Publikationen
von 2003


 
Kompjutr.com-Post Not/izen

Nehmen wir einmal an, morgen seien Sie nicht mehr da. Es muss ja nicht gleich ein tragisches Unglück sein: vielleicht sind Sie ganz einfach vom Erdboden verschluckt, verschollen, ausgewandert auf eine Insel im Südpazifik oder auf den Mars, per Anhalter zur nächsten Galaxis, unerreichbar für alle irdischen Bewohner. Wo – glauben Sie – könnte man Spuren Ihres irdischen Daseins auffinden? Wie könnte man dem Puzzle Ihrer Person Gestalt geben? Etwa, indem wir an Ihrem Schreibtisch Platz nehmen und Ihren Computer aufstarten? Würde aus all den Bits und Bytes Ihrer Harddisk ein Bild aufsteigen, dass Rückschlüsse auf Ihre PERSON zuliesse? Ein Festplatten-Negativabdruck, sozusagen?

Interessant ist auch die Frage, wie sich Email, Fax, SMS und andere moderne Kommunikationsformen auf unseren Schreibstil auswirken. Können wir überhaupt noch zusammenhängende Gedankengänge auf den Punkt bringen, prägnant formuliert? Provoziert der Telegrammstil nicht ein endloses Recycling von abgedroschenen Kurzformeln, inhaltsleer und nur im engsten Kontext verständlich? Wäre ein elektronischer “Briefwechsel” für die Nachgeborenen nachvollziehbar? Gibt es publizistisch eine Gegenbewegung, ausführliche Erklärungen mit vertieftem Hintergrund? Die Wiedergeburt der guten alten Recherche?

Medium = Message?

Wenn es stimmt, dass das Medium auch schon die Botschaft ist, dann gilt dies auch für den Vorgang des Schreibens, und ganz besonders für das “Verfertigen der Gedanken beim Schreibvorgang” (Heinrich von Kleist): der spezifische Widerstand, den die Hand überwinden muss, beeinflusst das Schreiben selbst. Ein Brief, der mit Tuschefüller verfasst wird, kommt anders heraus als eine Bleistiftnotiz; ein dicker Filzstift verleitet nicht nur zu grösseren Buchstaben und kürzeren Worten, sondern greift in die Grammatik und Syntax ein; der Bleistift hat den Radiergummi schon dabei; die automatische Korrekturfunktion im Word-Programm macht die Orthographie zur fahr-lässigen Rennstrecke. Wenn gerade kein Notizzettel zur Hand ist (also meistens), verführt ein plötzlich aufgetauchter A4-Block zu unzeitgemäss ausufernden, epischen Betrachtungen; aus einer Kurznachricht wird ein Roman; umgekehrt wird bei Abwesenheit geeigneter Schreibutensilien aus dem Roman eine Kürzest-NOTiz. So sind wir alle bald zu (mehr oder weniger) freiwilligen Patrons, bald zu unfreiwilligen Sklaven der virtuellen Buchstaben geworden, unfassbar hinter Bildschirmglas verborgen, un(an)greifbar, losgelöst, körperlos, der Mühsal und Sinnesfreude der eigenhändigen Handschrift entzogen. Auch der Ort des Schreibens spielt mit: ein Text, der in der Gartenlaube auf dem Laptop entsteht, wird einen anderen Fluss und Duktus haben als im vollklimatisierten Grossraumbüro. So liesse sich ohne weiteres eine aussagekräftige Topologie der Schreibwaren und -orte erstellen.

Megabytes vs. Weisheit

Daten sind keine Information, Information ist noch kein Wissen, Wissen ist oft weit entfernt von Weisheit. Wann haben Sie das letzte Mal einen handschriftlichen Brief verfasst? Wann einen erhalten? Lassen Sie für ihre Liebsten die Buchstaben auf dem Bildschirm tanzen, oder kratzen Sie mit der Feder auf vornehmes Büttenpapier? Könnten Sie mit Siegel und Lack umgehen? Kleben Sie Briefmarken noch von Hand auf? Bitten Sie den Postbeamten um einen besonders schönen Abgangsstempel, damit der Empfänger in dessen philatelistischen Genuss kommt?
Der Computer nimmt uns täglich viel Arbeit ab, die wir ohne ihn gar nicht hätten... und der Traum vom “papierlosen” Büro ist in weite Ferne gerückt. Angesichts der Halbwertszeit digitaler Daten (die NASA rechnet mit 2% Verlust pro Jahr, d.h. die nächste Generation wird leere Bildschirme vorfinden, wenn sie ins Familienalbum reingucken will) wäre es vielleicht nicht die schlechteste Idee, wieder mal zu Papier und Schreibstift zu greifen – ganz ohne Speichertaste.


John Wolf Brennan

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