SEElenlandverwandtschaften
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eine Ode an den Vierwaldstättersee
Ein durchschnittlicher Wassertropfen braucht 3 Jahre und 3 Wochen
für seine liquide Reise von FLüELEN nach LUZERN; und obwohl
sie – geneigter Leser, geneigte Leserin – selber zu 73%
aus H2O bestehen, können sie diesselbe Strecke in wenig mehr
als 3 Stunden bewältigen. Eine Schifffahrt auf dem Vierwaldstättersee
ist erst noch bei jedem Wetter ein überwältigendes Erlebnis,
das in seiner Intenseetät mindestens 3 Tage lang nachwirken
wird, gerade auch bei Nebel, Dunst, Schnee und Rauhreif, hinter dem
die ganze See(len)landschaft in ein mystisch-mythisch entrücktes
Parallel-Universum entschwebt, eine reizvolle Verfremdung des (oft
nur scheinbar) Altbekannten in einer Vollkommenheit, von der Verpackungskünstler
wie Christo nur träumen können.
Lagunaler Steckbrief: Lago mio!
Bevor man(n) sich in eine Liebesaffäre stürzt, sollten
die wichtigsten Masse der Angebeten bekannt sein: sieben Arme, zwei
Nasen (eine obere aus dem Vitznauer-, eine untere aus dem Bürgen-Stock
ragend), ein breites Becken, das zwischen BECKENRIED und GERSAU eine
schon fast philosophische Defini-Tiefe von 214 Metern erreicht, auf
434 Meter über Meer gelegen, ausgestreckt eine imposante Fläche
von 114 km2 und eine Uferlänge von 129 km umarmend, mit 109
m3 mittlerer Abflussmenge der Reuss in Luzern eine bereits nicht
mehr bloss latent zu nennende Inkontinenz aufweisend.
Arche Noah auf Zeit
ZEN und die Kunst, aufs Motorschiff zu warten, Dampf abzulassen
(das klappt nicht nur auf den Dampfschiffen vorzüglich), die
Beine zu strecken und den Kopf zu lüften: auch im tiefsten Winter
kann man – eingepackt in eine warme Jacke – nach draussen
gehen, über die Grenzlinien zwischen Himmel und Erde, Erde und
Wasser sinnieren, wie der feste Boden unter den Füssen wenigstens
temporär mit einem schwimmenden, beweglichen Standpunkt einzutau(s)chen
wäre, in gelassener Heiterkeit vom Bug zum Heck und zurück
spazieren, die Aussicht auf dem Oberdeck geniessen, mit den Möwen
und Schiffshörnern um die Wette heulen und kreischen, einen
sehnsüchtigen Blick auf die Kapitänskajüte zu werfen,
die eleganten Anlegemanöver und Seilwurftricks der (auch weiblichen)
Mannschaft mitverfolgen, dem Stillstand der Zeit im Nebel nachlauschen.
Das Schiff ist eine schwimmende Insel, eine kleine überschaubare
Welt, eine zufällig zusammengewürfelte Nation auf hoher
See, eine Arche Noah auf Zeit.
Schifffischen, Fischschiffe
Im Gegensatz zum Auto, in dem man eingeklemmt ist wie in einer heimeligen
Sardinenbüchse, und den chronisch überfüllten Zugsabteilen,
wo es auch im Nichtraucherbereich meist nach süsslichem Gras
riecht und jede Minute jemand aufgeregt am Natel berichtet, wo er
sich gerade befindet, herrscht hier Ruhe: die grosse Freiheit, zu
gehen oder sich gehen zu lassen, den schon längst gekauften
Mankell-Krimi endlich zu lesen, bei Kaffee und Kuchen die Krümel
zu zählen, die Anleitung zur neuesten japanischen Digitalkamera
endlich mal einem gründlichen Studium und die fleckige Sonnenbrille
einer pedantischen Reinigung zu unterziehen, Sonnencremeschutzfaktoren
zu vergleichen, den überproportionalen Zunahme der Petflaschen
in ihren Rucksack-Netzfächern oder den Geheimnissen der neuesten
Tattoos und Piercings auf die Spur zu kommen, in Gedanken Fische
zu verschiffen oder einfach mit den Augen nach anderen Schiffen zu
fischen, ganz ohne Patent, Angel und Rute.
