Du hast keine
Chance. Nutze sie! (Herbert Achternbusch)
Krieg und
Frieden: Angst als Ratgeber?
Angst ist die Vorstellung einer Möglichkeit. Was sein könnte,
macht viel mehr Angst als das, was dann wirklich geschieht - oder
eben nicht. Angst kommt von Enge, Beklemmung und ist laut
Volksmund ein schlechter Ratgeber. Nun ist guter Rat teuer, im Sinne
von Mittel, die zum Lebensunterhalt nötig sind (Haus-rat,
Hei-rat, Un-rat, Ge-räte - daraus entwickelte sich Besorgung
von not-wendigen Mitteln, also die Not abwendend). Das Gegenstück
zu Angst wäre also ein guter Ratgeber: im wahrsten Sinne des
Wortes ein Lebens-Mittel.
Bereits im Mittelalter wird RAT auch im Sinne von gutgemeinter
Vorschlag und beratende Versammlung gebraucht: Stadtrat,
Bundesrat, Verwaltungsrat Ein UNO-Sicherheits-RAT dürfte
etymologisch abgeleitet keine Angst vor Entscheidungen
haben, er dürfte sich nicht vor schwierigen Entscheidungen oder
unpopulären Massnahmen drücken, ja er müsste sich geradezu
mutwillig aufs Risiko freuen, weil dieses nämlich alleine seine
Not wenden kann.
Stellen sie sich vor, Alexander der Grosse hätte den gordischen
Knoten nicht gelöst, die Kelten hätten den Römern noch
nachhaltiger getrotzt; Wilhelm Tells Pfeil hätte statt Gessler
einen der verschwörerischen Ur-Schwyzer getroffen; der mongolische
Mogul Dschingis Khan wäre bis nach London oder gar Washington
DC gekommen und die Mauren bis nach Paris oder Brüssel; in Morgarten
und Sempach hätten die Habsburger gesiegt, in Marignano dafür
die Eidgenossen; die Wikinger hätten Amerika nicht nur entdeckt,
sondern so kolonisiert wie später die Spanier; Sankt Peter hätte
die Schweden nicht geschlagen und keine Stadt aus dem Sumpfgebiet
der Neva-Mündung gebaut; Napoleon hätte der damaligen Schweiz
den republikanischen Stempel nicht aufgedrückt; die Ottomanen
hätten Wien erobert; das Veltlin wäre den Ticinesi und Vorarlberg
den St.Gallern zugeschlagen worden; der österreichisch-ungarische
Thronfolger wäre nicht in Sarajewo ermordet worden und die EU
wäre jetzt ein Mitteleuropa nach K. und K. Vorbild; Lenin hätte
das zaristische Russland nicht hinweggefegt, sondern eine Zarentochter
geheiratet; Churchill hätte Hitlers Friedensangebot angenommen;
die Alliierten wären nicht in der Normandie gelandet; Mao wäre
nicht zum grossen Marsch angetreten; Nixon wäre nicht über
Watergate gestolpert; Vietnam wäre ein US-Bundesstaat; Berlin
wäre immernoch eine zweigeteilte Stadt und Stacheldrahtzäune
und Wachtürme gehen mitten durch Deutschland; Europa streckte
sich nicht zwischen dem Atlantik und dem Ural aus, sondern zwischen
Bonn und Heilbronn; die UNO-Waffeninspektoren würden die US-Arsenale
untersuchen und der Irak wäre eine entmilitarisierte Zone...
Das sind ganz und gar risikoreiche Fallbeispiele. Ob wir aus der
Geschichte Lehren zu ziehen vermögen, wird erst - die Geschichte
zeigen. Ernüchternde Erkenntnis bleibt, dass, ganz egal was wir
unternehmen oder eben nicht, immer ein Risiko bleiben wird. Die Technokraten
haben dafür einen euphemistisch-zynischen Terminus kreiiert:
Restrisiko. Zum Krieg braucht es weniger Mut als zum Frieden,
aber die Angst vor den Unwägbarkeiten des Frieden sollte uns
nicht ratlos werden lassen: die demonstrierende Jugend weist uns einen
Weg.
John Wolf
Brennan
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