Kompjutr.com-Post Not/izen
Nehmen wir einmal an, morgen seien Sie nicht mehr da. Es muss ja
nicht gleich ein tragisches Unglück sein: vielleicht sind Sie
ganz einfach vom Erdboden verschluckt, verschollen, ausgewandert
auf eine Insel im Südpazifik oder auf den Mars, per Anhalter
zur nächsten Galaxis, unerreichbar für alle irdischen Bewohner.
Wo – glauben Sie – könnte man Spuren Ihres irdischen
Daseins auffinden? Wie könnte man dem Puzzle Ihrer Person Gestalt
geben? Etwa, indem wir an Ihrem Schreibtisch Platz nehmen und Ihren
Computer aufstarten? Würde aus all den Bits und Bytes Ihrer
Harddisk ein Bild aufsteigen, dass Rückschlüsse auf Ihre
PERSON zuliesse? Ein Festplatten-Negativabdruck, sozusagen?
Interessant ist auch die Frage, wie sich Email, Fax, SMS und andere
moderne Kommunikationsformen auf unseren Schreibstil auswirken. Können
wir überhaupt noch zusammenhängende Gedankengänge
auf den Punkt bringen, prägnant formuliert? Provoziert der Telegrammstil
nicht ein endloses Recycling von abgedroschenen Kurzformeln, inhaltsleer
und nur im engsten Kontext verständlich? Wäre ein elektronischer “Briefwechsel” für
die Nachgeborenen nachvollziehbar? Gibt es publizistisch eine Gegenbewegung,
ausführliche Erklärungen mit vertieftem Hintergrund? Die
Wiedergeburt der guten alten Recherche?
Medium = Message?
Wenn es stimmt, dass das Medium auch schon die Botschaft ist, dann
gilt dies auch für den Vorgang des Schreibens, und ganz besonders
für das “Verfertigen der Gedanken beim Schreibvorgang” (Heinrich
von Kleist): der spezifische Widerstand, den die Hand überwinden
muss, beeinflusst das Schreiben selbst. Ein Brief, der mit Tuschefüller
verfasst wird, kommt anders heraus als eine Bleistiftnotiz; ein dicker
Filzstift verleitet nicht nur zu grösseren Buchstaben und kürzeren
Worten, sondern greift in die Grammatik und Syntax ein; der Bleistift
hat den Radiergummi schon dabei; die automatische Korrekturfunktion
im Word-Programm macht die Orthographie zur fahr-lässigen Rennstrecke.
Wenn gerade kein Notizzettel zur Hand ist (also meistens), verführt
ein plötzlich aufgetauchter A4-Block zu unzeitgemäss ausufernden,
epischen Betrachtungen; aus einer Kurznachricht wird ein Roman; umgekehrt
wird bei Abwesenheit geeigneter Schreibutensilien aus dem Roman eine
Kürzest-NOTiz. So sind wir alle bald zu (mehr oder weniger)
freiwilligen Patrons, bald zu unfreiwilligen Sklaven der virtuellen
Buchstaben geworden, unfassbar hinter Bildschirmglas verborgen, un(an)greifbar,
losgelöst, körperlos, der Mühsal und Sinnesfreude
der eigenhändigen Handschrift entzogen. Auch der Ort des Schreibens
spielt mit: ein Text, der in der Gartenlaube auf dem Laptop entsteht,
wird einen anderen Fluss und Duktus haben als im vollklimatisierten
Grossraumbüro. So liesse sich ohne weiteres eine aussagekräftige
Topologie der Schreibwaren und -orte erstellen.
Megabytes vs. Weisheit
Daten sind keine Information, Information ist noch kein Wissen,
Wissen ist oft weit entfernt von Weisheit. Wann haben Sie das letzte
Mal einen handschriftlichen Brief verfasst? Wann einen erhalten?
Lassen Sie für ihre Liebsten die Buchstaben auf dem Bildschirm
tanzen, oder kratzen Sie mit der Feder auf vornehmes Büttenpapier?
Könnten Sie mit Siegel und Lack umgehen? Kleben Sie Briefmarken
noch von Hand auf? Bitten Sie den Postbeamten um einen besonders
schönen Abgangsstempel, damit der Empfänger in dessen philatelistischen
Genuss kommt?
Der Computer nimmt uns täglich viel Arbeit ab, die wir ohne
ihn gar nicht hätten... und der Traum vom “papierlosen” Büro
ist in weite Ferne gerückt. Angesichts der Halbwertszeit digitaler
Daten (die NASA rechnet mit 2% Verlust pro Jahr, d.h. die nächste
Generation wird leere Bildschirme vorfinden, wenn sie ins Familienalbum
reingucken will) wäre es vielleicht nicht die schlechteste Idee,
wieder mal zu Papier und Schreibstift zu greifen – ganz ohne
Speichertaste.
John
Wolf Brennan