Capo di Lago: Ursee.le
Blick zurück, vorbei an der verlassenen Sprengstofffabrik im
gut abisolierten Isleten, dem leicht melancholischen Gefühl
nachtrauernd, hier endlich am Ende der Welt gelandet zu sein. Vorbei
an den verblüffend aufgetürmten, tollkühn aufgeworfenen
gekurvten Felsschichten des Fronalpstockmassivs am wilden Urnersee,
der nicht nur bei Föhnsturm seinem Urnamen alle Ehre einlegt,
vorbei an dem schillernden Obelisken aus Obelixens Hinkelstein-Depot,
die goldenen Lettern zum Schillersteinerweichen in der Abendsonne
glänzend, den Blick bergauf gerichtet zu den bald bedrohlich,
bald beruhigend blinkenden Horizontlinien, unterbrochen von den Interpunktionszeichen
der “Land Art”, von einsamen Kapellen und Kreuzen, solitären
Baumkronen auf Kreten, Seilbahnen in Krachen und Hochspannungsleitungen über
gähnende Abgründe gespannt, in der Abendsonne hell beschienen
oder im scharf ausgestanzten schwarzen Scherenschnitt des Gegenlichts
irisierend.
Die treibende Kraft der Lichtfinger
Die Strahlenorgel der Sonne breitet ihre langen Lichtfinger über
Kuppen und Kimmen, Sattel und Grate, Rücken und Balme aus, erleuchtet
die gegenüber stehenden Felsfassaden und schiebt die Nebelkrone
vor sich her, die Silhouette einem ständigen Wandel unterziehend:
die einzige Konstante ist die ewige Variation. Weiter geht die schäumende
Fahrt mit dem Cantus Firmus des tuckernden Dieselmotorenratterns,
vorbei an der schynigen TELLSPLATTE mit dem heimeligen Wasserbeizli
am Weg der Schweiz, der nahe am Ufer über Stock und Stein verläuft
und trotz allerlei obrigkeitlicher Belehrungen angenehm leer bleibt,
mit TREIBender Kraft voraus, das Panorama der majestätischen
Mythen im Blickfeld und die breitschultrige Pyramide des Uri-Rotstocks
im Rücken, vorbei am schroffen Felskopf der Rigi-Hochfluh mit
seinem langen dunkelgrünen Waldbart, der wie ein dichter Moosteppich
zum BRUNNEN hinunter fällt – auch ohne RüTLIschwur
und aufBAUENdes Zwyssigmorgenrot ist für lokalpatriotische Erhebung
gesorgt.
Einmal in Bewegung, kann man die beschwingte See-le nicht nur auf
dem SEELISBERG, sondern auf dem ganzen See baumeln lassen. Der Ruf
der Alpen findet in den steilen Felswänden des Urnersees sein
hundertfaches Echo; in Stein gehauene Klänge, gefangene Töne,
geborgene, verborgene und verbogene Lieder, fossile Melodiefetzen,
versteinerte Engelsstimmen, tiefgefrorene Sinfonien, Felsen im tiefen
Abendrot, deep purple in rock. Die Berge singen ihr Lied, und dieses
Melos Montis ist hier ganz klar zu hören, wenn man die Ohrmuschel
zu ihrem Ursprung führt.
A Zoom with a View
“Negschtschtopproschenarenäxtrhaltweggisweg-gis. Beimauschteigenbittebillette
vorweisenpresantewobiliealasortischoyurtikketswenyugoäteländing!”
Der Weg war das Ziel. Festland in Sicht! Angekommen und in schäumender
Gischt angelegt, kommt einem Mani Matters Lied vo de Bahnhöf
in den Sinn, “wo de Zug gäng scho abgfahren isch, oder
nonid isch cho...”
Wo verläuft die Grenze zwischen Illusion und Realität?
Die Schifflände als Mysterium, als Spiegelung der paradoxen
Natur des Lichts, teils Welle, teils Partikel; als geheimnisvolle
Utopie — kein Ort, nirgends — zwischen Land und See;
zwar noch nicht (über)flüssiger, aber auch nicht mehr ganz
fester Boden unter den Füssen, in Aequidistanz zu Mutter Erde
und Vater Wasser. Und wenn das dicke Dampfschiff schnaubend und stampfend
den Steg verlässt, verschiebt sich die Station in die Gegenrichtung
und schwimmt davon, Einsteins abstrakte Relativitättheorie auf
stupende Art veranschaulichend. Aktion gleich Reaktion.
Die Schifflände legt ab, der Boden unter den Füssen wankt,
das Schiff schwankt, der See ruht, die Seele singt. Woher weht der
Wind? Station ahoi – WEGG-IS!
John
Wolf Brennan