Es lebe der Spoart!
Haben Sie schon mal versucht, ein amtlich geprüftes Kindersitzli
auf ein Mountain Bike zu montieren? Auf dem virtuellen, also nicht
vorhandenen Gepäckträger? Ohne Handwerkerkurs, intensivem
Studium einer zwanzigseitigen Anleitung und teuren Spezialwerkzeugen?
Vor Urzeiten, als die simplen Drahtesel noch ganz volkstümlich “Velos” hiessen,
aus Sursee oder Pfeffikon stammten und mit Dynamo, chromblitzenden
Schutzblechen und soliden INKA-Aluträgern ausgerüstet waren,
war diese Montage eine Sache von Minuten. Heute muss das MTB (made
in China) zuerst mal beim diplomierten Fahrradhändler mit den
dafür vorgesehenen Plastikspritzwassersteckschützen (sic!)
und stromlinienförmigen Trägerelementen ausgerüstet
werden. Dafür sind die Kindersitze denn auch BfU-geprüft,
mit schultergurthöhenverstellbaren 4-Punkt-Sicherheitsgurten
und speichensicheren Fussstützen versehen und erst noch aus
sortenreinen, wiederverwertbaren Kunststoffen hergestellt.
Willkommen also in der schönen neuen Welt des Kindersports!
Nicht, dass jetzt das Biken für Babies propagiert werden soll,
aber das Groteske der eingangs gestellten, einfachen Frage ist symptomatisch
für die meisten Trendsportarten, die in den letzten zwei Jahrzehnten
eifrig auf den Modemarkt
geworfen wurden. Kleinkinder haben da nichts verloren, der Nachwuchs
ist schlicht und ergreifend nicht vorgesehen, weil (noch) keine kaufkräftigen
Konsumenten locken. Von abenteuerhungrigen Singles für überforderte
Yuppies (young urban professionals) und gelangweilte Dinkies (double
income, no kids) konzipiert, soll der ultimative Adrenalin-Kick durch
allerlei externe und extreme Nervenkitzel erzeugt werden. Bei der
(demografisch langsam aussterbenden) Spezies “Eltern mit” wird
diese exogene Energie von den Kids täglich in Hülle und
Fülle gratis und franko Haus geliefert. Der Adrenalinpegel hüpft
wie ein wild gewordenes Bungee-Seil auf dem Trampolin des Nervenkostüms,
bis zum Ueberdruss der “Erziehungsberechtigten” – wie
Eltern politisch korrekt neuerdings genannt werden – und die
(V)Erzogenen werden nicht mehr mit Sportsgeist goutiert.
Bungee-Jumping mit dem Snugli-Tragegestell auf dem Rücken?
Riverrafting mit Pampers-Familienpackung? Paragliding mit Ersatz-Nuggi?
Wasserskifahren mit Velo-Anhänger? Free climbing mit dem “Lüchzgi” (Kindergarten-Leuchtdreieck)
um den Hals? Mountainbiken mit dem Drüradvelöli? Das Rad
wurde und wird zwar immer wieder neu erfunden, aber bei der hedonistischen
Sucht-Suche nach immer neuen Kicks sind die Kids meist nur ein lästiger
Störfaktor, bis sie dann ein paar Jahre später endlich
bereitwillig ins heiss umkämpfte Inlineskate- und Snowboard-Segment
und damit den Marketing-Managern in den Schoss fallen. Wie sang doch
der österreichische Liedermacher Rainhard Fendrich: “Es
lebe der Spoart - er ist gesund und macht uns hoart.”
In Anlehnung an einen bekannten, besonders hintersinnigen Bündner
Mineralwasser-Slogan kann man eingedenk dieses rad-ikalen Fort-Schrittes
nur noch seufzen: “Alles wird besser, FALLS ER bleibt gut!”
John
Wolf Brennan