Good vibrations
Das Meisterstück der Beach Boys ist ein Meilenstein der Popmusik:
kühne Vokalharmonien, rhythmisch federnde Strandmatten und ein
grandios-arios eingesetztes Teremin machten aus dem Dreiminutensong
eine dramaturgisch klug gebaute Minioper, die sich 1969 auf den ersten
Platz der Charts katapultierte. Good, good, good, good vibrations....
Im gleichen Jahr hatte Beate Uhse europaweit bereits mehr als 160‘000
Vibratoren verkauft. Massagestäbe gehörten schon damals
so selbstverständlich zum Schlafzimmer-Inventar wie Nackenrolle
und Radiowecker. Dunkelrot gerippt, mit dezenter Tonlage – so
ruht er in der Schublade und wartet auf weibliche Lust und Launen.
Im Gegensatz zu den Vertretern des starken Geschlechts sind Dildos
geduldig und pflegeleicht. Sie lassen weder dreckige Unterhosen auf
dem Boden liegen, noch riechen sie meilenweit nach Migros-Aftershave,
lesen Zeitung im Bett oder klingeln im falschen Moment an der Haustür.
Ausserdem benötigen sie lediglich zwei Batterien und leiden
nie an erektilen Dysfunktionen.
Nach einer steilen Karriere hat es der Vibrator heute zum obligatorischen
Haushaltaccessoire geschafft. Auf dem einschlägigen Markt existiert
eine Vielzahl von Modellen, vom überlebensgrossen Tyrannosaurus
Rex Dildo – der bei Vollgas so laut brummt wie eine Harley
Davidson am Gotthardpass – über den eleganten Damentröster
mit garantierter Tiefenentspannung im Colani-Design bis zum mauvefarbenen
Vollplastik-Lümmel, der zur Not auch als Philipp-Starck-Handstaubsauger
durchgehen würde, dabei aber den Charme einer Braun-Munddusche
ausstrahlt. Modecreateurs auf der Höhe des Zeitgeistes formen
die Zauberstäbe gerne nach realen CEO-Vorbildern der Business
Class (je abzock desto rock), aber wie so oft zählen die inneren
Werte: Hauptsache deutscher Motor und ein handfestes Leistungsprofil.
Erfunden wurde der stets aufgestellte Stabsoffizier übrigens
bereits 1869 in den USA von Dr. George Taylor. Der damals so genannte “Manipulator” war
allerdings nicht so handlich wie heutige Modelle, eher glich er einer
Dampfmaschine. Er war auch nicht für den häuslich-autoerotischen
Ersatz-Einsatz gedacht, sondern als klinisches Therapiegerät
zur Behandlung der damals häufig diagnostizierten
Frauenkrankheit “Hysterie”, die von den Medizinmännern
eigenhändig mit Hilfe “manueller Stimulation” behandelt
wurde, zwecks Erzeugung eines “hysterischen Paroxysmus” – heute
auch bekannt unter dem Begriff Orgasmus. When Harry met Sally...
Mit der Erfindung des Vibrators erledigten sich zeitaufwendige Handlangerdienste.
1880 kam das erste motorisierte mobile Gerät auf den Markt,
das sich für den dil(do)ettierenden Hausgebrauch eignete. 124
Jahre später lässt sich jedes Handy auf Knopfdruck in einen
wacker vibrierenden Freudenspender verwandeln, nicht nur von Beach
Boys – mindestens solange die Tastensperre eingeschaltet bleibt
und der Akku nicht schlapp macht. Good vibrations...
John
Wolf Brennan