Über Stäubchen und Häubchen
Schuld ist allein die Erfindung des Mikroskops. Mit ihm fing alles an:
Die Angst vor den Mikroben. SARS lässt grüssen. Die Panik.
Die Hysterie. Denn bevor die Mikroskope wirklich leistungsfähig
waren und in den Labors die Atome noch nicht zertrümmert wurden
war alles ganz einfach: Staub war das Kleinste, was ist. Fast nicht
zu sehen, ein leichtes Kitzeln in der Nase, ein lustig tanzender Schneeflöckchenvorhang
im Gegenlicht, ein sanfter Schleier über allen Bilderrahmen, allenfalls
mit dem Finger zu spüren. Infolgedessen leicht unter den Teppich
zu kehren. Staub sollst Du fressen. Und vergessen.
Aber als die Wissenschaft ihn analysiert hatte, und als Tummelplatz
der Milben - Erzfeind einer beängstigend wachsenden Schar von
Allergikern - ausgemacht hat, begann der Krieg gegen den Staub, mit
Haube und Haubitze. Dank ihm boomte die haushalttechnische Rüstungsindustrie:
Forschung, Entwicklung, Produktion. Wie bei jedem Krieg war die Grenze
zur Hysterie bald vergessen. Und wie bei jedem Krieg wurde und wird
eine wichtige, ja ewige Wahrheit einfach ausgeklammert: man kann ihn
nie gewinnen. Staub ist. Bleibt. Wird sein.
Er ist unsere Ahnengalerie. Er ist unsere Zukunft. Von ihm kommen
wir her, zu ihm werden wir, schneller als man denken kann. Sogar das,
was denkt, wird zur Staub. Auch die Bibliotheksregale, wo die Resultate
dieser Denkleistungen aufgebahrt sind... voller Staub.
Nein, dieses martialische Vokabular ist nicht an den Haaren herbeigezogen:
Jahrzehnte bevor Robert Koch ihn 1882 als einen der Wohnorte der Tuberkulose-Erreger
identifiziert hatte, war Staub zum schlimmsten Feind der Hausfrau
erklärt worden. Dem zu Leibe zu rücken genügten Teppichklopfer
und Bürste nicht mehr: Mit der Erfindung rotierender Teppichbürsten
in den 1840er-Jahren nahm eine Entwicklung ihren Ausgang, die über
die Serienfertigung diverser Staubsaugermodelle über Handsauger
für Auto und Wohnwagen bis hin zu den neuesten,vollautomatischen
Trilobite-Robotern führte, komplett mit ausgeklügeltem
Navigationssystem, damit er sich im häuslichen Puff nicht verirren
kann.
Staubsaugen gilt heute als banale Angelegenheit, die vom wackeren
Hausmann (gerüchteweise soll es auch noch Haus-Frauen geben...)
nebenher erledigt wird. Als im ausgehenden 19.Jahrhundert die möglichen
gesundheitlichen Gefahren des Staubes entdeckt wurden, war er buchstäblich
in aller Munde: die traditionellen Entfernungsmethoden Kehren,
Wischen, Klopfen wirbelten den Staub eher auf, als dass sie
ihn gründlich beseitigten. Der elektrische Staubsauger, der Anfang
des 20.Jahrhunderts auf den Markt kam, versprach eine rationelle und
hygienische Lösung des Problems. Mit grossem propagandistischen
Aufwand wurde nun den Hausfrauen diese fortschrittliche
Methode der Staubbekämpfung nahe gebracht. In der abgestaubten
Sprache der Werbetexter heisst das: Dieser Staubsauger reinigt
auch die Luft, glanzvoller Auftritt für unsere Stars,
optimaler Staubbeutel-Verschluss, Teleskoprohr aus
Edelstahl, elektronische Saugkraftregulierung.
Heute wird den Staubkörnern täglich millionenfach der Garaus
gemacht, porentief, radikal und sackstark. Tröstlich für
die Staubsaugerhersteller: Die nächste Staubschicht senkt sich
bestimmt, im Hier und Jetzt, auf alle Niederungen. Nach dem Motto
S.A.L.V.E. - Staubkörner aller Länder vereinigt Euch
werden die versammelten Blüten-, Pollen-, Sahara- und Industriestäubchen
häubchenweise ihre Niederlassung durchsetzen ganz ohne
fremdenpolizeiliche Bewilligung.