Dürrenmatt – nicht nur für alte Damen
Die Welt als Fall – im doppelten Sinne des Wortes: als bald
pathologischer, bald krimineller Fall des “Kommissar Dürrenmatt“,
den dieser allerdings auch nicht zu lösen weiss, für den
er aber immer wieder neue, oft überraschende, nicht selten erschreckende
Metaphern [er]findet; und als Fall ins Bodenlose, im freien Fall
durch den endlosen Tunnel, akribisch genau beobachtet vom Beobachter
der Beobachter des Beobachters.
So führt Dürrenmatt die Leser in ein undurchdringliches
Labyrinth, entführt sie in ein Durcheinandertal, verführt
sie zur Hybris des Turmbaus, zur herkulischen Ausmisterei im Augiasstall,
vorbei am Richter und seinem Henker, lässt sie eine Panne erdulden,
den Meteor sehen, die Physiker spüren, den Besuch der alten
Dame erleiden und die Schweiz als Gefängnis erleben, in der
die Gefangenen gleichzeitig die Bewacher sind, die Zellen als Innenwelt
der Aussenwelt der Innenwelt.
Weit und breit ist keine moralische Instanz zu sehen, welche vor
diesem Absturz Halt auf sicherem Boden bieten könnte. Kein kantig-kategorischer
Imperativ ist zur Stelle, um den alltäglichen Macho-Machenschaften
Einhalt zu gebieten. Die politischen, wissenschaftlichen und kirchlichen
Autoritäten haben sich längst selber desavouiert, korrumpiert,
als Mittäter und Mitmacher entlarvt. Und auch die hehre Welt
der Kunst ist Teil dieses zynischen Mechanismus, ob sie will oder
nicht, macht wacker mit, giesst da ein bisschen Oel ins Feuer oder
hier Sand ins Getriebe, was letzten Endes das System nur stärkt.
Ein Fall als Fall ins Bodenlose. Die Höllenmaschine tickt weiter.
Nach Verdun, Warschau, Ausschwitz, Stalingrad und Hiroshima breiten
sich ihre Metastasen überall weiter aus, von Saigon bis Sarajewo,
von Ruanda bis Bogotà, von Belfast bis Bagdad, von Gaza bis
Grosny.
Obwohl Doc, die Hauptfigur im Stück «Der Mitmacher»,
keck behauptet, “Morden rentiere sich heute nicht mehr”,
produzieren seine Nachfolger heute nicht nur A-, B- und C-Waffen
aller Art. Sie haben sein Massenvernichtungs-Arsenal unerhört “intelligent“ aufgerüstet
mit Cruise Missiles, Ueberwachungssatelliten, lasergesteuerten Smart
Bombs, Stealth-Flugzeugen, Bulldozer-Panzern, urangehärteter
Munition, Interkontinentalraketen und ferngesteuerten Drohnen. Dazu
kommt eine monströse Millionenzahl an Landminen, oft als Kinderspielzeug
getarnt. Eine Tochterfirma von Doc stellt die Prothesen und Rollstühle
her und schafft damit - zynisch kalkuliert - hochwillkommene Arbeitsplätze
in wirtschaftlichen Randregionen, just-in-time, lean gemanagt, quality
controlled und gnadenlos globalisiert.
Der bald morbide, bald nekrophile Zynismus von Doc‘s Boss
reduziert die Mord- und Gewaltopfer auf ein “hygienisches Problem”,
welches trotz der drohenden Umweltverschmutzung im Krematorium “entsorgt” werden
muss. Da kommt die Doc-Erfindung des “Nekrodialysators” gerade
rechtzeitig... Die Welt als Vexierspiel. Mitmacher sind wir alle.
John
Wolf Brennan