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von 2005


 
Homo ludens – der spielende Mensch

Haben Sie heute schon gespielt? Bevor Sie diese Frage mit einem entrüsteten “Nein!” oder einem begeisterten “Ja!” beantworten, lassen Sie uns kurz der Frage nachgehen, was denn “Spiel“ überhaupt bedeuten könnte, wortspielerisch oder sportwilerisch, hin oder her. In seinem Essay “Homo Ludens“ (1938) entfaltet der niederländische Kulturhistoriker Johan Huizinga ein breites Spektrum dieses grundlegenden Kulturelements. Der Mensch ist ein Spieler. Ohne seine Lust und Fähigkeit zum Spielen hätten sich ganz zentrale Bereiche seiner Kultur nie entwickeln können: die Musik, die Dichtung, die Wissenschaft, der Sport, die bildende Kunst oder die Philosophie.

Der Begriff “Spiel“ leitet sich in den germanischen Sprachen ab vom gotischen “laikan“ (schnelle rhythmische Bewegung); in den angelsächsischen von “lâcan“ (“to swing, to wave about“), wie ein Schiff auf den Wellen, auch vom Flattern der Vögel und vom Flackern der Flammen gebraucht. Das englische “play“ ist überdies eng mit dem althochdeutschen “pflegan“ verwandt, von dem unser modernes “pflegen“ abstammt. Pflege und Spiel sind also seit jeher untrennbar miteinander verbunden. Dazu kommt die musikalische (“Spielmann“ ist von “ioculator“, “jongleur“ abgeleitet) und die erotische Bedeutung (vom mittelalterlichen Minnespiel über das Sanskrit-Wort “krídaratnam“ – das Juwel der Spiele, als Bezeichnung für den Beischlaf – bis zum modernen “foreplay“/Vorspiel. Man kann zwar “ein Spiel treiben“, das eigentlich zugehörige Zeitwort aber ist spielen selbst. Man spielt ein Spiel. Mit anderen Worten: um die Art der Tätigkeit auszudrücken, muss der im Substantiv enthaltene Begriff wiederholt werden. Die Handlung ist also von so besonderer und autonomer Art, dass sie aus dem gewöhnlichen Rahmen herausfällt: Spielen ist kein Tun im üblichen Sinne.

Jedes Ritual hat seine spielerische Seite: die Ausrichtung des Wasserstrahls bei der morgendlichen Dusche, die Falten die das achtlos über die Stuhllehne geworfene oder kunstvoll über die Heizungsröhre drapierte Badetuch wirft, die Farbe der ausgewählten Krawatte, die Form des Kaffeeschäumchens auf der Espressotasse, das Knuspern des getoasteten Brots, die Dicke der Honigschicht, das Schnurren der schleunigst zu fütternden Hauskatze, der synkopische Schuhsohlenrhythmus auf der Treppe, die erratischen Sprünge über die vom Regen übriggebliebenen Pfützenmuster auf dem Trottoir, die Kadenz des Velo- und Handyklingelns, der Beugewinkel der auf den Bus wartenden Teenager beim aufmerksamen Studium der stummen SMS-Botschaften, das leise Spitzen der Bleistifte am Bürotisch, das verstohlene Fingernägelschneiden mit dem Minisackmesser, das stockende Klacksen der Computerkeyboardtasten beim Beantworten der Emails: all dies hat eine schwer zu leugnende spielerische Komponente, und eine noch schwerer zu erklärende Faszination. Wir haben nicht nur einen unauslöschlichen Sinn fürs Spielen, wir sind Spieler-Naturen. Im Plural. Und deshalb hat sich die eingangs gestellte Frage spielerisch von selbst gelöst.

John Wolf Brennan

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