Eine nikolausige Adventsgeschichte
Aus Samichlausens Tagebuch
Im schwarz vermummten Küssnacht haben sie mich wieder mal durch
alle Gassen gejagt, die ausdauernd sturen weissgewandeten Trychler
mit ihren übergrossen Fruchtbarkeitsymbolen, Ochsenhornmuhen
und Geislechlöpfe. Am Glanz der kerzenbeleuchteten Mitras (hierzulande
von den Sennen “Yffele” genannt) kann ich mich nicht
sattsehen, aber auf den Lärm könnte ich gerne verzichten.
Kaum Zeit für Glühwein – und letzte Woche musste
ich soviele Kinder und Altersheime besuchen, dass mir trotz neuestem
MYR-TEC-Pendolino-Rentierschlitten und kometenschweifgetriebenem
Bischofsstab der Schnauf ausging.
Zwar bin ich noch ziemlich rüstig für mein Alter, aber
so langsam fahren mir die anderthalb Jahrtausende doch in die Knochen,
und das Gedächtnis lässt nach. Auch war es schon leichter,
qualifiziertes Personal zu finden. Seit ich ständig für
allerlei Schoggisamichläuse Modell stehen muss, die Schmutzli-Gewerkschaft
die 33-Stunden-Woche durchgesetzt hat, Restaurants bereits im Oktober
mit der Weihnachtsdekoration beginnen und Tankstellenshops überall
bis spätabends geöffnet sind, hab ich kein einziges Wochenende
mehr frei. Da helfen auch Globalbudgets, flächendeckende Marketingkonzepte,
lasergesteuerte Förderbänder mit nummernkodierter Gschänkli-Verteilung
und früheng(e)lische Chorbegleitung nicht viel. Undank ist der
Welten Sohn! Früher war das anders. In der Türkei (meine
Heimat möchte neuerdings EU-Mitglied werden) wurde ich als Heiliger
verehrt. Ich konnte meine Mitarbeiter aus einer Vielzahl von Bewerbungen
auswählen. Die Leute waren noch echt dankbar. Ein begabter Musiker
aus Zwickau hat mir 1848 in seinem “Album für die Jugend“ ein
tolles Klavierstück gewidmet und es “Knecht Ruprecht“ getauft.
Ich hab ihn dafür sechs Jahre später aus dem kalten Rhein
gezogen, in den er sich in einem Anfall von halluzinatorischer Herbstdepression
gestürzt hatte.
Einige mögen in mir noch den legendären Heiligen sehen,
dessen Leben anderen zum Vorbild dienen kann. Den meisten ist es
wohl gleichgültig, ob ich in Patras, Lykien, Bagdad oder Sion
geboren wurde. Mein Name reduziert sich auf das Erkennungszeichen
der Adventszeit Als Geschenkebringer, vielleicht als pädagogisch
motivierter Kinderschreck bin ich – wie es scheint – gerade
bei antiautoritären Erziehungsberechtigten und alleinerziehenden
Vätern hoch willkommen. Für viele bin ich aber wohl eher
ein sentimentales Relikt, Ikone einer unwiederbringlich verlorenen
Vergangenheit.
Sei's drum. 1500 Jahre Tradition, legendäre Überhöhung,
frömmste Inbrunst, kitschigste Verniedlichung und gnadenloseste
Vermarktung, alljährlicher Aufmarsch von Schogginikoläusen
in Supermarktregalen, pädagogische Instrumentalisierung, folkloristische
Einvernahme und werbemässige Trivialisierung habe ich erstaunlich
gut überstanden. Trotz allem gibt es mich noch, und wer Augen
hat zu sehen, entdeckt hinter glitzernden Fassade ein Stück
der Botschaft des alten Bischofs von Myra, die in Legende und Brauchtum
erhalten wurde. Paradoxerweise ist es nämlich durchaus zeitgemäss,
sich mit dem Zeitlosen zu beschäftigen! Jedenfalls freue ich
mich über die Sprüchlis der Kinder, die sie mir jedes Jahr
mit leuchtenden Augen und besorgtem Schielen auf den grossen Sack
aufsagen.
Drei “last-minute-Tipps“ für garantiert kurzweilige
Weihnachtslektüre:
David Sedaris: Holidays on Ice. Deutsch
von Harry Rowohlt. Diana-Taschenbuch
Bastian Sick: Der Datim ist dem Genitiv
sein Tod. KiWi
Markus Werner: Am Hang. S.Fischer
John
Wolf Brennan