Nebel spalten und selber atmen!
Vor einigen Jahren kursierte im Humor-Magazinen “Nebelspalter” eine
Karikatur: hinter einem grossen Pult sass ein mit allen Wässerchen
gewaschener Therapeut, und auf seinem Büchergestell hinter ihm
thronte das Buch der Bücher mit dem lapidaren Titel: “Selber
atmen”.
Was damals ein mildes Witzchen war, in dem der Esoterik-Boom und
der allseits grassierende Therapismus auf die Schippe genommen wurde,
ist heute für viele Menschen traurige Realität. Ein ständig
wachsender Teil der Bevölkerung leidet nämlich unter allergischen
Erkrankungen der Atemwege, unter Athma, spastischer Bronchitis und
pfeifender Atmung.
Der ursächliche Zusammenhang mit der zunehmenden Luftverschmutzung
und insbesondere des Tabakkonsums ist dabei längst wissenschaftlich
erhärtet. Der Tabaklobby ist es hierzulande allerdings gelungen,
durch eine massive Werbekampagne (“Stopp Werbeverbote”)
die Schweiz punkto Rauchprävention wieder zurück ins Mittelalter
zu schiessen. Nirgends in Europa (von Kanada und Nordamerika ganz
abgesehen) wird eine Mehrheit (der Nichtraucher) von einer Minderheit
(der Raucher) dermassen belästigt wie in dem Land, das auf seine
freiheitliche Vergangenheit so stolz ist. Im Zweifelsfall scheint
die Freiheit für die Tabak- und Werbeindustrie zu gelten, nicht
aber für ein ganz elementares Menschenrecht: das Recht auf Atmen,
das Recht auf Gesundheit, das Recht auf saubere Luft.
In Schweizer Restaurants beispielsweise ist es bis heute sehr schwierig,
einen wirklich rauchfreien Platz zu kriegen — das “Nichtraucher”-Schild
hilft wenig, wenn vom Nachbartisch her die Schwaden qualmen. Und
oft genug bieten die Nichtraucherabteile der SBB eine Aromatherapie
der zweifelhaften Art, wobei süssliche Harzdüfte mit einer
schweren Nikotin- und Teergrundierung das Herz- und Schmerzstück
dieses ungebetenen Parfüms bilden. Die Schifffahrtsgesellschaft
Vierwaldstättersee SGV hat hier einmal mehr die Nase vorn und
eine weitere Pionierrolle eingenommen, indem sie gleich das ganze
Schiff zur rauchfreien Zone erklärt hat. Für Raucher, die
es nicht lassen können, gibts drinnen ein Stehtischchen oder
die frische Luft. Das ist aber kein Trost für die vielen Pendler,
die nicht das Privileg haben, täglich mit dem Schiff zur Arbeit
fahren zu können. Deshalb gibt es nur eins: auf die Hinterfüsse
stehen und laut die Stimme der schweigenden Nichtrauchermehrheit
erheben, auf dass sich die Schwaden endlich dorthin verziehen, wo
sie scheinbar so leichtfertig toleriert wurden: ab ins Bundeshaus.
Wetten, dass ein hustendes, tränendes Parlament dann plötzlich
seine Meinung anders vernehmlassen würde, und im qualmenden
Nebelmeer dann der Ruf nach einem Nebelspalter erschallen würde,
der die Teerpartikel wegblochert und ausmerzt?
John
Wolf Brennan