Zehenverkehr.smittel
Das Plätscherbad von DRS3 samt gnadenlos aufgekratzten Moderatoren
und multimedialen Overkill-Jingles kann man ja eigentlich nur bei
grossflächigem Stromausfall oder während einer Ueberlebenswoche
im Zivilschutzkeller einigermassen unbeschadet ertragen. Coiffeursalons,
Trendbars und Telefonwarteschlaufen, in denen es abgenudelt wird,
sollten freiwillig in Konkurs gehen, andernfalls Ed Fagan mit einer
ohrenfälligen Sammelklage echte Chancen hätte...
Wie angenehm heben sich da die lyrischen Ergüsse der Verkehrs-Nachrichten
ab. Die Botschaft von der Strasse wird weit unter ihrem literarischen
Wert verkauft. Ohne sie gäbe es weder “Dichternebel”, “Leichterregen(d)” noch
den zähf(l)üssigen “Zehenverkehr”. Die ganze
Radiohörerschaft ist dazu aufgerufen, poetische Botschaften
lustvoll zu entziffern. “Dichternebel auf der A2”.
Das bedeutet: Poesie über der Autobahn, Versfüsse auf den
Pannenstreifen. Leichte Geh-danken fliessen, schwere wälzen
sich mehrspurig und 40tönnig vom Entlebuch nach Amsterdam, von
Grosswangen über Lieli nach Berlin und von Frankfurt nach Hergiswil
am Napf. Hie ein Stau an der Stelle des Baues, da ein Schädlein
am Bleche, dort ein Xenonscheinwerferchen am romantisch verklärten
Horizont, von den sehnsüchtig flimmernden Blaulichtern der Landjäger
eingeholt, auf der Suche nach der ewig blauen, promillefreien Blume.
Der Nebel löst sich auf, der Dichter hat die Autobahn verlassen,
weil er inzwischen wohlbehalten auf dem heimischen Sofa angekommen
ist und sich auf die Tagesschau freut – der unweigerlich die
Wettervorhersage folgen wird, diesmal vom Dach der Welt – pardon:
des Leutschenbachs. Verkehrsteilnehmer melden: “Zehenverkehr
vor dem Brüttiseller Kreuz” Das bedeutet wohl: herkömmliche
Liebkosungen auf dem Rücksitz sind nicht mehr gefragt. Staumelder
schwören neuerdings auf Zehenverkehr in der Kreuzgegend, unter
Einsatz von ätherischem Massageölwechsel, aromatherapeutischen
Duftbäumen, Holzkugelsitzauflagen mit erektiler Dysfunktion,
Nummernkissen, Lammfellen, klimatisiertem Becherhalter, höhenverstellbarem
Lederlenkrad, Handyfreisprechanlage, vollautomatischem Sexgangtrieb
mit Klimax kurz vor dem Bareggtunnel. Endlich kommt Bewegung in die
Socken. Gut für die Durchblutung, ideal für den Single-Haushalt.
Hopp Schwitz – Via Suisse!
Verkehr ist Privatsache, mindestens für alle Benützer
des PKW. Verkehr ist aber auch Glückssache – an diese
unumstössliche Tatsache werden Verkehrsteilnehmer durch die
leuchtend gelben Affichen des Bundesamts für Gesundheit erinnert: “An
alle Fahrgäste: Im Privatverkehr sind Sie für Ihre Sicherheit
selbst verantwortlich. STOP.”
John
Wolf Brennan