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von 2004


 
Schnittstellen: In the Cut

Zu Jane Campions neuem Film mit Meg Ryan

In der Welt der Computer (und das heisst immer mehr: in unserer Welt) sind Schnittstellen ein magisches Zauberwort. Ueber sie und nur durch sie kommunizieren Drucker mit Mainframes, Videocams mit MP3-Playern, Handies mit Harddisks, Bancomaten mit Zentralen, Marsroboter mit Satellitenschüsseln, Meteosensoren mit Websites, Atomuhren mit Zeitansagen und bald auch Espressomaschinen mit Bügeleisen an den Kreuzungen und Peripherien der virtuellen Datenautobahnen, die sich kreuz und quer ins Dickicht unserer Heimstätten und Heim-Städte schlagen: ein heillos unübersehbarer, aber portionenfertig à la minute angerichteter Datensalat in der schönen neuen Welt der digitalen Dekonstruktion.

In der Welt des Films wimmelt es von Schnittstellen. “In the Cut” zeigt sie nicht nur von der digital-virtuellen, sondern von der handgreiflich-zupackenden Art. Von Frauen herausragend gespielt (Meg Ryan als Englischlehrerin Franny Avery, Jennifer Jason Leigh als ihre Halbschwester Pauline), gedreht (“The Piano”-Regisseuse Jane Campion), geschrieben (Susanna Moore) und produziert (Nicole Kidman), werden diese Schnittstellen als vielschichtige, wuchtige Metaphern auf eindringliche Weise miteinander verknüpft. Rückblenden zu Kindheitserinnerungen ans Schlittschuhlaufen und die scharfen Eiskufenfiguren; die messerscharfen Augen der Hauptdarstellerin, als sie auf der Toilette einer Bar zufällig Zeugin eines Blow-Jobs wird und ihren Blick nicht mehr abwenden kann, also zur Voyeurin wird (und wir als Kinozuschauer zum Voyeur des Voyeurs); die halb genuschelten, halb gesäuselten Zoten des Detective Molloy (Mark Ruffalo), der – ganz Schwanz, ganz Pistole – zielorientiert auf die weiblichen Cu(n)ts hinsteuert, aber nur bei Franny ins Schwarze trifft; derweil sein Kollege Rodriguez (Nick Damici) mit dem Messer ans Werk geht und aus den Schnittstellen des modernen Jack the Ripper literweise Blut fliesst. Selbst die Rolltitel sehen aus wie in Baumrinden geschnitzte Runen. Auch die Kameraführung, die sich deutlich an die Wackelbild-Aesthetik der dänischen Dogma- Bewegung anlehnt, trägt in Verbindung mit dem bald unscharfen, bald verwischtem Schnitt und den düsteren Farben (New York als Chiffre für die Hoffnungslosigkeit der Grossstadt) zum Eindruck einer “geschnittenen” Realität bei, in der wir alle, mehr oder weniger vom Leben verwundet, auf ein bisschen Liebe hoffen und doch immer wieder auf unsere Existenz zurückgeworfen werden.

Männer fallen flach in Jane Campions Film: als impotente Schwuchteln, dummdreiste Schüler, hilflose Taxifahrer und als feixendes Polizisten-Duo, dessen eine (geschnittene) Hälfte trotz penetrantem Macho-Gehabe weder seinen Trieben noch dem Serienmörder Herr wird und schlussendlich von seinen dessen andere am Fusse eines symbolisch roten Leuchtturms endet: ein Heldentod als Abfallsack, spektakulär traurig und verloren.

Nebenbei spielt Meg Ryan die Rolle ihres Lebens, verabschiedet sich radikal vom Image des Hollywood-Liebchens und katapultiert den berühmtesten Fake-Orgasmus der Filmgeschichte (in “When Harry met Sally”) nahtlos in die reale Gegenwart, diesmal echt. Die englische Rückübersetzung des deutschen Begriffs Schnittstelle (“interface”) erhält durch diesen nachhaltig wirkenden Film eine neue, verstörend aktuelle Bedeutung: von Angesicht zu Angesicht.


John Wolf Brennan

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