Schnittstellen: In the Cut
Zu Jane Campions neuem Film mit Meg Ryan
In der Welt der Computer (und das heisst immer mehr: in unserer
Welt) sind Schnittstellen ein magisches Zauberwort. Ueber sie und
nur durch sie kommunizieren Drucker mit Mainframes, Videocams mit
MP3-Playern, Handies mit Harddisks, Bancomaten mit Zentralen, Marsroboter
mit Satellitenschüsseln, Meteosensoren mit Websites, Atomuhren
mit Zeitansagen und bald auch Espressomaschinen mit Bügeleisen
an den Kreuzungen und Peripherien der virtuellen Datenautobahnen,
die sich kreuz und quer ins Dickicht unserer Heimstätten und
Heim-Städte schlagen: ein heillos unübersehbarer, aber
portionenfertig à la minute angerichteter Datensalat in der
schönen neuen Welt der digitalen Dekonstruktion.
In der Welt des Films wimmelt es von Schnittstellen. “In the
Cut” zeigt sie nicht nur von der digital-virtuellen, sondern
von der handgreiflich-zupackenden Art. Von Frauen herausragend gespielt
(Meg Ryan als Englischlehrerin Franny Avery, Jennifer Jason Leigh
als ihre Halbschwester Pauline), gedreht (“The Piano”-Regisseuse
Jane Campion), geschrieben (Susanna Moore) und produziert (Nicole
Kidman), werden diese Schnittstellen als vielschichtige, wuchtige
Metaphern auf eindringliche Weise miteinander verknüpft. Rückblenden
zu Kindheitserinnerungen ans Schlittschuhlaufen und die scharfen
Eiskufenfiguren; die messerscharfen Augen der Hauptdarstellerin,
als sie auf der Toilette einer Bar zufällig Zeugin eines Blow-Jobs
wird und ihren Blick nicht mehr abwenden kann, also zur Voyeurin
wird (und wir als Kinozuschauer zum Voyeur des Voyeurs); die halb
genuschelten, halb gesäuselten Zoten des Detective Molloy (Mark
Ruffalo), der – ganz Schwanz, ganz Pistole – zielorientiert
auf die weiblichen Cu(n)ts hinsteuert, aber nur bei Franny ins Schwarze
trifft; derweil sein Kollege Rodriguez (Nick Damici) mit dem Messer
ans Werk geht und aus den Schnittstellen des modernen Jack the Ripper
literweise Blut fliesst. Selbst die Rolltitel sehen aus wie in Baumrinden
geschnitzte Runen. Auch die Kameraführung, die sich deutlich
an die Wackelbild-Aesthetik der dänischen Dogma- Bewegung anlehnt,
trägt in Verbindung mit dem bald unscharfen, bald verwischtem
Schnitt und den düsteren Farben (New York als Chiffre für
die Hoffnungslosigkeit der Grossstadt) zum Eindruck einer “geschnittenen” Realität
bei, in der wir alle, mehr oder weniger vom Leben verwundet, auf
ein bisschen Liebe hoffen und doch immer wieder auf unsere Existenz
zurückgeworfen werden.
Männer fallen flach in Jane Campions Film: als impotente Schwuchteln,
dummdreiste Schüler, hilflose Taxifahrer und als feixendes Polizisten-Duo,
dessen eine (geschnittene) Hälfte trotz penetrantem Macho-Gehabe
weder seinen Trieben noch dem Serienmörder Herr wird und schlussendlich
von seinen dessen andere am Fusse eines symbolisch roten Leuchtturms
endet: ein Heldentod als Abfallsack, spektakulär traurig und
verloren.
Nebenbei spielt Meg Ryan die Rolle ihres Lebens, verabschiedet sich
radikal vom Image des Hollywood-Liebchens und katapultiert den berühmtesten
Fake-Orgasmus der Filmgeschichte (in “When Harry met Sally”)
nahtlos in die reale Gegenwart, diesmal echt. Die englische Rückübersetzung
des deutschen Begriffs Schnittstelle (“interface”) erhält
durch diesen nachhaltig wirkenden Film eine neue, verstörend
aktuelle Bedeutung: von Angesicht zu Angesicht.
John
Wolf Brennan