Römische Geschichten
Auch in der ewigen Stadt beginnt ein richtiger Tag an der Stehbar.
Der scharfe Espressogeruch, das Röcheln der Maschine beim Auslaufen
des ölig-zähflüssigen Kaffees, das Aufschäumen
der Milch für den caffèlatte, das leise Geklirr der Tassen
zeigt an, dass die Welt in Ordnung ist und la dolce vita – ein
Zuckerschlecken! – den Gaumen kitzelt. Hotels sind auf Frühstück
nicht eingerichtet, das “Breakfast Buffet” bleibt eine
schlecht getarnte Alibiübung. Am besten geht man daher in die
nächste Bar. Das ist billiger, der cappuccino oder macchiatto
schmeckt besser, die cornetti con crema und fagottini con ciocollata
sind nicht ganz so klebrig süss, und man erlebt erst noch eine
kurzweilige Filmszene nach der anderen. Hier hat sich eine Snackbar-Kultur
entwickelt, die meilenweit vom amerikanischen Fastfood entfernt ist
und eine kulinarisch aufregende Vielfalt von tramezzini, medaglioni,
panini, pizzette und tortini anbietet. Dazu trinkt man ein Glas Wein,
Mineralwasser und – überall frisch zubereitet – eine
spremuta d‘arancia. “Ueber d‘Gass” auf ingeniöse
Römer Art: Alufolie aufs heisse Espressoglas, und der Kaffee
schmeckt auch noch im fünften Stock des Bürohochhauses
nebenan nicht nach Styropor und Plastik.
Solchermassen gestärkt, kann es getrost auf Stadterkundung
gehen. In Rom sind sogar die Grashalme historisch! Es empfiehlt sich,
zuerst einmal in den grosszügig angelegten Villa Borghese-Park
zu laufen, und sich dort mit dem Heissluftballon auf die luftige
Höhe von 150 Metern tragen zu lassen, um sich einen Ueberblick über
die grandiosen Ausmasse Roms zu verschaffen. Der Piazza del Popolo
und die spanische Treppe mit dem berühmten Fontana di Trevi
(Fellinis Dolce Vita) sind nur einige Gehminuten entfernt. Gutes
Schuhwerk ist allerdings für eine weitere Erkundigung auf dem
kilometerlangen Pflastersteinparcours unabdingbar: es gibt nur zwei
Metro-Linien, welche die Altstadt grossräumig umfahren, und
die meist vollgepferchten öffentlichen Busse funktionieren nach
einem so chaotischen Fahrplan, dass Schusters Rappen einem schneller
und lockerer ans Ziel bringen. Ausserdem parkieren die Römer
ihr Lieblingsspielzeug – la macchina – an allen möglichen
und unmöglichen Orten, also auch auf Fussgängerstreifen
und Trottoirs, sodass man nicht selten über Kotflügel und
Stossstangen steigen muss. Je kleiner, desto lieber: Rom hat die
wohl grösste Smart- und Mini-Dichte, welche die alten Cinquecentos
und Vespa-Dreiräder verdrängt haben. Velos sind relativ
selten, hingegen pfurren alle möglichen Scooters, Mopeds und
Mofas um die Wette. Ein alltäglicher Circus maximus – wie
im alten Schweizergardisten-Witz aus dem Vatikan: was heisst urbi
et orbi auf Schwyzertütsch? Nützts nüt, so schadts
nüt..
John
Wolf Brennan