Cortona: Ein Stein in der Toskana
Vor 100 Jahren entdeckte ein Berner Patentamtangestellter die spezielle
Relativitätstheorie – (k)ein Stein des damaligen Wissenschaftsgebäudes
blieb auf dem anderen. Vor 20 Jahren entdeckte das Zürcher
Polytechnikum – die ehrwürdige Eidgenössische Technische
Hochschule – ihre ganz spezielle Relativitätspraxis
in der Toskana. Das ehemalige Kloster “Oasi“, (nomen
est omen!) von Padre Angelo geleitet (ora et labora) und mit einem
langen Refektorium, zwei Kapellen und der klostereigenen Grappadistillerie
gesegnet, war 1985 zum ersten Mal Begegnungsort einer Seminarwoche,
die unter dem – damals durchaus revolutionären – Motto “Naturwissenschaft
und die Ganzheit des Lebens“ Geschichte schreiben sollte.
In der zweiten Septemberwoche versammelten sich auch dieses Jahr
wieder 150 Wissenschaftler und Künstler, Studierende und Professoren,
Lehrende und Lernende, Novizen und Doktorierende, Referenten und
Workshopleitern aus aller Welt im inzwischen zum Hotel umfunktionierten “Oasi“.
Der Klostergarten mit der atemberaubenden Aussicht auf die fein abgestufte
Landschaft, am Horizont die sanft geschwungene Kuppe des Monte Amiata,
der bei den Etruskern als heiliger Berg galt; die vorzügliche
toskanische Küche und die Tatsache, dass sämtliche Teilnehmer
sich für die ganze Woche verpflichten, also auch Tage nach dem
Vortrag sich noch Gelegenheit für kritische Fragen an die Referenten
bietet – diese Rahmenbedingungen machten Cortona von Anfang
an zu einem einzigartigen Seminar, zu einer “Akademie“ im
ursprünglich griechischen Sinn: ein Ort des Dialogs, des Austauschs
der “gelehrten“ und der “lernenden” Gesellschaft.
Die eine kann ohne die andere nicht sein. “Wer nichts als die
Chemie versteht, versteht auch die nicht recht” – dieser
nur scheinbar paradoxe Aphorismus von Lichtenberg stand am Anfang
der Idee, die Spaltung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften
wenigstens einmal im Ausbildungsgang der Studierenden zu überbrücken.
1985 initiert von Professor Pier Luigi Luisi und die ersten Jahre
grosszügig unterstützt vom Unternehmer und Mäzen Branco
Weiss, hat sich diese Seminarwoche auch ausserhalb der rein akademischen
Zirkel einen klingenden Namen erarbeitet. Sie ist global vernetzt:
die Herkunft der Teilnehmer (Schweiz, USA, China, Indien, Kuba, Iran,
Vietnam, Taiwan, Kanada, Israel, Palästina, Japan, Argentinien,
Chile, Guinea Bissau, Europa) ist so divers wie die abgehandelten
Themen (global – local, Mind Matters, Curiosity & Creativity,
sciencEmotions, Metamorphose, Grenzen, Mythos und Wissenschaft).
Unter den Dozenten finden sich Nobelpreisträger und illustre
Namen wie Francisco Varela, David Steindl-Rast, Renuka Singh, Reinhard
Nesper, Rupert Sheldrake, Hazel Henderson, Hans-Peter Dürr,
Ingrid Riedel, Herbert Pietschmann, Hans Peter Fischer, Christiane
Thürmer-Rohr, Weiming Tu, Alexander Lowen, Adolf Muschg, Iso
Camartin sowie LSD-Erfinder Albert Hofmann.
Seit 20 Jahren steht der Name “Cortona“ nicht mehr nur
für eine zauberhafte, hoch über dem Chianatal thronende
Etruskerstadt, sondern für eine Pionierleistung der ETH Zürich:
Ein Stein. Auf dem andern.
Website www.cortona.ch
John
Wolf Brennan