Publikationen
von 2003


“Du hast keine Chance. Nutze sie!” (Herbert Achternbusch)

Krieg und Frieden: Angst als Ratgeber?


Angst ist die Vorstellung einer Möglichkeit. Was sein könnte, macht viel mehr Angst als das, was dann wirklich geschieht - oder eben nicht. Angst kommt von “Enge, Beklemmung” und ist laut Volksmund ein schlechter Ratgeber. Nun ist guter Rat teuer, im Sinne von “Mittel, die zum Lebensunterhalt nötig sind” (“Haus-rat, Hei-rat, Un-rat, Ge-räte“ - daraus entwickelte sich “Besorgung von not-wendigen Mitteln“, also die Not abwendend). Das Gegenstück zu Angst wäre also ein guter Ratgeber: im wahrsten Sinne des Wortes ein Lebens-Mittel.
Bereits im Mittelalter wird RAT auch im Sinne von “gutgemeinter Vorschlag” und “beratende Versammlung” gebraucht: “Stadtrat, Bundesrat, Verwaltungsrat” Ein UNO-Sicherheits-RAT dürfte ­ etymologisch abgeleitet ­ keine Angst vor Entscheidungen haben, er dürfte sich nicht vor schwierigen Entscheidungen oder unpopulären Massnahmen drücken, ja er müsste sich geradezu mutwillig aufs Risiko freuen, weil dieses nämlich alleine seine Not wenden kann.

Stellen sie sich vor, Alexander der Grosse hätte den gordischen Knoten nicht gelöst, die Kelten hätten den Römern noch nachhaltiger getrotzt; Wilhelm Tells Pfeil hätte statt Gessler einen der verschwörerischen Ur-Schwyzer getroffen; der mongolische Mogul Dschingis Khan wäre bis nach London oder gar Washington DC gekommen und die Mauren bis nach Paris oder Brüssel; in Morgarten und Sempach hätten die Habsburger gesiegt, in Marignano dafür die Eidgenossen; die Wikinger hätten Amerika nicht nur entdeckt, sondern so kolonisiert wie später die Spanier; Sankt Peter hätte die Schweden nicht geschlagen und keine Stadt aus dem Sumpfgebiet der Neva-Mündung gebaut; Napoleon hätte der damaligen Schweiz den republikanischen Stempel nicht aufgedrückt; die Ottomanen hätten Wien erobert; das Veltlin wäre den Ticinesi und Vorarlberg den St.Gallern zugeschlagen worden; der österreichisch-ungarische Thronfolger wäre nicht in Sarajewo ermordet worden und die EU wäre jetzt ein Mitteleuropa nach K. und K. Vorbild; Lenin hätte das zaristische Russland nicht hinweggefegt, sondern eine Zarentochter geheiratet; Churchill hätte Hitlers Friedensangebot angenommen; die Alliierten wären nicht in der Normandie gelandet; Mao wäre nicht zum grossen Marsch angetreten; Nixon wäre nicht über Watergate gestolpert; Vietnam wäre ein US-Bundesstaat; Berlin wäre immernoch eine zweigeteilte Stadt und Stacheldrahtzäune und Wachtürme gehen mitten durch Deutschland; Europa streckte sich nicht zwischen dem Atlantik und dem Ural aus, sondern zwischen Bonn und Heilbronn; die UNO-Waffeninspektoren würden die US-Arsenale untersuchen und der Irak wäre eine entmilitarisierte Zone...

Das sind ganz und gar risikoreiche Fallbeispiele. Ob wir aus der Geschichte Lehren zu ziehen vermögen, wird erst - die Geschichte zeigen. Ernüchternde Erkenntnis bleibt, dass, ganz egal was wir unternehmen oder eben nicht, immer ein Risiko bleiben wird. Die Technokraten haben dafür einen euphemistisch-zynischen Terminus kreiiert: “Restrisiko”. Zum Krieg braucht es weniger Mut als zum Frieden, aber die Angst vor den Unwägbarkeiten des Frieden sollte uns nicht ratlos werden lassen: die demonstrierende Jugend weist uns einen Weg.


John Wolf Brennan

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