Nachrichten aus dem Heidiland
Heidy? Um Hymmels Wyllen? Neyn, das tönt ja mehr nach Hollywood
als nach Heymat, also schloynigst retour zum Heidi. Ischt dies nicht
viel bissir? Ab in die dysfunktionale Idylle. ”Auf dem Weg
zum Alpöhi auf der Alp Schwarzbüel am Pizol erzählen
liebevoll gestaltete Bildtafeln die tollen Abenteuer von Heidi und
Geissenpeter.” So versprichts der Reiseführer, und so
machen wir uns gemütlich auf den Weg. Schon von weitem sehen
wir die ächten Schwiizer schaffen. Alpöhi sägt Rundhölzer
auf zwei Böckli. Er trägt ein graues Wollwams, olivgrüne
Filzhosen und schwarze Militärschuhe. Der Tornister steht neben
dem sauber geputzten Stall.
Überm offenen Holzfeuer brodelt die Gerstensuppe im Chessi.
Statt Grossbanken hat es Patrio-Tische & Bänklis, auf denen “Stammhöckli
Jahrgang 1940“, “Gruss von der Kochzunft“ oder “Engstringer
Bauernkapelle” eingeschnitzt ist. Alpöhi raucht, schmaucht
Pfeife. Auf seiner Baseballmütze ist – logo! – “Switzerland” eingestickt.
Kein Klischee fehlt, nirgends. Hier ist die Schwyz noch in Ordnung.
Alpöhi kännt sich mit Ussländern uus. Mit Inline Skates,
Mountainbikes, gruppendynamischen Managerteam-Biwaks und Nordic Walking
haben sie längst das Heidiland erobert, weshalb der grösste
Sport-Event hierzulande auch “Pizol Challenge” heisst.
Da ist ein Blick auf das Alplermenü tröstlich: Urschwiizerisches
wie Alpöhihörnli, Alpchäs, Kägi-Fret, Linzertorte
(na ja, die Habsburger kamen ja ursprünglich aus dem Aargau),
Hirschsalziz, Maienfelder, Heidiwasser.
Wir Primos (in der “Suisse primitive“, wie die Welschen
die Innerschweiz nennen) hätten da einiges zu überdenken
in unserem
denkfaulen Staat: souverän und mit gütiger Unterstützung
von SVP und Rundschau-Rasern haben wir bei der letzten Abstimmung
den Secondos und Terzos wieder mal gezeigt, wo Gott hockt, bzw. dass
er den roten Pass vorderhand nicht einfach hergibt, bloss weil man
in diesem Land geboren ist und Dialekt spricht – das fählti
ja grad no! Dä Pass muess abverdienet sy! Keyn Asyl für
erleychterte Eynbürger!
Schweizermachen ist in Heidis Namen halt ein Schaukäserei-Prozess,
der erduldet werden will. Der gleichnamige Film mit Emil ist nid öppe
ein Uuslaufmodell aus dem letzten Jahrhundert, sondern geltendes
Recht. In diesen gefährlichen Zeiten eines vom Bosporus bis
zur irischen See zusammenERwachsenden Europas erscheint die Restauration
offenbar einer Mehrheit als die einzig richtige Haltung. Schon vor
40 Jahren schrieb Max Frisch: “Ein Herrenvolk sieht sich in
Gefahr. Es hat Arbeitskräfte gerufen, und es sind Menschen gekommen.“ Pech
also für die Secondos & Terzos – sollen sie doch hinter
die sieben Churfirsten zurück, zu den sieben Zwergen am Walensee,
nach Unterterzen, Quarten, Quinten... und das Heidiländ blinzelt
schön ums Sarganser Eck.
John
Wolf Brennan