Publikationen
von 2003


Über Stäubchen und Häubchen

Schuld ist allein die Erfindung des Mikroskops. Mit ihm fing alles an: Die Angst vor den Mikroben. SARS lässt grüssen. Die Panik. Die Hysterie. Denn bevor die Mikroskope wirklich leistungsfähig waren und in den Labors die Atome noch nicht zertrümmert wurden war alles ganz einfach: Staub war das Kleinste, was ist. Fast nicht zu sehen, ein leichtes Kitzeln in der Nase, ein lustig tanzender Schneeflöckchenvorhang im Gegenlicht, ein sanfter Schleier über allen Bilderrahmen, allenfalls mit dem Finger zu spüren. Infolgedessen leicht unter den Teppich zu kehren. Staub sollst Du fressen. Und vergessen.

Aber als die Wissenschaft ihn analysiert hatte, und als Tummelplatz der Milben - Erzfeind einer beängstigend wachsenden Schar von Allergikern - ausgemacht hat, begann der Krieg gegen den Staub, mit Haube und Haubitze. Dank ihm boomte die haushalttechnische Rüstungsindustrie: Forschung, Entwicklung, Produktion. Wie bei jedem Krieg war die Grenze zur Hysterie bald vergessen. Und wie bei jedem Krieg wurde und wird eine wichtige, ja ewige Wahrheit einfach ausgeklammert: man kann ihn nie gewinnen. Staub ist. Bleibt. Wird sein.
Er ist unsere Ahnengalerie. Er ist unsere Zukunft. Von ihm kommen wir her, zu ihm werden wir, schneller als man denken kann. Sogar das, was denkt, wird zur Staub. Auch die Bibliotheksregale, wo die Resultate dieser Denkleistungen aufgebahrt sind... voller Staub.

Nein, dieses martialische Vokabular ist nicht an den Haaren herbeigezogen: Jahrzehnte bevor Robert Koch ihn 1882 als einen der Wohnorte der Tuberkulose-Erreger identifiziert hatte, war Staub zum “schlimmsten Feind der Hausfrau“ erklärt worden. Dem zu Leibe zu rücken genügten Teppichklopfer und Bürste nicht mehr: Mit der Erfindung rotierender Teppichbürsten in den 1840er-Jahren nahm eine Entwicklung ihren Ausgang, die über die Serienfertigung diverser Staubsaugermodelle über Handsauger für Auto und Wohnwagen bis hin zu den neuesten,vollautomatischen “Trilobite”-Robotern führte, komplett mit ausgeklügeltem Navigationssystem, damit er sich im häuslichen Puff nicht verirren kann.

Staubsaugen gilt heute als banale Angelegenheit, die vom wackeren Hausmann (gerüchteweise soll es auch noch Haus-Frauen geben...) nebenher erledigt wird. Als im ausgehenden 19.Jahrhundert die möglichen gesundheitlichen Gefahren des Staubes entdeckt wurden, war er buchstäblich in aller Munde: die traditionellen Entfernungsmethoden ­ Kehren, Wischen, Klopfen ­ wirbelten den Staub eher auf, als dass sie ihn gründlich beseitigten. Der elektrische Staubsauger, der Anfang des 20.Jahrhunderts auf den Markt kam, versprach eine rationelle und hygienische Lösung des Problems. Mit grossem propagandistischen Aufwand wurde nun den Hausfrauen diese “fortschrittliche“ Methode der Staubbekämpfung nahe gebracht. In der abgestaubten Sprache der Werbetexter heisst das: “Dieser Staubsauger reinigt auch die Luft”, “glanzvoller Auftritt für unsere Stars”, “optimaler Staubbeutel-Verschluss”, “Teleskoprohr aus Edelstahl”, “elektronische Saugkraftregulierung”.

Heute wird den Staubkörnern täglich millionenfach der Garaus gemacht, porentief, radikal und sackstark. Tröstlich für die Staubsaugerhersteller: Die nächste Staubschicht senkt sich bestimmt, im Hier und Jetzt, auf alle Niederungen. Nach dem Motto “S.A.L.V.E. - Staubkörner aller Länder vereinigt Euch” werden die versammelten Blüten-, Pollen-, Sahara- und Industriestäubchen häubchenweise ihre Niederlassung durchsetzen ­ ganz ohne fremdenpolizeiliche Bewilligung.


John Wolf Brennan

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