und damit der Teufelskreis von Armut und Umweltzerstörung durchbrochen wird, die Pulverfässer in Palästina, Pakistan, Kolumbien, Ruanda und andernorts umsichtig entschärft und so dem Terrorismus der Nährboden entzogen werden kann.

Wer zehn Jahre nach Rio den UNO-"Gipfel der Unverbindlichkeit" (Titel des Frontseiten-Kommentars in der "Neuen LZ" vom 4.9.02) in Johannesburg und das magere Resultat dieser gigantischen Basar-Feilscherei zwischen knallharten Wirtschaftsinteressen und zaghaften Umweltschutzartikeln mitverfolgt hat, wird sich wohl wenig Illusionen machen. Anderseits führen viele kleinste Schritte auch ans Ziel, und schliesslich muss man sich - wie Albert Camus in "L'homme révolté" bemerkte - Sisyphus in seinem ewigwährenden Schicksal des Steinewälzens als einen glücklichen Menschen vorstellen.


John Wolf Brennan

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