Ueber die Erlebnisgesellschaft
Mit “Kleider machen Leute“ schrieb Gottfried Keller
eine hintersinnige Parabel über die allzu menschliche Leichtgläubigkeit
und die Diskrepanz zwischen Schein und Sein. Wer heute den Begriff "Gesellschaft" in
den Mund nimmt, muss differenzieren: ist die “Kommunikationsgesellschaft“ (Richard
Münch), die “Risikogesellschaft“ (Ulrich Beck),
die "Gesellschaft der Gesellschaft" (Niklas Luhmann) oder
etwa die Erlebnisgesellschaft gemeint? Gerhard Schulze hat letztere
nicht entdeckt, ihr aber als erster eine kultursoziologisch umfassende
Studie gewidmet und damit das Garn weitergesponnen, das Kleider erst
zu Leuten macht. Es wurde auch Zeit. Wer sich hinter IKEA-Wohnwänden
und Fernseh-Flachbildschirmen verbarrikadiert, wer seine “bluemete
Trögli“-Mentalität als wohlsituierten Bürgersinn
pflegt oder glaubt, sich mit seiner Klassik-CD-Sammlung von der angeblich
so primitiven "Blick"- und "Glückspost"-Leserschaft
abheben zu können, der verrät sein Milieu.
Schulze unterscheidet fünf Typen: im (1) Harmoniemilieu relaxt
der Kleinbürger, der seine Geborgenheit in der Distanz zur Hochkultur
und in der trivialen Heimatümelei von volksdümmlichen Schlagerhelden
sucht. Das Traum-Erlebnis im (2) Unterhaltungsmilieu erfüllt
sich in einer kurzen "Bacardi Time" zwischen Abfahrtslauf
und Wellness-Whirlpool. Im (3) Integrationsmilieu tummeln sich die
aufgeklärten Spiesser in der Aura wohliger Durchschnittlichkeit.
Man verbindet sich zur "netten Runde", in der niemand aus
der Reihe tanzt. Im (4) Niveaumilieu finden wir die Alphatiere, die
Bildungsbürger, die ihren gesellschaftlichen Rang in der Distanz
gegenüber dem Trivialen positionieren. Das (5) Selbstverwirklichungsmilieu
ist der Ort der unreflektiert Trendsüchtigen, die ihrem Lifestyle
kurzlebige Etiketten wie "poppig", "cool" oder "provozierend" aufdrücken.
Im polyphonen Chor der Stimmen, die ihre geistigen Schrebergärtchen
hegen und pflegen und ihre Moral gerne als allgemein verbindlich
deklarieren, versucht Schulze die Einzelstimmen heraus zu filtern.
Wenn auch der Alltag mit endlosen Event-Bombardement und omnipräsenter
Werbung um jede Sekunde Aufmerksamkeit buhlt und so immer mehr zur
totalen Erlebnisgesellschaft wird, bleibt zu fragen, welche Bedeutung
dem Traum vom “totalen Erlebnis“ zukommt. Oder ist es
ein Alptraum? “Jetzt kannst Du was erleben!” ist heute
keine Drohung mehr, sondern ein von allen Seiten ständig einprasselnder
Ueber-Reiz. Wirkliches Erleben meint Innenleben. Der psychologisierende
Small Talk, der sich auf seine “Sozialkompetenz“ sogar
noch was einbildet, ist zur Zerrform einer Gesprächskultur geworden.
Diesem Verfall entspricht komplementär der Siegeszug des Event-Marketings,
der totalen Medialisierung aller Lebensformen. Wenn alles erlebbar
ist, auf Knopfdruck reproduzierbar, wird das Leben selbst flüssig.
Ueberflüssig.
Gerhard Schulze: Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der
Gegenwart. Frankfurt/New York 2000.
John
Wolf Brennan