Homo ludens – der spielende Mensch
Haben Sie heute schon gespielt? Bevor Sie diese Frage mit einem
entrüsteten “Nein!” oder einem begeisterten “Ja!” beantworten,
lassen Sie uns kurz der Frage nachgehen, was denn “Spiel“ überhaupt
bedeuten könnte, wortspielerisch oder sportwilerisch, hin oder
her. In seinem Essay “Homo Ludens“ (1938) entfaltet der
niederländische Kulturhistoriker Johan Huizinga ein breites
Spektrum dieses grundlegenden Kulturelements. Der Mensch ist ein
Spieler. Ohne seine Lust und Fähigkeit zum Spielen hätten
sich ganz zentrale Bereiche seiner Kultur nie entwickeln können:
die Musik, die Dichtung, die Wissenschaft, der Sport, die bildende
Kunst oder die Philosophie.
Der Begriff “Spiel“ leitet sich in den germanischen
Sprachen ab vom gotischen “laikan“ (schnelle rhythmische
Bewegung); in den angelsächsischen von “lâcan“ (“to
swing, to wave about“), wie ein Schiff auf den Wellen, auch
vom Flattern der Vögel und vom Flackern der Flammen gebraucht.
Das englische “play“ ist überdies eng mit dem althochdeutschen “pflegan“ verwandt,
von dem unser modernes “pflegen“ abstammt. Pflege und
Spiel sind also seit jeher untrennbar miteinander verbunden. Dazu
kommt die musikalische (“Spielmann“ ist von “ioculator“, “jongleur“ abgeleitet)
und die erotische Bedeutung (vom mittelalterlichen Minnespiel über
das Sanskrit-Wort “krídaratnam“ – das Juwel
der Spiele, als Bezeichnung für den Beischlaf – bis zum
modernen “foreplay“/Vorspiel. Man kann zwar “ein
Spiel treiben“, das eigentlich zugehörige Zeitwort aber
ist spielen selbst. Man spielt ein Spiel. Mit anderen Worten: um
die Art der Tätigkeit auszudrücken, muss der im Substantiv
enthaltene Begriff wiederholt werden. Die Handlung ist also von so
besonderer und autonomer Art, dass sie aus dem gewöhnlichen
Rahmen herausfällt: Spielen ist kein Tun im üblichen Sinne.
Jedes Ritual hat seine spielerische Seite: die Ausrichtung des Wasserstrahls
bei der morgendlichen Dusche, die Falten die das achtlos über
die Stuhllehne geworfene oder kunstvoll über die Heizungsröhre
drapierte Badetuch wirft, die Farbe der ausgewählten Krawatte,
die Form des Kaffeeschäumchens auf der Espressotasse, das Knuspern
des getoasteten Brots, die Dicke der Honigschicht, das Schnurren
der schleunigst zu fütternden Hauskatze, der synkopische Schuhsohlenrhythmus
auf der Treppe, die erratischen Sprünge über die vom Regen übriggebliebenen
Pfützenmuster auf dem Trottoir, die Kadenz des Velo- und Handyklingelns,
der Beugewinkel der auf den Bus wartenden Teenager beim aufmerksamen
Studium der stummen SMS-Botschaften, das leise Spitzen der Bleistifte
am Bürotisch, das verstohlene Fingernägelschneiden mit
dem Minisackmesser, das stockende Klacksen der Computerkeyboardtasten
beim Beantworten der Emails: all dies hat eine schwer zu leugnende
spielerische Komponente, und eine noch schwerer zu erklärende
Faszination. Wir haben nicht nur einen unauslöschlichen Sinn
fürs Spielen, wir sind Spieler-Naturen. Im Plural. Und deshalb
hat sich die eingangs gestellte Frage spielerisch von selbst gelöst.
John
Wolf Brennan