Kleine Anleitung zur Komposition
1) Am Anfang ist immer eine Geschichte – Schicht um Schicht
ge-schichtet.
2) Jedes Aufgeschichtete strebt nach Aufgehobensein – im dreifachen
Sinne des Wortes: aufge-hoben (vom Bodensatz des Vergessens), auf-gehoben
(in eine neue, noch zu ergründende Sphäre empor) und aufgehoben
(für eine spätere Zeit).
3) Dadurch – und nur dadurch – kommt ein vierter Sinn
zum Tragen: die Auf_hebung von Zeit und Raum. Wenn Musik
gut aufgehoben ist, hebt sie sich selbst und das hörende Subjekt
auf. Beide ko-existieren dann als reine Energie, die fliesst, solange
sie gehört wird. So gesehen, sind Ausdrücke der Empfindsamkeit
wie ” e s klingt in mir” oder “entrückt” präzise
Beschreibungen einer Befindlichkeit am Uebergang in einen anderen
Zustand im
Parallel-Universum der Töne.
4) Der Mensch hat sich die Musik geschaffen, um der Energie Gestalt
zu geben. Form ensteht durch Wachstum und das Dazwischen-gehen, das
Plötzliche, die Schnitte.
5) Der erste Ton ist nie das Problem, sondern schon da, gleichsam
schon dessen immanente Lösung – man muss nur genau genug
auf ihn hören.
“
Wie finde ich den zweiten Ton?” (Wolfgang Rihm). Erst dann
beginnt die Suche. Aber vielleicht hat er DICH schon gefunden...
6) Oeffne dich für die un-sag-bare Spannung zwischen diesen
zwei Tönen, lass sie durch deine Pole hindurchgehen, versuch
den Strom zu fassen
(das geht nicht ohne nasse Hände und Schockzustände). Dann
lass es fliessen.
7) Schau durchs Fernrohr, durchs Sonoskop: einzelne Sternentöne
sind zwar Millionen von Lichtjahren entfernt, aber Du bist mittendrin!
Musik überspringt den Raum in Nullzeit, die Zeit in Nullraum,
die Makro- wird zum Mikrokosmos, zum osmotischen Austausch von Innen
und Aussen.
8) Wenn sich die Töne zu einem Melos verbinden, lass sie darin
atmen.
9) Töne, die vom Publikum nicht aktiv rezipiert werden, sterben
im Moment ihres Aufblühens auf der Bühne den Heldentod,
noch bevor sie den Schalltrichter oder das Griffbrett richtig verlassen
haben – die Bühne wird zum Schlachtfeld, zum Leichenhaus.
10) Musik hat etwas fundamental Anarchistisches: sie wehrt sich – letzten
Endes immer erfolgreich – gegen jede Form der Vereinnahmung.
Kubanische Revolutionslieder werden den Maximo Lidér genauso überleben
wie Lully‘s Ouvertüren die Popanzen des Roi soleil; Eislers “Vierzehn
Arten den Regen zu beschreiben” die Berliner Mauer (“Auferstanden
aus Ruinen und der Zukunft zugetan” hiess der Anfang der DDR-Nationalhymne)
und Beethovens Neunte die letzte Woche im Führerbunker (wahlweise
als Apotheose des Ariertums oder des Ersten deutschen Arbeiter- und
Bauernstaates missbraucht)
Palestrina‘s Gesänge die päpstlichen Bullen und Strawinskys
Soldat die Aktivdienstzeit.
John
Wolf Brennan