Urinstinkt
Ein Ständerat an die Männer
Ausnahmsweise – liebe Leserinnen – richtet sich diese
Kolumne vorwiegend an den männlichen Teil der Leserschaft .
Genauer gesagt: an den aufrecht stehenden. Die Damen sind also höflich
gebeten, über den ersten Abschnitt dieses Toiletten-Artikels
diskret hinwegzusehen. Es geht nämlich um ein eminent maskulines
Geschäft, das mehrmals täglich – meist im Stehen – erledigt
wird. Kurz: die Herren der Schöpfung nehmen sich einmal mehr
mit Vorteil unsere souveränen Politiker im Parlament zum Vorbild.
Auch eine Ständeratsitzung erfolgt nämlich meist sitzend,
der dort gefasste Beschluss passiert abschliessend das Ständemeer
(welches, wie wir wissen, rund 70% des Globus bedeckt) und wird dann,
wie jedes ordentliche Geschäft, verabschiedet.
Genau dieses bedächtige Prozedere ist nun auf dem häuslichen
Thron gefordert, der über dem hygienisch-hydrologischen Zugang
zu den Weltmeeren in jedem Haus installiert ist, sofern es sich nicht
gerade um ein Plumpsklo in einem Tessiner Rustico oder das schlingernde
Zugs-WC in einem Pendolino handelt, und zwar nicht nur für längere,
stuhlgängig klorollend comixlesend begleitete Sitzungen, sondern
auch für die kurzen, sozusagen liquiden Geschäfte. Was
bei unseren höhlenbewohnenden Vorfahren noch sinnvoll war, der
genetisch vererbte Urinstinkt zum Fluchtreflex und zur Territoriumsmarkierung,
ist in der modernen Welt (mit Ausnahme des Pissoirs, diesem Hort
archaischer Rituale) obsolet geworden. Der Titel dieser Kolumne lässt
sich auch auf der dritten Silbe betonen.
Es sind längst nicht nur ein paar verstreute Feministinnen,
die vom starken Geschlecht dieses kleine Opfer einklagen. Das Thema
ist mehrheitsfähig geworden: Frauen fordern das Ende der Stehpinklerei!
Aus dieser Not heraus hat sich in Bern ein Schüsselverein konstituiert
(VBS – Verein bärenstarker Sitzpinkler). Gerade für
stramm gesinnte Eidgenossen sollte es eine Selbstverständlichkeit
sein, die Brille runter und ihre Poebene drauf zu legen. Und wenn
mann es immer noch nicht glauben kann: ein einfacher Selbstversuch überzeugt
selbst den standhaftesten Stehpinkler davon, sein Geschäft im
Sitzen zu erledigen. Wenn nämlich durch die Einnahme eines harmlosen
Farbstoffes (Phenolphthalein, erhältlich in jeder Apotheke)
der Urin verfärbt wird, wird die signifikante Korrelation zwischen
Tröpfchenstreuverlust und Harnstrahllänge evident. Und
wer putzt hinterher? Eben...
So, liebe Leserinnen, spätestens jetzt dürfen Sie wieder
hingucken – der folgende Tipp zur anregenden Lektüre gilt
ebenso für sie. Ein zutiefst menschliches Bedürfnis und
wie man sich seiner entledigt(e) – von der Antike bis in die
Gegenwart. Das ist das Thema eines spannenden Buches. Der Autor fragt
darin, wie die Notdurft in verschiedenen Epochen verrichtet wurde,
wie es um die Hygiene, den technischen Fortschritt, die Ökonomie
und Ökologie und die sozialen Unterschiede der “Thronfolger” steht.
(Daniel Furrer: Wasserthron und Donnerbalken. Eine kleine Kulturgeschichte
des stillen Örtchens. Primus Verlag 2004
John
Wolf Brennan