Publikationen
von 2005


 
Ueber die Erlebnisgesellschaft

Mit “Kleider machen Leute“ schrieb Gottfried Keller eine hintersinnige Parabel über die allzu menschliche Leichtgläubigkeit und die Diskrepanz zwischen Schein und Sein. Wer heute den Begriff "Gesellschaft" in den Mund nimmt, muss differenzieren: ist die “Kommunikationsgesellschaft“ (Richard Münch), die “Risikogesellschaft“ (Ulrich Beck), die "Gesellschaft der Gesellschaft" (Niklas Luhmann) oder etwa die Erlebnisgesellschaft gemeint? Gerhard Schulze hat letztere nicht entdeckt, ihr aber als erster eine kultursoziologisch umfassende Studie gewidmet und damit das Garn weitergesponnen, das Kleider erst zu Leuten macht. Es wurde auch Zeit. Wer sich hinter IKEA-Wohnwänden und Fernseh-Flachbildschirmen verbarrikadiert, wer seine “bluemete Trögli“-Mentalität als wohlsituierten Bürgersinn pflegt oder glaubt, sich mit seiner Klassik-CD-Sammlung von der angeblich so primitiven "Blick"- und "Glückspost"-Leserschaft abheben zu können, der verrät sein Milieu.

Schulze unterscheidet fünf Typen: im (1) Harmoniemilieu relaxt der Kleinbürger, der seine Geborgenheit in der Distanz zur Hochkultur und in der trivialen Heimatümelei von volksdümmlichen Schlagerhelden sucht. Das Traum-Erlebnis im (2) Unterhaltungsmilieu erfüllt sich in einer kurzen "Bacardi Time" zwischen Abfahrtslauf und Wellness-Whirlpool. Im (3) Integrationsmilieu tummeln sich die aufgeklärten Spiesser in der Aura wohliger Durchschnittlichkeit. Man verbindet sich zur "netten Runde", in der niemand aus der Reihe tanzt. Im (4) Niveaumilieu finden wir die Alphatiere, die Bildungsbürger, die ihren gesellschaftlichen Rang in der Distanz gegenüber dem Trivialen positionieren. Das (5) Selbstverwirklichungsmilieu ist der Ort der unreflektiert Trendsüchtigen, die ihrem Lifestyle kurzlebige Etiketten wie "poppig", "cool" oder "provozierend" aufdrücken.

Im polyphonen Chor der Stimmen, die ihre geistigen Schrebergärtchen hegen und pflegen und ihre Moral gerne als allgemein verbindlich deklarieren, versucht Schulze die Einzelstimmen heraus zu filtern. Wenn auch der Alltag mit endlosen Event-Bombardement und omnipräsenter Werbung um jede Sekunde Aufmerksamkeit buhlt und so immer mehr zur totalen Erlebnisgesellschaft wird, bleibt zu fragen, welche Bedeutung dem Traum vom “totalen Erlebnis“ zukommt. Oder ist es ein Alptraum? “Jetzt kannst Du was erleben!” ist heute keine Drohung mehr, sondern ein von allen Seiten ständig einprasselnder Ueber-Reiz. Wirkliches Erleben meint Innenleben. Der psychologisierende Small Talk, der sich auf seine “Sozialkompetenz“ sogar noch was einbildet, ist zur Zerrform einer Gesprächskultur geworden. Diesem Verfall entspricht komplementär der Siegeszug des Event-Marketings, der totalen Medialisierung aller Lebensformen. Wenn alles erlebbar ist, auf Knopfdruck reproduzierbar, wird das Leben selbst flüssig. Ueberflüssig.

Gerhard Schulze: Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart. Frankfurt/New York 2000.

John Wolf Brennan

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