Güdelmäntig: ein Totentanz mitten im Sommer
Ein warmer Septemberabend. Sargtoni, der Sargschreiner, hört
aus der Unterwelt seltsame Töne. Greift der Tod nach ihm? Es
kann nicht sein, denn Sargschreiner, das weiss er, sterben nur zur
Fasnachtszeit. Da taucht aus der Unterwelt Zylindertoni auf. Er gleicht
Sargtoni aufs Haar und zettelt mitten im August eine fröhliche
Fasnacht an. Sargtoni wehrt sich verzweifelt, aber gegen den geheimnisvollen
Zylindertoni und dessen Sommerfasnacht bleibt er machtlos. Schliesslich
begreift Sargtoni, dass der mit dem Zylinder sein Tod ist. Jetzt
kann er sich mit seiner Doppelrolle abfinden, setzt sich stolz den
Zylinder auf und fährt in einer Fasnachtsgondel, vom maskierten
Chor verabschiedet, in die andere Welt hinüber: vom Sommer direkt
in den Winter.
So beschreibt Thomas Hürlimann sein Libretto zur Dialekt-Sprechoper “Güdelmäntig”,
welche am nächsten Samstag 11. September (sic!) ihre Luzerner
Premiere im Theater La Fourmi erleben wird. Der “wundersame
Totentanz” (so Regisseur Livio Andreina) beginnt ganz verhalten,
auf dem Friedhof, wo ein einsamer Sargtoni sich selber vorspielt,
ab- und aufgeklärt zu sein. In seine bald jovialen, bald melancholischen,
nie zynischen Ausführungen mischen sich erste, ganz leise Zwischentöne
aus der Unterwelt, welche sich im Verlauf der Handlung zu ausgewachsenen
Instrumental- und Chorstücken entwickeln. Quasi als Leitmotiv
kommen dabei von Anfang an “Guggentöne” vor, die – zunächst
kaum bemerkbar, später immer deutlicher in einer schrillen Ouver/Undertüre
enden – quasi eine “Inkarnevaleskalation”.
Der innere Monolog wird zum äusseren Dialog. Das Ende ist allerdings
nur ein vorläufiger Trugschluss: genau so wie Sargtoni noch
lange die Existenz seines Alter Egos leugnet, schiebt er das unausweichliche
Ende hinaus, bis die venezolanische Gondel ihn doch noch ein- und
abholt.
Chor und Kinderchor übernehmen auch choreographische Funktionen – als
ein aus Chorsäulen gebildetes, wandelndes Bühnenbild hinter
der Friedhofsmauer zum Beispiel, oder als Beizenpublikum. Die Hauptfigur
spricht (als Sargtoni) und manchmal singt sie auch (als Zylindertoni).
Kurze Soli ergänzen die Klangfarbenpalette, ebenso die Kinderchor-Einsätze.
Das Stück endet dann in der Stille – oder doch nicht ganz:
plötzlich erhebt sich ein Quodlibet aus Fasnachts-, Gondola-,
Beizen-, Chriesigarten- und Metamorphosenklängen – keine
Hexerei, sondern der ganz normale tägliche Wahnsinn, vom Kopf
auf die Füsse gestellt.
Güdelmäntig - eine Sprechoper für einen Schauspieler,
Chor und Orchester. Text: Thomas Hürlimann, Musik: John Wolf
Brennan, Schauspiel: Michael Wolf, Regie: Livio Andreina, Leitung:
Thomas Baldinger. Théâtre La Fourmi, Luzern.
Reservation: Kulturforum Luzern
John
Wolf Brennan