Publikationen
von 2004


 
Eine nikolausige Adventsgeschichte

Aus Samichlausens Tagebuch

Im schwarz vermummten Küssnacht haben sie mich wieder mal durch alle Gassen gejagt, die ausdauernd sturen weissgewandeten Trychler mit ihren übergrossen Fruchtbarkeitsymbolen, Ochsenhornmuhen und Geislechlöpfe. Am Glanz der kerzenbeleuchteten Mitras (hierzulande von den Sennen “Yffele” genannt) kann ich mich nicht sattsehen, aber auf den Lärm könnte ich gerne verzichten. Kaum Zeit für Glühwein – und letzte Woche musste ich soviele Kinder und Altersheime besuchen, dass mir trotz neuestem MYR-TEC-Pendolino-Rentierschlitten und kometenschweifgetriebenem Bischofsstab der Schnauf ausging.

Zwar bin ich noch ziemlich rüstig für mein Alter, aber so langsam fahren mir die anderthalb Jahrtausende doch in die Knochen, und das Gedächtnis lässt nach. Auch war es schon leichter, qualifiziertes Personal zu finden. Seit ich ständig für allerlei Schoggisamichläuse Modell stehen muss, die Schmutzli-Gewerkschaft die 33-Stunden-Woche durchgesetzt hat, Restaurants bereits im Oktober mit der Weihnachtsdekoration beginnen und Tankstellenshops überall bis spätabends geöffnet sind, hab ich kein einziges Wochenende mehr frei. Da helfen auch Globalbudgets, flächendeckende Marketingkonzepte, lasergesteuerte Förderbänder mit nummernkodierter Gschänkli-Verteilung und früheng(e)lische Chorbegleitung nicht viel. Undank ist der Welten Sohn! Früher war das anders. In der Türkei (meine Heimat möchte neuerdings EU-Mitglied werden) wurde ich als Heiliger verehrt. Ich konnte meine Mitarbeiter aus einer Vielzahl von Bewerbungen auswählen. Die Leute waren noch echt dankbar. Ein begabter Musiker aus Zwickau hat mir 1848 in seinem “Album für die Jugend“ ein tolles Klavierstück gewidmet und es “Knecht Ruprecht“ getauft. Ich hab ihn dafür sechs Jahre später aus dem kalten Rhein gezogen, in den er sich in einem Anfall von halluzinatorischer Herbstdepression gestürzt hatte.

Einige mögen in mir noch den legendären Heiligen sehen, dessen Leben anderen zum Vorbild dienen kann. Den meisten ist es wohl gleichgültig, ob ich in Patras, Lykien, Bagdad oder Sion geboren wurde. Mein Name reduziert sich auf das Erkennungszeichen der Adventszeit Als Geschenkebringer, vielleicht als pädagogisch motivierter Kinderschreck bin ich – wie es scheint – gerade bei antiautoritären Erziehungsberechtigten und alleinerziehenden Vätern hoch willkommen. Für viele bin ich aber wohl eher ein sentimentales Relikt, Ikone einer unwiederbringlich verlorenen Vergangenheit.

Sei's drum. 1500 Jahre Tradition, legendäre Überhöhung, frömmste Inbrunst, kitschigste Verniedlichung und gnadenloseste Vermarktung, alljährlicher Aufmarsch von Schogginikoläusen in Supermarktregalen, pädagogische Instrumentalisierung, folkloristische Einvernahme und werbemässige Trivialisierung habe ich erstaunlich gut überstanden. Trotz allem gibt es mich noch, und wer Augen hat zu sehen, entdeckt hinter glitzernden Fassade ein Stück der Botschaft des alten Bischofs von Myra, die in Legende und Brauchtum erhalten wurde. Paradoxerweise ist es nämlich durchaus zeitgemäss, sich mit dem Zeitlosen zu beschäftigen! Jedenfalls freue ich mich über die Sprüchlis der Kinder, die sie mir jedes Jahr mit leuchtenden Augen und besorgtem Schielen auf den grossen Sack aufsagen.


Drei “last-minute-Tipps“ für garantiert kurzweilige Weihnachtslektüre:
David Sedaris: Holidays on Ice. Deutsch
von Harry Rowohlt. Diana-Taschenbuch
Bastian Sick: Der Datim ist dem Genitiv sein Tod. KiWi
Markus Werner: Am Hang. S.Fischer


John Wolf Brennan

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